Naftali Bennett

Der Mann mit dem richtigen Timing

Von Jochen Stahnke, Tel Aviv
13.06.2021
, 21:43
Naftali Bennett am 13. Juni in Jerusalem
Naftali Bennett führt eine Splitterpartei und wird neuer Ministerpräsident von Israel. Sein Lebensweg deutete darauf nicht zwangsläufig hin.

Vor zwei Jahren noch verpasste Naftali Bennett mit seiner Partei den Einzug in die Knesset, und nun wird er mit fünf Prozent der Wählerstimmen bei der Parlamentswahl und nur der Zustimmung von sechzig der 120 Knesset-Abgeordneten Israels dreizehnter Ministerpräsident. Er löst Benjamin Netanjahu ab, den mit insgesamt 15 Jahren Amtszeit am längsten amtierenden Ministerpräsidenten, dem Bennett bis vor nicht allzu langer Zeit noch eng verbunden war.

Lästerer behaupten, Bennett sei ein eher zufälliger Regierungschef. Bennett, der sein Amt mit erst 49 Jahren antritt, führt die Splitterpartei Jamina („Nach rechts“), die eine von insgesamt schon mindestens vier verschiedenen Parteien ist, denen Bennett in seiner politischen Karriere bereits angehört hat. Und auch vor dieser Regierungsbildung verhandelte Bennett mit beiden Seiten.

Wechsel und Neuanfänge gehören zu seinem Leben. Als er drei Jahre alt war, zogen Bennetts aus Kalifornien stammende Eltern mit ihren Kindern von Haifa aus nach Kanada, später wuchs Bennett auch in New York auf. Den Schulabschluss machte er wieder in Haifa, und seine Militärzeit verbrachte er in einer Spezialeinheit. Anschließend studierte er Recht und Wirtschaft in Jerusalem. Daraufhin zog Bennett wieder für ein paar Jahre nach New York, wo er eine Cybersicherheitsfirma mit aufbaute, die er und seine Partner nach kurzer Zeit für 145 Millionen Dollar verkauften. Da war Bennett Mitte dreißig und hatte beruflich eigentlich alles erreicht.

Mit den Rechten verbunden

Sein Entschluss, in die Politik zu gehen, soll durch den als Scheitern begriffenen Libanonkrieg 2006 gefallen sein, an dem er als Reservist teilnahm. Ideologisch ist Bennett schon seit jungen Jahren mit der Rechten in Israel verbunden. Als Teenager gehörte er zur Jugendbewegung einer Partei rechts des Likud, die gegen jegliche Aufgabe besetzter Gebiete kämpfte. Bis heute tritt Bennett für eine Annexion besetzter Gebiete ein und verspricht, einen palästinensischen Staat werde es niemals geben. „Verhandlungen haben nur zu Terror geführt.“

Nach dem Libanonkrieg trat er in den Stab des damaligen Oppositionsführers Benjamin Netanjahu ein, dessen Büroleiter er noch im selben Jahr wurde. Dort hielt es ihn jedoch nur knapp zwei Jahre, als er sich mit den anderen Mitgliedern des Stabes und vor allem mit Netanjahus komplizierter Frau Sarah überwarf. Anschließend wurde er Vorsitzender des Jescha-Siedlerrates, der die israelischen Siedlungen im besetzten Westjordanland vertritt.

Im Jahr 2013 setzten sich Bennett und seine politische Partnerin und spätere Justizministerin Ayelet Shaked, mit der er zusammen für Netanjahu gearbeitet hatte, dann an die Spitze der alten Nationalreligiösen Partei, die vor allem die Interessen der Siedler vertrat. Schon damals hatte Bennett mit der Annexion besetzter Gebiete im Westjordanland geworben. Zwar lebten Bennett und seine säkulare Frau Gilat insgesamt nur wenige Monate in einer Siedlung und bevorzugen das Leben in einer mondänen Wohngegend im Tel Aviver Vorort Raanana, dem Domizil vieler High-Tech-Millionäre, wo die Bennetts mit ihren vier Kindern vorerst auch wohnen bleiben wollen. Doch fand Bennett mit dieser Siedlerpartei eine politische Lücke, die er auszubauen suchte. Rasch wurde er zum Vorsitzenden gewählt und blieb es sechs Jahre lang. Anschließend gründete Bennett neue Splitterparteien aus diesem Milieu heraus, die oft Zünglein an der Waage zur Regierungsbildung waren. Unter Netanjahu war Bennett bereits Verteidigungs-, Bildungs- sowie Wirtschaftsminister.

Einerseits wird Bennett jetzt der erste Ministerpräsident der Geschichte Israels, der im Amt eine Kippa trägt. Andererseits gibt es unterschiedliche Darstellungen darüber, wie wichtig die Religion für Bennett in der Politik denn tatsächlich ist. Dass er wie manch andere Mitglieder seiner Partei eher auf die Empfehlungen der Rabbiner hört, ist bisher jedenfalls nicht bekannt.

Lapid und Bennett verstehen sich

Ebenfalls seit 2013 kooperiert Bennett mit dem Zentrumspolitiker Jair Lapid, der Israels gerade vereidigte Achtparteienkoalition maßgeblich auf den Weg gebracht hat. Politisch trennt den säkularen und liberalen Tel Aviver Lapid und den rechten Bennett vieles, doch persönlich sind sich die beiden freundschaftlich gewogen. Beide wollten Netanjahu gehen sehen. Lapid soll unter den Vorsitzenden der anderen Parteien weit beliebter sein als Bennett.

Doch musste er Bennett den Eintritt in eine Koalition, zu der auch linksliberale Parteien und eine islamistische Liste gehören, schmackhaft machen, um überhaupt eine Regierung bilden zu können. „Ohne ihn würden wir hier nicht sitzen“, dankte er Lapid in seiner Einführungsrede. Im Wahlkampf dagegen hatte Bennett noch versprochen, nicht mit Lapid zu koalieren. Nun wird Bennett in einer Rotations-Regelung formal bis 2023 Regierungschef werden, woraufhin ihn Lapid für die restlichen zwei Jahre der Legislaturperiode ablöst. Soweit steht es im Koalitionsvertrag. Wenige erwarten, dass die Regierung so lange halten wird. Doch könnte Bennett dann durch seinen Amtsbonus bei der nächsten Wahl etwas mehr Sitze erreichen als bisher.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Stahnke, Jochen
Jochen Stahnke
Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.
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