Krieg im Irak

Gute Kurden, böse Kurden

Von Michael Martens
24.10.2016
, 18:50
Die Türkei setzt im Irak auf kurdische Peschmerga-Kämpfer – auch gegen kurdische Freischärler aus Syrien. So will sie die einen Kurden gegen die anderen ausspielen.

Am Sonntag vermeldete das türkische Militär nicht zum ersten Mal in diesen Tagen erfolgreiche Angriffe gegen Stellungen „kurdischer Terroristen“ in Syrien: Neben acht Stellungen des „Islamischen Staates“ (IS) habe die türkische Luftwaffe in Syrien auch mehr als 50 kurdische Ziele bombardiert. Zugleich sind türkische Medien voll von Berichten über die Erfolge kurdischer Einheiten im Irak, die von der Türkei unterstützt werden.

Diese Meldungen sind nur scheinbar widersprüchlich. Tatsächlich bekämpft die Türkei die kurdischen Freischärler in Syrien mit aller Macht, während sie die kurdischen Freischärler im Irak, die Peschmerga-Einheiten, nicht nur unterstützt, sondern einige von ihnen im türkischen Militärstützpunkt bei Bashiqa unweit von Mossul sogar ausgebildet hat.

Ankara will kurdisches Herrschaftsgebiet verhindern

Das hat mit der ideologischen Ausrichtung der verschiedenen Kurdengruppen und mit der regionalen Machtbalance zu tun. Im Norden Syriens gibt es zwar verschiedene kurdische Gruppierungen, aber die dominierenden und bei weitem schlagkräftigsten Truppen sind die „Volksschutzeinheiten“ (YPG). Sie stehen ideologisch und organisatorisch der „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) nahe, die auch in der EU und in den Vereinigten Staaten als Terrororganisation eingestuft wird.

Seit sich nach dem Beginn der Unruhen in Syrien im Jahr 2011 abzeichnete, dass der syrische Staat in einen Zerfallskrieg abgleiten würde und die syrischen Kurden im Norden des Landes dies zur Ausrufung von autonomen Regionen ausrufen könnten, versucht Ankara diese Entwicklung mit allen Mitteln zu bekämpfen. Offiziell lautet die türkische Begründung, man setze sich für die territoriale Integrität Syriens ein, doch dahinter stecken längst andere Ziele. Unter anderem will man verhindern, dass die eng an die PKK angelehnten syrisch-kurdischen „Volkschutzeinheiten“ in Syrien ein zusammenhängendes kurdisches Herrschaftsgebiet schaffen.

Offensive gegen Extremisten
Irakische Armee erobert christliche Dörfer zurück
© AP, reuters

Mit dem ersten, der aus der amerikanischen Invasion von 2003 hervorgegangenen kurdischen Autonomieregion im Nordosten des Irak, hat Ankara ein wirtschaftlich engmaschiges und politisch meist solides Auskommen gefunden. Massud Barzani, der Präsident des kurdischen Teilstaates im Irak, wird von Ankara gleichsam als Gegengewicht zu dem seit 1999 auf der Gefängnisinsel Imrali im Marmarameer festgehaltenen und von Millionen Kurden verehrten PKK-Führer Abdullah Öcalan unterstützt.

Einen deklarativen Höhepunkt erreichte diese Politik im November 2013 bei einer gemeinsamen Großkundgebung Barzanis und des damaligen türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan in der anatolischen Kurdenhochburg Diyarbakir, als beide Politiker Türken und Kurden zur Aussöhnung aufriefen. Damals ließ Erdogan noch Friedensgespräche mit der PKK führen und sandte sogar Unterhändler zu Öcalan ins Gefängnis.

Erst als sich abzeichnete, dass die politische Führung der türkischen Kurden nicht bereit war, seine Pläne zur Umwandlung der Türkei in ein Präsidialregime zu unterstützen, brach Erdogan die schon zuvor stockenden Friedensgespräche ab und kehrte zur alten Politik der gewaltsamen Konfrontation mit der PKK zurück.

PKK könnte vakantes Territorium besetzen

Weniger als ein Jahr nach der gemeinsamen Kundgebung Erdogans und Barzanis in Diyarbakir ereignete sich dann im Nordirak eine Tragödie, deren Folgen Ankara bis heute beunruhigen. Im August 2014 hatte der IS nach der Eroberung Mossuls und seinem Vormarsch im Irak auch viele tausend Jesiden ins Sindschar-Gebirge getrieben und dort eingekreist. Es war nicht zuletzt der PKK beziehungsweise der YPG zu verdanken, dass viele Jesiden durch einen von den kurdischen Freischärlern freigekämpften Korridor aus dem Machtbereich des IS und damit vor Tod oder Versklavung flüchten konnten.

Ankara fürchtet nun, dass die PKK die Vertreibung des IS aus Mossul und Umgebung dazu nutzen könne, auch auf irakischem Territorium Fuß zu fassen, gar einen von ihr kontrollierten „Kanton Sindschar“ auszurufen. Dabei hat sie einen Verbündeten: Barzani und seine Peschmerga wollen natürlich auch nicht, dass die konkurrierende PKK/YPG im Irak Fuß fasst. Am Montag gab es aus der Sindschar-Region Berichte über Gefechte zwischen kurdischen Freischärlern und IS-Terroristen.

Bild: F.A.Z.

