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Kampf gegen IS

Schützenhilfe aus Teheran

Von Markus Bickel, Kairo
 - 08:20
© Reuters, reuters

Der wichtigste Mann bei den Kämpfen zur Rückeroberung Tikrits hat keinen irakischen, sondern einen iranischen Pass: Generalmajor Qassem Suleimani ist Kommandeur der Quds-Einheit, einer Division der mächtigen Revolutionsgarden, die Spezialeinsätze außerhalb Irans durchführt. Nach Jahren im Hintergrund tritt der einst als „Schattenkommandeur“ bezeichnete Militärführer seit vergangenem Sommer vermehrt öffentlich auf. Auch in den vergangenen Tagen war er bei der Offensive auf die Geburtsstadt des früheren irakischen Diktators Saddam Hussein, die von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ kontrolliert wird, direkt an der Front präsent.

Damit hat die Regierung in Bagdad das Schicksal der Bewohner Tikrits zumindest indirekt in die Hände Teherans gegeben - und seine militärischen Kräfte der von Iran geführten „Achse des Widerstands“ untergeordnet. Dieser gehört neben Syriens Präsident Baschar al Assad auch die libanesische Hizbullah an. Dass die irakische Führung bereits zwei Tage nach dem Fall Mossuls und Tikrits an den „Islamischen Staat“ im Juni vergangenen Jahres mit iranischen Waffen und Munition ausgestattet wurde, hat der irakische Ministerpräsident Haider al Abadi wiederholt bestätigt - Wochen bevor Amerikas Präsident Barack Obama mit der Entsendung einiger Dutzend Militärberater auf die Krise reagierte. Die von amerikanischen Offizieren ausgebildete irakische Armee ist seit der Eroberung Tikrits durch Einheiten der sunnitischen Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) mehrmals daran gescheitert, die Hauptstadt der Provinz Salaheddin zurückzuerobern.

Inzwischen mehrere hundert iranische Militärberater im Irak

Sollte es den irakischen Kräften in den kommenden Wochen gelingen, die 220 Kilometer südlich von Mossul gelegene Stadt wieder unter Regierungskontrolle zu stellen, wäre das nicht zuletzt Suleimanis Verdienst. Der iranische Militärführer ist seit mehr als einem Jahr verstärkt im Irak im Einsatz. Dort koordiniert er die Zusammenarbeit schiitischer Milizen mit Offizieren der Revolutionsgarden, um die IS-Einheiten zurückzudrängen. Zuvor hatte der Chef der Quds-Einheit bereits dem syrischen Regime beim Aufbau paramilitärischer Einheiten gegen die bewaffnete Opposition geholfen.

Unmittelbar nach dem Fall Mossuls war Suleimani im Irak aktiv geworden, um die Verteidigung gegen die in der Provinz Diyala bis auf wenige Kilometer an die iranische Grenze vorgerückten sunnitischen Dschihadisten zu koordinieren. Schneller als 2006, als mit dem Anschlag auf den Askari-Schrein in Samarra der sunnitisch-schiitische Bürgerkrieg begann, vereinte Suleimani innerhalb einer Woche die seit Jahren von Teheran finanzierten und ausgebildeten schiitischen Kräfte - und erhöhte die Zahl der iranischen Militärberater im Land auf mehrere hundert.

Diesem raschen Eingreifen verdankt die Regierung in Bagdad wohl, dass die Vorstöße des IS auf die Städte Samarra und Arbil im Juni und August 2014 abgewehrt werden konnten. Auch bei der Rückeroberung der nur zwanzig Kilometer nördlich von Tikrit gelegenen Raffineriestadt Baidschi im vergangenen Monat spielten von Iran ausgebildete Milizen eine zentrale Rolle. An der Tikrit-Offensive sind auch das Volksmobilisierungskomitee (Hashid Shaabi) und die Badr-Brigaden beteiligt, deren Kommandeure auf Suleimanis Befehle hören. Die schnelle Mobilisierung gegen den IS ist auch darauf zurückzuführen, dass Tausende schiitische Kämpfer seit 2012 in Syrien zum Schutz schiitischer Heiligtümer abgestellt waren.

