Irak und Syrien

Die Grenzen des Terrorkalifats

Von Rainer Hermann
09.04.2015
, 15:20
Der IS und seine Verbündeten
Irakische Truppen haben den Vormarsch des IS in seinem Kernland zwar militärisch gestoppt. Doch in Europa, Afrika und anderen Teilen der arabischen Welt breitet sich die radikalislamische Ideologie weiter aus. Eine Analyse des Kampfs gegen die Terrormiliz.

Hoffnungen auf einen baldigen Sieg über den „Islamischen Staat“ (IS) wären verfrüht. Zwar haben die irakische Armee und schiitische Milizen die Dschihadisten aus der Stadt Tikrit vertrieben. In seinem Kerngebiet Syrien und Irak gerät der IS unter Druck, außerhalb baut er seine Stellung als Terrororganisation aber aus. So hat sich die Organisation am Wochenende in dem südlich von Damaskus gelegenen Palästinenserlager Yarmuk festgesetzt. Zudem fasste der IS im Jemen Fuß, wo die Terrorgruppe Ansar al Scharia einen Treueeid gegenüber IS-Führer Abu Bakr al Bagdadi ablegte und am 20. März ihren ersten Terroranschlag im Namen des IS verübte.

Nach seiner raschen Expansion ist der IS im vergangenen Oktober an seine Grenzen gestoßen; seither verliert er mehr Territorium, als er erobert. Doch die Anziehungskraft der IS-Ideologie ist weiter groß. Den Geländeverlusten im Kernland steht die Ausbreitung der dschihadistischen „Marke“ entgegen. In anderen Teilen der islamischen Welt haben islamistische Extremisten einen Treueeid (arabisch: baia) gegenüber Bagdadi abgelegt und sich dem „Kalifen“ unterstellt. Etwa Boko Haram in Nigeria, das „Emirat Kaukasus“ und auf den Philippinen die Terrorgruppe Abu Sayyaf, kleinere Gruppen im Libanon und in Jordanien sowie Ableger in Libyen und auf dem Sinai sowie Dschihadistengruppen in Tunesien und Algerien. Der IS beansprucht 24 Provinzen, von denen sich 13 auf dem Gebiet Syriens und des Iraks befinden.

Das „Kalifat“ von IS-Führer Bagdadi bröckelt

In Syrien und im Irak sind alle „Gouverneure“ ehemalige Kader der früheren irakischen Baath-Partei. Abu Bakr al Bagdadi hatte im Jahr 2010 sein Führungspersonal durch Baathisten ersetzt, die unter Saddam Hussein in der Armee oder der Verwaltung tätig waren. Tikrit war und ist als Heimat von Saddam Hussein eine Hochburg der Baath-Partei; der Verlust der Stadt ist daher für den IS schmerzhaft.

Der IS verfügt zwar über quasistaatliche Institutionen, er ist aber kein Staat im herkömmlichen Sinn. So erkennt er keine Grenzen an; die einzige Art der Außenpolitik ist der internationale Dschihad. Sein Herrschaftsgebiet hat er weitgehend konsolidiert. Bagdadis Organisation kontrolliert jeweils ein Drittel Syriens und des Iraks. Auf diesem Gebiet leben mehr als zehn Millionen Menschen. Die IS-Terroristen haben die größten Teile davon im zweiten und dritten Quartal des Jahres 2014 erobert. Danach erlitten sie eine Reihe von Niederlagen. Die Wende kam durch die schiitischen Milizen, die sich vom Juni 2014 an im Irak bildeten, und durch die von Washington geführte Anti-IS-Koalition, der sich mehr als 60 Staaten anschlossen.

Irakische Truppen befreien Tikrit aus den Händen des IS.
Irakische Truppen befreien Tikrit aus den Händen des IS. Bild: dpa

In Syrien wurde der IS im Januar aus der kurdischen Enklave Kobane vertrieben; dafür waren indes mehr als 200 Luftangriffe notwendig, die Kämpfe dauerten fünf Monate. Der IS-Niederlage in Kobane standen Eroberungen westlich von Hassakeh entlang des Flusses Khabur gegenüber. Alle Versuche des IS scheiterten, in die vom Assad-Regime gehaltene Stadt Deir al Zor einzudringen oder in das Hinterland von Aleppo, das islamistische Rebellen halten.

Irakische Armee will den IS aus dem Land vertreiben

Einen Rückschlag musste der IS in der syrischen Stadt Idlib hinnehmen. Ende März wurden unter der Führung der dschihadistischen Nusra-Front die Truppen des nach vier Jahren Krieg zunehmend überforderten Assad-Regimes aus der Stadt vertrieben. Die Nusra-Front, der syrische Al-Qaida-Ableger und Rivale des IS, hat seit Oktober 2014 Boden gegenüber der Organisation Bagdadis gutgemacht und Allianzen mit Milizen geschmiedet, die gegen den IS kämpfen. Unterschiedlich ist zum einen die Zusammensetzung des IS und der Nusra-Front in Syrien: Während Syrer das Gros der Nusra-Front-Kämpfer stellen, stammen weniger als ein Fünftel der IS-Extremisten in Syrien aus dem Land selbst. Unterschiedlich sind auch ihre Ziele: Der IS will ein „Kalifat“ sein, die Nusra-Front bekämpft hingegen vor allem das Assad-Regime, das sie in einem weiteren Schritt durch ein „Islamisches Emirat“ ersetzen will. Nusra-Front und der IS kontrollieren nun je eine syrische Provinzhauptstadt; in der Hand des Regimes befinden sich die anderen elf.

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Gegen IS-Extremisten
Entscheidungsschlacht um Tikrit

Im Irak waren die Verluste des IS größer als in Syrien. Dort verlor er erstmals im September 2014 bei Amerli nördlich von Bagdad eine Schlacht. Es folgten Niederlagen in strategisch wichtigen Städten wie Dschurf al Sachar und Baidschi. Zudem sprengte die Anti-IS-Koalition den Belagerungsring des IS um das Sindschar-Gebirge, was den wichtigen Nachschubweg des IS zwischen Mossul im Irak und Raqqa in Syrien unterbrach. Nach der Rückeroberung von Tikrit marschiert die irakische Armee nun auf Mossul, die zweitgrößte Stadt des Iraks. Dort soll 10.000 irakischen Soldaten und kurdischen Peschmerga gelingen, was im vergangene Jahrzehnt 140.000 amerikanische Soldaten nicht erreicht haben: den islamistischen Extremismus besiegen. Zunächst wird versucht, den Nachschub des IS nach Mossul zu unterbinden.

Politische Lösungen schwierig

Seit der IS nicht mehr expandiert, wachsen im Inneren die Spannungen. Mit den massiven und schnellen Eroberungen von 2014 hatte sich die Organisation die für Staatsaufbau und Kriegsführung nötigen Ressourcen verschaffen können. Zudem reduzieren die Luftangriffe auf die Ölfelder und Raffinerien des IS dessen Einnahmequellen. In den vergangenen Monaten verschlechterte sich in seinem Herrschaftsgebiet die Versorgung mit Strom und Wasser, die Abgabenlast für die Bevölkerung wächst, die Arbeitslosigkeit grassiert.

Bild: F.A.Z.

Der IS ist eine Folge der Kriege in Syrien und im Irak, nicht aber deren Ursache. Voraussetzung für die Vernichtung des IS ist daher, sowohl für Syrien als auch für den Irak politische Lösungen zu finden. Doch weder in Syrien noch im Irak scheint eine solche Lösung in greifbarer Nähe zu liegen. Viele irakische Sunniten – vor allem jene, die der Baath-Partei angehören – werden jedoch auch künftig nicht bereit sein, die Macht mit den Schiiten zu teilen. Zumindest arbeiten sunnitische Iraker, die gegen den IS sind, seit einiger Zeit wieder besser mit der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad zusammen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
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