Witwe von Jovenel Moïse

„Ich lebe, aber ich habe meinen Mann verloren“

10.07.2021
, 20:37
Martine (Mitte) und Jovenel Moïse im Mai 2018 beim Besuch der spanischen Königin Letizia in Port-au-Prince.
In einer Audiobotschaft schildert Martine Moïse, die Ehefrau des ermordeten haitianischen Präsidenten, das brutale Vorgehen des Killerkommandos. Unterdessen warten die USA weiter ab.
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Nach der Ermordung des haitianischen Präsidenten Jovenel Moïse hat dessen Witwe sich erstmals öffentlich zu dem Attentat geäußert. „Ich lebe, aber ich habe meinen Mann verloren“, sagte Martine Moïse in einer Audiobotschaft, die am Samstag im Onlinedienst Twitter veröffentlicht wurde. Die Authentizität der Aufnahme wurde von Haitis Kommunikationsminister Pradel Henriquez bestätigt.

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Der Staatschef war in der Nacht zum Mittwoch in seinem Haus in Port-au-Prince erschossen worden. Nach Polizeiangaben war ein Mordkommando aus „26 Kolumbianern und zwei US-Bürgern haitianischer Herkunft“ an dem Attentat beteiligt. Martine Moïse wurde bei dem Anschlag verletzt und zur Behandlung nach Miami ausgeflogen.

„Innerhalb eines Wimpernschlags drangen die Söldner in mein Haus ein und durchlöcherten meinen Mann mit Kugeln, ohne ihm auch nur die Chance zu geben, ein Wort zu sagen“, sagte Moïse in der Audiobotschaft. Es dürfe nicht zugelassen werden, „dass sein Blut umsonst vergossen wurde“. Ihr Mann habe sich für den Ausbau der Infrastruktur und für Wahlen im Herbst eingesetzt, sagte Martine Moïse. „Das ist ein Kampf, den er für uns geführt hat, er muss fortgesetzt werden.“

Die USA wollen nach dem Mordanschlag Berichten zufolge vorerst keine Truppen nach Haiti schicken. „Es gibt zur Zeit keine Pläne, US-Militärhilfe zu leisten“, zitierte die New York Times am Freitag einen ranghohen US-Regierungsbeamten. Haitis Interimsregierung hatte die frühere Besatzungsmacht gebeten, Truppen zu schicken, um bei der Sicherung von für die Infrastruktur wichtigen Orten zu helfen, wie Wahlminister Mathias Pierre internationalen Medien sagte. In Port-au-Prince zeichnete sich ein Machtkampf ab: Der Senat wählte einen neuen Übergangspräsidenten.

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Oberhaus nicht beschlussfähig

Das Oberhaus des haitianischen Parlaments ist seit Januar 2020 allerdings nicht mehr beschlussfähig. Acht der zehn noch amtierenden Senatoren stimmten nach Medienberichten am Freitag dennoch für den bisherigen Senatspräsidenten Joseph Lambert als Übergangs-Nachfolger des Staatschefs Moïse. Zwei enthielten sich demnach. „Ich spreche den politischen Institutionen, die mich unterstützen, meine bescheidene Dankbarkeit aus“, schrieb Lambert auf Twitter. Er wolle den Weg für einen demokratischen Machtwechsel ebnen. Im September sind in Haiti Präsidenten- und Parlamentswahlen geplant.

Lamberts Wahl gilt als Herausforderung des Machtanspruchs des Interims-Premierministers Claude Joseph. Es war jedoch zunächst unklar, ob Lambert tatsächlich das Amt des Übergangspräsidenten antreten und einen eigenen Premierminister ernennen kann. Weil eine für Oktober 2019 vorgesehene Parlamentswahl unter anderem wegen heftiger Proteste gegen Moïse ausgefallen war, gibt es nur noch zehn von 30 Senatoren, deren Amtszeiten nicht abgelaufen sind. Im Unterhaus, der Abgeordnetenkammer, sitzt niemand mehr.

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Mehrere politische Parteien und Bewegungen in dem Karibikstaat, der sich die Insel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt, hatten sich einem gemeinsamen Schreiben zufolge auf Lambert als Interims-Staatschef geeinigt. Interims-Premierminister und damit Regierungschef soll demnach der Neurochirurg Ariel Henry werden. Den hatte Moïse am Montag zum siebten Premier seiner Amtszeit ernannt.

Henrys Vereidigung war nach dem Attentat aber ausgefallen. Der Außenminister Joseph, der seit April Interims-Premierminister war, erklärte seinen einstweiligen Verbleib im Amt. Er hielt in den vergangenen Tagen Ansprachen an die Nation, unterzeichnete Erlasse und führte Gespräche mit Vertretern ausländischer Regierungen. In einem Interview der haitianischen Zeitung Le Nouvelliste sagte Henry, seiner Ansicht nach sei er Premierminister - nicht Joseph.

20 Verdächtige festgenommen

Bisher wurden 20 Tatverdächtige des Mordkommandos festgenommen und drei getötet. Kolumbiens Führung hat 13 frühere Soldaten des südamerikanischen Landes als mutmaßlich Beteiligte identifiziert.

Die Hintergründe der Tat waren unklar. Einige Aktivisten und Politiker äußerten den Verdacht, es handle sich um einen Putsch. Nach Berichten von Le Nouvelliste wurden mehrere Personen für Ermittlungen zu dem Attentat in den kommenden Tagen zur Staatsanwaltschaft gebeten – darunter die für die Sicherheit des Präsidenten zuständigen Männer sowie Oppositionspolitiker und zwei mächtige Geschäftsmänner, die sich im Ausland aufhalten sollen.

Haitianer vor der amerikanischen Botschaft in Port-au-Prince hoffen am Freitag, als Flüchtlinge anerkannt zu werden
Haitianer vor der amerikanischen Botschaft in Port-au-Prince hoffen am Freitag, als Flüchtlinge anerkannt zu werden Bild: EPA

Proteste gegen Moïse, der seit 2017 im Amt war, hatten Haiti zuletzt immer wieder lahmgelegt. Ihm wurden Korruption, Verbindungen zu brutalen Banden und autokratische Tendenzen vorgeworfen. Im Februar ernannten Oppositionsparteien einen Übergangspräsidenten, weil aus ihrer Sicht Moïses Amtszeit abgelaufen war. Zuletzt trieben blutige Kämpfe zwischen Banden um die Kontrolle über Teile der Hauptstadt Tausende Menschen in die Flucht und behinderten den Warenverkehr. Die Durchführbarkeit der geplanten Wahlen ist daher fraglich.

Quelle: dpa/AFP
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