Gegenoffensive im Irak

Kurden: „Zu lange geschah nichts“

Von Markus Bickel, Arbil
17.08.2014
, 18:57
Der Mossul-Staudamm im Irak
Die Kurden im Nordirak haben den Mossul-Staudamm zurückerobert. Aber sie beklagen, dass dem Vormarsch des Islamischen Staates zu lange zugesehen wurde.

Nilufer Koc weiß gar nicht mehr, wie viele Anrufe sie angenommen hat in den vergangenen zwei Wochen. Auf dem Höhepunkt der Krise Anfang August hing sie Tag und Nacht an einem ihrer zwei Mobiltelefone, sprach mit Stellen in Arbil, Brüssel, Berlin und Bagdad, um Hilfe für die fliehenden Yeziden aus dem Sindschar-Gebirge zu mobilisieren. Inzwischen sind die meisten von ihnen in Sicherheit, doch aus Sicht der Kovorsitzenden des Kurdischen Nationalkongresses (KNK) hat sich die Situation noch lange nicht beruhigt.

„Wir fürchten Angriffe des Islamischen Staats auf Kirkuk und Khanaqin an der Grenze zu Iran“, sagt die kurdische Politikerin, die im Nationalkongress versucht, die divergierenden Interessen der 42 Kurdenparteien Irans, Iraks, Syriens und der Türkei auf einen Nenner zu bringen. Die Dschihadisten zu stoppen werde nur möglich sein, wenn sich der Westen weit mehr engagiere als bislang, sagt sie. Sonst drohe ein Flächenbrand, der auch die arabischen Sunniten auf der iranischen Seite der Grenze Irakisch-Kurdistans in die Arme der Terrorgruppe Islamischer Staat treiben könne.

Zwar griffen auch am Wochenende wieder amerikanische Kampfflugzeuge Stellungen der Terrormiliz unter Führung Abu Bakr al Bagdadis in der Nähe des Mossul-Staudamms an. Peschmerga-Einheiten der kurdischen Autonomieregion nutzten die Hilfe aus der Luft, um die Gemeinden Telsqof und Risala zurückzuerobern. Bei den Kämpfen um den Staudamm nördlich der zweitgrößten irakischen Stadt Mossul seien mehrere Dschihadisten getötet worden, sagte der kurdische Generalleutnant Abdulrahman Korini von der Demokratischen Partei Kurdistans (PDK). Die IS hatte den strategisch wichtigen Staudamm am 7. August unter ihre Kontrolle gebracht.

Der östliche Teil des Staudamms wurde demnach zuerst zurückerobert. Anschließend setzten die kurdischen Peschmerga-Milizen ihre Offensive fort. Dabei wurden sie aus der Luft von amerikanischen Kampfflugzeugen und am Boden von der irakischen Armee unterstützt. Der weitere Vorstoß galt Korini zufolge der von den sunnitischen Dschihadisten kontrollierten Ortschaft Tal Kayf etwa hundert Kilometer östlich des Staudamms. Der Weg dorthin sei allerdings mit Sprengfallen der dschihadistischen Kämpfer gespickt. Dadurch habe sich die Offensive verlangsamt. Am Sonntagabend meldeten irakische Nachrichtenseiten, die Pershmerga-Kämpfer hätten den Staudamm vollständig zurückerobert.

„Die Hilfe kam zu spät“

Für Koc kommt die Hilfe der Amerikaner viel zu spät. Kommandeure der syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) hätten die Peschmerga schließlich schon im Juli vor dem Vormarsch von Bagdadis Männern in die Siedlungsgebiete der Yeziden gewarnt. Schwer bewaffnet seien die selbsternannten Gotteskrieger nach der verlorenen Schlacht um die nordsyrische Stadt Ain al Arab im Juli über die syrische Provinzhauptstadt Hassake weiter Richtung Osten zur irakischen Grenze gezogen; auch amerikanische Stellen müssten über die bevorstehende Offensive im Bilde gewesen sein.

Geschehen sei aber nichts, klagt Koc. Die Peschmerga hätten sich kampflos aus Sindschar zurückgezogen und hätten den dort eingeschlossenen Bewohnern nicht einmal ihre Waffen überlassen. Dabei hätten diese verzweifelt darum gefleht, um sich selbst gegen die islamistischen Terroristen verteidigen zu können. Koc ist sich sicher, dass die Expansion von Bagdadis „Kalifat“ tief hinein in das vom Präsidenten der irakischen Kurdenregion, Massud Barzani, beanspruchte Gebiet hätte verhindert werden können.