Ankara teilt die Region in „gute“ und „böse“ Kurden auf und versucht, die einen gegen die anderen auszuspielen. Andererseits ist Barzani auch nicht der stets folgsame Juniorpartner, den Ankara in der irakischen Kurdenhauptstadt Arbil gerne hätte. Zwar zeigt schon ein Blick auf die Landkarte, dass Barzanis kurdische Regionalherrschaft ohne Meerzugang wirtschaftlich auf die Türkei angewiesen ist, doch der irakische Kurdenführer sucht seinen Vorteil in einer Schaukelpolitik zwischen Bagdad und Ankara.

Das zeigte sich dieser Tage auch in dem Streit zwischen dem irakischen Ministerpräsidenten Haider al Abadi und Erdogan um den Militärstützpunkt Bashiqa, wo je nach Quelle zwischen 400 und 600 türkische Soldaten stationiert sein sollen. Abadi und andere schiitische Politiker in Bagdad hatten von einer „Okkupation“ gesprochen und die Türkei ultimativ aufgefordert, ihre Truppen aus dem Irak abzuziehen. Regierungspolitiker in Ankara hielten dem entgegen, die türkischen Truppen seien auf Einladung der kurdischen Regionalregierung in Arbil im Lande, also rechtmäßig.

Doch sollte man in Ankara gehofft haben, Barzani werde diese Lesart unmissverständlich unterstützen, sah man sich getäuscht. Es müsse einen Weg geben, die Interessen Ankaras und Bagdads bezüglich der türkischen Truppenpräsenz im Irak in Einklang zu bringen, forderte Barzani, um dann deutlicher anzufügen, in Arbil sei man nicht der Ansicht, dass an der Operation zur Befreiung Mossuls Truppen ohne Zustimmung Bagdads teilnehmen sollten.

„Gemeinsame Bedrohung“

Türkische Truppen haben die Peschmerga in der Gegend um Bashiqa mit Artillerie und Panzern unterstützt, wurde Yildirim am Sonntag zitiert. Auch bei dem türkischen Ziel, eine Sicherheitszone für Flüchtlinge im Irak einzurichten, kooperierten die Regierungen in Ankara und Arbil eng, so Yildirim.

Schließlich sähen sich Barzanis „Demokratische Partei Kurdistans“ und die türkische Regierungspartei AKP einer „gemeinsamen Bedrohung“ gegenüber, nämlich der PKK, sagte Erdogans Regierungschef. Die kurdische Regionalregierung in Arbil sei über die Präsenz der PKK in der Sindschar-Region genauso beunruhigt wie die Türkei, behauptete Yildirim. Derzeit stimmt das wohl. Aber die Allianzen auf dem derzeit größten Schlachtfeld der Menschheit können sich rasch ändern.

Der IS versucht, außerhalb von Mossul neue Fronten zu eröffnen

Der „Islamischen Staat“ (IS) versucht weiter, mit Überraschungsangriffen die Truppen der Anti-IS-Koalition zu binden und abzulenken, die auf Mossul vorrücken. In Rutba nahe der irakischen Grenze zu Jordanien, haben am Montag Gefechte zwischen IS-Kämpfern und den lokalen Sicherheitskräften stattgefunden. Die IS-Kämpfer besetzten vorübergehend das Rathaus der Stadt und halten weiter zwei Stadtteile. Bei den Gefechten wurden mindestens fünf IS-Kämpfer getötet. Dem IS gelang es indessen nicht, am Montag von Mossul Richtung Westen auf das Sindschargebirge, das Siedlungsgebiet der Jesiden, vorzustoßen. Milizen der Jesiden und kurdische Peschmerga warfen die Angreifer zurück, mindestens 15 IS-Kämpfer wurden dabei getötet.

Beendet wurde der IS-Angriff in Kirkuk, der am Freitag begonnen hatte. Der Gouverneur von Kirkuk, Nadschm al Din Karim, sagte, bei den Kämpfen, die drei Tage gedauert haben, wurden 74 IS-Kämpfer getötet; der Führer der Gruppe sei festgenommen worden. Getötet wurden 46 Angehörige der Sicherheitskräfte. Etwa Hundert IS-Kämpfer – unter ihnen IS-Schläferzellen – hatten am Freitag Stadtteile von Kirkuk und öffentliche Gebäude besetzt.

An der Front um Mossul gingen unterdessen die Kämpfe um die Stadt strategisch wichtige Stadt Bashiqa weiter. Von Bashiqa aus sind die 25 Kilometer bis zum Osten Mossuls rasch zurückzulegen. Die Stadt wird von drei Seiten angegriffen, Selbstmordangreifer des IS, der erbittert Widerstand leistet, verlangsamen indessen das Vorrücken der Peschmerga. Die Peschmerga wiederum schließen den Ring um Bashiqa und haben gegen Überraschungsangriffe des IS Gräben ausgehoben. Die Türkei unterhält nahe Bashiqa einen Armeestützpunkt. Auf Bitten der Peschmerga soll türkische Artillerie IS-Stellungen in der Stadt beschießen. Auch die Stadt Karakosch südlich von Mossul ist trotz anhaltender Belagerung noch nicht befreit. Unterdessen zog der IS in der Stadtmitte von Mossul weitere Zivilisten als menschliche Schutzschilde zusammen.

Flugzeuge der Anti-IS-Koalition haben seit dem Beginn der Offensive 136 Stellungen des IS um Mossul sowie 18 Tunnels zerstört, teilte ein Sprecher der Koalition mit. (Her.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Martens, Michael
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.
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