Eskalation im Nahen Osten

Ungleiche Rivalen

Von Rainer Hermann
04.01.2016
, 18:44
Iran hat Masse, Saudi-Arabien aber Technologie. In einem konventionellen Krieg wäre Iran dem Rivalen unterlegen. Das könnte es durch einen asymmetrischen Krieg wettmachen.

Es war nicht das erste Mal, dass der iranische Mob die saudische Botschaft in Teheran gestürmt hat. Ihren letzten Tiefpunkt hatten die Beziehungen zwischen dem sunnitischen Königreich Saudi-Arabien und der schiitischen Islamischen Republik im Sommer 1987 erreicht, dem siebten Jahr des Kriegs zwischen dem Irak und Iran, in dem Saudi-Arabien den irakischen Aggressor unterstützt hatte. Damals kamen am 31. Juli bei einer Massenpanik während der Hadsch mehr als vierhundert iranische Pilger ums Leben. In Iran war von einem saudischen „Massaker“ die Rede, am folgenden Morgen stürmte der Mob die Botschaft.

Revolutionsführer Chomeini sprach der saudischen Königsfamilie damals die Berechtigung ab, über die heiligen Stätte des Islams, Mekka und Medina, zu herrschen. Um die Pilger zu rächen, rief er zum Sturz der Monarchie auf. Wie auch nach der Erstürmung der saudischen Botschaft am vergangenen Sonntag antwortete Riad seinerzeit mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Sie wurden erst nach dem Golfkrieg von 1991, nach der Befreiung Kuweits von den irakischen Invasoren, wiederaufgenommen.

Der Wutausbruch Chomeinis hatte das Haus Saud ins Mark getroffen. Denn die Sauds legitimieren ihre Herrschaft mit ihrer Verantwortung für Mekka und Medina. So lautet der offizielle Titel des saudischen Königs „der Hüter der beiden heiligen Stätten“. Überhaupt war mit Chomeinis Revolution 1979 eine Ära jahrzentelanger diskreter Kooperation zu Ende gegangen. Denn Chomeini benutzte, ebenso wie die Saudis, den Islam, wenn auch in seiner schiitischen Version, um seine Herrschaft zu legitimieren, und er geißelte die „Dekadenz“ der saudischen Monarchie.

Revolution von 1979 führte zum Bruch

Bis zur Revolution hatten gemeinsame Feinde die beiden Golfanrainer zusammengebracht. Als konservative und prowestliche Monarchien hatten sich das Haus Saud und die iranischen Pahlawis von der Sowjetunion und deren regionalen Stellvertretern, dem Ägypter Nasser sowie der im Irak und in Syrien herrschenden Baath-Partei, provoziert gefühlt. Sie standen sich weiter nahe, als sich die Briten 1971 militärisch aus den Regionen „östlich von Suez“ zurückzogen und die Vereinigten Staaten, die neue Schutzmacht, sich auf Iran wie auf Saudi-Arabien stützten. 1976 zeigten sich erste Risse in der Allianz über den Persischen Golf hinweg: Iran wollte einen höheren Ölpreis durchsetzen, Saudi-Arabien war mit dem Preisanstieg seit 1973 zufrieden und wollte Rücksicht auf die westlichen Industrieländer nehmen.

Zum Bruch kam es mit der Revolution von 1979 und im Jahr darauf mit der massiven finanziellen Unterstützung Saudi-Arabiens für den Krieg, den der Iraker Saddam Hussein gegen Iran vom Zaun brach. Saudi-Arabien wollte einen Wall gegen den iranischen Revolutionsexport aufbauen und im neu entbrannten Kampf um die Vorherrschaft in der Region Iran in die Schranken weisen. Erst die Besetzung Kuweits im August 1990 und Saddam Husseins Absicht, nach Saudi-Arabien weiterzumarschieren, brachten das wahhabitische Königreich und die schiitische Republik wieder näher.

Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, von 1989 an iranischer Präsident, brach das Eis, und der Reformer Mohammad Chatami, von 1997 an sein Nachfolger, baute die Beziehungen aus – bis hin zu einem bilateralen Sicherheitsabkommen. Auf saudischer Seite hatte er mit Kronprinz Abdullah, der faktisch die Amtsgeschäfte führte, einen Gesprächspartner, dem aus panislamischen Überlegungen ebenfalls an einem Ende der Spannungen gelegen war.

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Waffen im Wert von 90,4 Milliarden Dollar bestellt

Eine neue Eiszeit brach an, als die Amerikaner 2003 – gegen den saudischen Rat – Saddam Hussein stürzten und Iran nun in Bagdad die Fäden zog. Von nun an baute Iran auch auf Kosten Saudi-Arabiens seinen Einfluss in der arabischen Welt aus. Als Mahmud Ahmadineschad 2005 zum Präsidenten gewählt wurde, waren in Teheran die Revolutionsrhetorik und der Revolutionsexport zurück. Die Saudis waren auf der Hut. Den Kampf um die Vorherrschaft fochten beide nun über Stellvertreter aus, vor allem im Libanon und im Jemen, dann im Irak und in Syrien.