Nach den ersten großen Erfolgen des IS unter Führung Abu Bakr al Bagdadis Ende 2013 in der irakischen Provinz Anbar kehrten Anfang 2014 viele der schiitischen Kämpfer aus Syrien in den Irak zurück. Tausende weitere folgten nach dem Fall Mossuls dem Aufruf Großajatollah Ali al Sistanis, schiitische Heiligtümer im Irak gegen die sunnitischen Dschihadisten zu verteidigen. Auch aus Sicht der iranischen Führung liegt der Schutz religiöser Stätten im Irak im nationalen Interesse: Iranische Kämpfer verteidigten Samarra, „so dass wir unser Blut nicht in Teheran opfern müssen“, sagte der Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrats, Ali Shamchani, im Dezember bei der Beerdigung eines iranischen Kommandeurs der Miliz Saraya al Khorasani, die den IS 2014 in mehreren Gemeinden nördlich von Bagdad und nahe der iranischen Grenze zurückgedrängt hatte.

John Kerry: „Alles in allem ein positiver Effekt“

Im Irak wiederholt der direkt Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei unterstellte Quds-Kommandeur Suleimani damit die in Syrien erfolgreiche Strategie, das von sunnitischen Milizen bedrängte Regime durch irreguläre schiitische Kräfte von außen zu stärken. Hizbullah-Führer Nasrallah gab im Februar bekannt, dass seine Milizionäre nicht nur auf Seiten Assads, sondern auch im Irak kämpften. Bei der Ausbildung von Iran finanzierter Gruppen wie Asaib Ahl al Haq hatte die libanesische „Partei Gottes“ bereits vor dem Siegeszug des IS eine wichtige Rolle gespielt.

Trotz unterschiedlicher Interessen lässt die amerikanische Regierung Irans Führung bei der Zurückdrängung des „Islamischen Staats“ gewähren. Außenminister John Kerry hatte die Haltung Washingtons im Dezember nach Berichten über iranische Luftangriffe auf Stellungen der Dschihadisten auf den Punkt gebracht: „Wenn Iran sie an einem bestimmten Ort angreift“, habe das „alles in allem einen positiven Effekt“. Kurz zuvor hatte der stellvertretende iranische Generalstabschef Meldungen zurückgewiesen, wonach F-4-Phantom-Kampfflieger der iranischen Luftwaffe IS-Positionen bombardiert hätten.

Kritiker: Schwächung der gesamtstaatlichen Institutionen

Auch bei der Offensive auf Tikrit sollen arabischen Medien zufolge iranische Militärflugzeuge im Einsatz sein. Der Versuch des irakischen Ministerpräsidenten Abadi, die Rückeroberung der Geburtsstadt des 2003 gestürzten sunnitischen Diktators Saddam Hussein zur Wiederbelebung der durch den IS gedemütigten irakischen Armee zu nutzen, spielt deshalb Teheran in die Hände: Kritiker dieses Kurses fürchten, dass eine weitere Schwächung der fragilen gesamtstaatlichen Institutionen die Folge sein wird. Schon jetzt seien Milizen wie die Badr-Brigaden stärker als die nationalen Streitkräfte.

Auch für den Zusammenhalt des nach Stammes- und Konfessionszugehörigkeit gespaltenen Landes dürfte das stetige Einsickern ausländischer Kräfte negative Folgen haben. Kommandeure des Volksmobilisierungskomitees brüsten sich damit, stärker zu sein als die irakische Armee. Und Offiziere der kurdischen Peschmerga, die neben den schiitischen Milizen als Bodentruppen der von Amerika geführten Anti-IS-Allianz fungieren, fürchten, dass das mit rund 5000 Mann am Sturm auf Tikrit beteiligte Volksmobilisierungskomitee bald offiziell zur Parallelarmee aufgewertet werden könnte. