Muslimbrüder

Islamistische Konkurrenten

Von Wolfgang Günter Lerch
22.06.2012
, 15:49
Enge Kontakte zur Türkei: Mohammed Mursi, Präsidentschafsanwärter der ägyptischen Muslimbrüder
Saudi-Arabien unterstützt viele islamische Gruppierungen. Die ägyptischen Muslimbrüder aber werden manchen in dem wahhabitischen Land mittlerweile zu offen und „pluralistisch“: Grund ist ein Generationenwechsel bei den Muslimbrüdern.

Bei den Wahlen zum ägyptischen Parlament, das vor einigen Tagen vom Obersten Gericht für aufgelöst erklärt wurde, hatten die islamistischen Parteien 70 Prozent der Mandate errungen, darunter die Muslimbruderschaft mit ihrer Partei der Freiheit und Gerechtigkeit annähernd 50 Prozent. Dann folgten die in Ägypten seit Jahren immer stärker werdenden, in ihren Auffassungen radikaleren Salafisten. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass beide islamistische Parteien keineswegs so einträchtig miteinander agieren, wie viele das erwartet, andere befürchtet hatten. Zudem gilt es als wahrscheinlich, dass bei den vorgesehenen Neuwahlen, die das Militär nun ankündigen ließ, der islamistische Stimmenanteil kleiner sein wird als bei der vorigen Wahl, denn viele sind vom Handeln insbesondere der Muslimbrüder schon enttäuscht.

Immer stärker bemerkbar macht sich auch die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den ägyptischen Muslimbrüdern. Das muss erstaunen, denn Saudi-Arabien gilt seit langem als Förderer islamistischer Gruppen überall in der islamischen Welt. Doch zwischen dem wahhabitischen Saudi-Arabien und zumindest den ägyptischen „Ichwan al muslimin“ ist eine gewisse Entfremdung eingetreten, die sich schon lange angekündigt hatte. In der Muslimbruderschaft hat ein Generationswechsel stattgefunden, schon seit geraumer Zeit sind die Brüder von den striktesten Vorstellungen ihrer Gründergeneration, eines Hassan al Banna oder, später, eines Sajjid Qutb, abgekommen und haben sich - jedenfalls für ihre Verhältnisse - in der letzten Dekade der Mubarak-Ära „gemäßigt“.

Wie ein Held empfangen und gefeiert

Auch Mohammed Mursi, der jetzt das Präsidentenamt für sich beansprucht und seine Anhänger demonstrieren lässt, bekräftigt ja immer wieder, dass er auch mit anderen politischen Formationen und Gruppen zusammenarbeiten wolle und werde. Zwar streben die Muslimbrüder noch immer nach einer „gerechten Ordnung“ innerhalb eines islamischen Rahmens („Der Islam ist die Lösung“) , doch sind sie bereit, ein gewisses Maß an Pluralismus zu tolerieren. Dies hat auch mit ihren engen Kontakten zur Türkei zu tun, wo die islamisch konservative Regierungspartei AKP unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan für ein Modell des sunnitischen Islams steht, das - jedenfalls im offiziellen Regierungshandeln - Republik und säkularen Staat, wie sie seit dem Wirken Kemal Atatürks dort bestehen, nicht in Frage stellt.

Der Einfluss der türkischen AKP und ihres Vorbildes ist in den arabischen Ländern Nordafrikas schon lange wirksam; dies zeigt sich unter anderem darin, dass die ägyptischen „Brüder“ ihrer Partei einen Namen gegeben haben, der an den der AKP erinnert. In Marokko haben sich die Islamisten sogar genau an den Parteinamen in der Türkei gehalten.

Nach dem Sturz Präsident Mubaraks im Februar vor einem Jahr hatte Erdogan Ägypten besucht, war dort wie ein Held empfangen und gefeiert worden, was auch mit seiner inzwischen konfrontativen Haltung zu Israel zu tun hatte; aber auch mit einer langen Vorgeschichte. Erdogans islamistischer Ziehvater, der türkische Parteigründer und Islamistenführer Necmettin Erbakan, der zwischen 1996 und 1997 sogar einmal Ministerpräsident gewesen war, hatte immer enge Beziehungen zu den Muslimbrüdern unterhalten und diese besonders gepflegt. Freilich auch zu Saudi-Arabien. Allerdings war dies zu Zeiten gewesen, da die Muslimbrüder - wie andere islamistische Gruppen - von einer Machtausübung weit entfernt waren. Doch konnte auch Erdogan bei seinem Ägypten-Besuch an alte Kontakte und Beziehungen anknüpfen.

Merkwürdige Ideen, die an die Taliban erinnern

Zwar lehnten die Muslimbrüder sein damaliges Plädoyer für einen säkularen Staat nach türkischem Vorbild ziemlich eindeutig ab; doch die enge, ja freundschaftliche Verbindung blieb natürlich erhalten. Dies hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass der türkische Ministerpräsident, der nun schon zehn Jahre regiert, in seinem Land erhebliche Erfolge vorweisen kann, insbesondere wirtschaftliche. Bei säkular gesinnten Ägyptern schlägt dies noch weitaus mehr zu Buche.

Die ägyptischen Salafisten hingegen haben eine gegenteilige Entwicklung genommen. Ihre Vorstellungen von Staat und Gesellschaft entsprechen zwar auch nicht genau den saudischen, sind aber stark an die des saudischen Wahhabismus angelehnt. Vor den Parlamentswahlen traten sie mit so merkwürdigen Ideen an die Öffentlichkeit, man müsse die Statuen aus der Zeit der Pharaonen „verhüllen“, getrennte Badestrände für Touristen und Ägypter einrichten, dazu eine strenge Segregation der Geschlechter, wie sie in Saudi-Arabien tatsächlich praktiziert wird, und Ähnliches. Manchen fielen angesichts solcher Reden sogar die Taliban ein, die in Afghanistan zwischen 1996 und 2001 einen Steinzeit-Islam eingeführt hatten.

Streit um Immobilien in Mekka und al Medina

Den saudischen Unterstützern der Salafisten sind die ägyptischen Muslimbrüder längst zu offen und zu „pluralistisch“ gesinnt. Die „Brüder“ mögen in den Augen säkularer Muslime Islamisten reinsten Wassers sein, die man ablehnt oder auch fürchtet, in den Augen der Wahhabiten sind sie jedoch bereits Ab- und Aufweichler. In Saudi-Arabien ist das Herrscherhaus der Al Saud mit den Al Scheich verbunden, das heißt jener Theologen-Kaste, die völlig in der Tradition des Gründers des Wahhabismus, Muhammad Ibn Abd al Wahhab aus dem 18. Jahrhundert, steht. Diese wahhabitischen Religionsgelehrten fürchten nichts so sehr wie eine „Aufweichung“, die auch noch islamisch begründet sein könnte.

Eine Rolle spielt wohl auch der traditionelle Gegensatz zwischen der Türkei und Saudi-Arabien, gerade zu einer Zeit, da die Türken wieder mehr Einfluss auf die nahöstliche und nordafrikanische Region haben, die sie einmal beherrschten. Schon der Gründer des Wahhabismus richtetet seine Bewegung in erster Linie gegen die Türken, damals die Osmanen, deren Islam er als „verderbt“ und „lax“ zu geißeln begann. In Saudi-Arabien bezieht man sich auf die strikte Rechtsschule des Ahmad Ibn Hanbal, während die Türken traditionell dem Abu Hanifa folgen, dessen Rechtsschule, die hanafitische, als „liberaler“ gilt. Immer wieder einmal streiten Saudi-Arabien und die Türkei auch um Immobilien an den heiligen Stätten in Mekka und al Medina, die noch aus der Zeit stammen, da die Osmanen über den heiligen Bezirk herrschten.

Saudi-Arabien versteht sich heute als die Vormacht des Sunnitentums, insbesondere in der Konfrontation mit den Schiiten in Iran. Doch in der Türkei ist ihm wieder ein wichtiger Konkurrent erwachsen, der mehr und mehr Einfluss auf Muslime nimmt, die Riad eigentlich immer als seine Klientel ansah.

Quelle: F.A.Z.
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