Zu einem heißen Krieg im Jemen ging Saudi-Arabien im März 2015 über, und das aus zwei Gründen: um Iran vor dem Abschluss des Atomabkommens militärisch zu binden und um seine hochgerüstete Armee, die praktisch über keine Kampferfahrung verfügt, zu testen. Die saudische Armee ist hochmodern. Ihren letzten Kampfeinsatz hatte sie aber 1991, als sie Teil der internationalen Koalition zur Befreiung Kuweits war. Saudi-Arabien hat seine Streitkräfte in den vergangenen zwei Jahrzehnten umfassend modernisiert, die Rüstungsausgaben lagen seit 1997 im Durchschnitt bei zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Demgegenüber gab Iran, das aufgrund der Sanktionen keine westliche Technologie importieren konnte, laut Berechnungen des amerikanischen Nahostfachmanns Anthony Cordesman weniger als vier Prozent des BIP für seine regulären Streitkräfte und die Revolutionswächter aus. Saudi-Arabien habe, so Cordesman, „vier- bis fünfmal“ so viel für Rüstung ausgegeben wie Iran. Allein von 2010 bis 2014 hat das Königreich in den Vereinigten Staaten Waffen im Wert von 90,4 Milliarden Dollar bestellt. Der Löwenanteil entfiel auf den Kauf einer modernisierten Version des Kampfflugzeugs F15 sowie neuer Hubschrauber der Typen Apache, Blackhawk und MD-350F. Diese Aufträge werden jetzt ausgeliefert.

Keine ebenbürtigen Konkurrenten

Von 2004 bis 2011 hat Iran Waffen aus Russland und China, seinen wichtigsten Lieferanten, im Wert von 900 Millionen Dollar erhalten, vor allem chinesische Luftabwehrlenkwaffen; Saudi-Arabien aber aus den Vereinigten Staaten sowie Westeuropa von 23,4 Milliarden Dollar. Im selben Zeitraum bestellte Iran bei seinen Lieferanten Waffen im Wert von zwei Milliarden Dollar, Saudi-Arabien aber von 72,8 Milliarden Dollar.

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Ein Blick nur auf unkommentierte Statistiken könnte zum Ergebnis führen, dass sich in etwa zwei gleichwertige Armeen gegenüber stehen. Dem ist nicht so. Iran hat zwar doppelt so viel Mann unter Waffen und fast dreimal so viel Kampfpanzer wie Saudi-Arabien, zudem gleich viele Kampfflugzeuge wie das Königreich. Die iranischen Streitkräfte seien „jedoch weitgehend veraltet ausgerüstet“, schreibt das Fachbuch „Military Balance 2015“, das vom britischen „Internationalen Institut für Strategische Studien“ herausgegeben wird. Iran hat Masse, Saudi-Arabien aber Technologie.

Eine Gegenüberstellung der Heere verdeutlicht den Unterschied. Seit dem Krieg gegen den Irak, der für die Iraner zum Trauma wurde, hat Iran die meisten der 450.000 Soldaten des regulären Heers und der Revolutionswächter zur Sicherung der Außengrenzen eingesetzt. Ihnen stehen 1663 Kampfpanzer zur Verfügung, die überwiegend die Amerikaner in den sechziger und siebziger Jahren geliefert haben – wie die Typen M60A1, T54 und T55. Das saudische Heer, das größte auf der Arabischen Halbinsel, könnte hingegen mit dem modernen amerikanischen Kampfpanzer Abrams als M1A2 in einen Krieg ziehen.

Meerenge von Hormuz als Knackpunkt?

Weniger ungleich schneiden die Streitkräfte zur See ab. Iran hat zwar mehr Marinesoldaten und drei U-Boote, dem Saudi-Arabien keines entgegensetzen kann. Die saudische Marine verfügt dafür über doppelt so viele Fregatten, Zerstörer und Marinehelikopter wie Iran. Die Nachteile macht Iran mit 54 Patrouillenbooten wett, die mit Seezielflugkörpern bestückt sind. Mit diesen Patrouillenbooten, die in regelmäßige Manöver einbezogen sind, hat sich Iran einen asymmetrischen Vorteil zur See verschafft, den Saudi-Arabien nicht ohne fremde Hilfe neutralisieren könnte.

In der Luft haben die Saudis mit 313 modernen amerikanischen Kampfflugzeugen gegen 334 veraltete iranische Flugzeuge, etwa dem russischen Su-24, einen klaren technologischen Vorteil. Den will Iran mit einem weniger kostspieligen Raketenprogramm kompensieren. Dazu gehören Seezielflugkörper mit einer Reichweite bis zu 35 Kilometern und eine breite Palette von ballistischen Raketen mit Namen wie Shahab, Sidschil, und Fadschr, die eine Reichweite bis zu 5000 Kilometern haben.

In einem konventionellen Krieg wären die technologisch veralteten iranischen Streitkräfte den Saudis unterlegen. In einem asymmetrischen Krieg hingegen – mit Sabotageakten und dem Einsatz von Stellvertretern – könnte Iran diesen Nachteil wettmachen. Dazu gehörte auch, etwa mit Seeminen die Passage durch die Meerenge von Hormuz zu sperren. Durch dieses Nadelöhr werden jeden Tag 17 Millionen Barrel Öl verschifft, das ist ein Drittel des Erdöls, das über die Meere transportiert wird. Spätestens von da an geht jeder saudisch-iranische Konflikt auch die Welt an.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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