Vertriebene Yeziden fordern mehr Hilfe
Vertriebene Yeziden fordern mehr Hilfe Bild: REUTERS

Doch zehn Wochen nach dem Fall der Millionenstadt Mossul ist es Bagdadi gelungen, sein Herrschaftsgebiet zu konsolidieren, allen amerikanischen Angriffen auf Militärfahrzeuge und Stellungen der IS-Kämpfer zum Trotz. Zu wenig, zu spät, beklagt Koc: Denn wie im Fall Sindschars Anfang August ging auch den Bombardements in der Umgebung des Mossul-Staudamms durch die amerikanische Luftwaffe am Wochenende ein Massaker voraus: In Kocho, 45 Kilometer von Sindschar entfernt, wurden am Freitag achtzig yezidische Männer von Milizionären der Terrorgruppe Islamischer Staat hingerichtet, weil sie sich geweigert hatten, zum Islam überzutreten. Und auch in Dschalawa nahe der iranischen Grenze gehe das Morden weiter, sagt Koc.

Die strategischen Ziele der selbsternannten Gotteskrieger sind unschwer zu durchschauen: Sie streben ein zusammenhängendes Gebiet von Mossul über die Ende Juni eroberte Turkmenenstadt Tell Afar an, um die Versorgungswege nach Syrien zu erleichtern. Auch dort hält der Terror der Dschihadisten an: In der an den Irak angrenzenden syrischen Provinz Deir al Zor sollen in den vergangenen beiden Wochen 700 Menschen getötet worden sein, berichtete der Vorsitzende der oppositionellen Nationalen Koalition, Hadi al Bahra, am Wochenende in Istanbul. Die ermordeten Angehörigen des Schuaitat-Stammes hätten es abgelehnt, sich der brutalen Gewaltherrschaft von Bagdadis Kalifat zu unterwerfen.

Bombardierungen auch in Syrien gefordert

Bahra forderte die Vereinigten Staaten auf, nicht mit zweierlei Maß zu messen und in Syrien ebenfalls Stellungen der Terrormiliz Islamischer Staat zu bombardieren. Schließlich sei der Feind in beiden Staaten derselbe. Nilufer Koc pflichtet ihm bei: Seit Mitte 2013 stellten sich die YPG und die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) den Dschihadisten im Norden Syriens entgegen. Hunderte Opfer habe der Krieg im Krieg bereits gekostet, doch unterstützt würden sie dabei auch von Assyrern und sunnitischen Arabern, die das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al Assad ebenso ablehnten wie die Terrorherrschaft der Islamisten.

Nilufer Koc, die Kovorsitzende des Kurdischen Nationalkongresses, beklagt mangelnde Hilfe aus dem Ausland
Nilufer Koc, die Kovorsitzende des Kurdischen Nationalkongresses, beklagt mangelnde Hilfe aus dem Ausland Bild: dpa

Deren diskriminierende Politik gegen Minderheiten im Irak und in Syrien ähnele sich auf erschreckende Weise, hat Koc festgestellt: In den vor zwei Wochen eingenommen Gemeinden an der Grenze zu Syrien siedele der Islamische Staat nun Sunniten an, um die Vertreibung der Yeziden unumkehrbar zu machen. Eine Taktik wie aus dem Lehrbuch ethnischer Säuberungen, die auch der Vater des Diktators in Damaskus verfolgte: Um den Zusammenhalt in den kurdischen Siedlungsgebiet im Nordosten Syriens zu zerstören, hatte Hafiz al Assad in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts viele sunnitische Palästinenser in die Gegend um Qamischli geholt. Damit konnte er freilich nicht den Widerstandsgeist der eng mit der türkischen Arbeiterpartei (PKK) verbundenen Partei der Demokratischen Union (PYD) brechen.

Die Kämpfer der syrisch-kurdischen Partei sind in den vergangenen Wochen zu Tausenden in die vom Islamischen Staat bedrohten Gebiete jenseits der Grenze eingerückt, um ihre irakisch-kurdischen Verbündeten zu unterstützen. Auch der Abzug von 12.000 Bewohnern des Flüchtlingslagers Makhmur südlich von Arbil vor einer Woche konnte nur durch den Schutz von PKK-Kämpfern und syrischen Milizionären gewährleistet werden. Aus der strategisch wichtigen Stadt hätten die Dschihadisten einen Angriff auf Arbil starten können.

Quelle: F.A.Z./dpa
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Sprachkurs
Lernen Sie Englisch
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Automarkt
Top-Gebrauchtwagen mit Garantie
Gasvergleich
Gas vergleichen und sparen
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Compliance Management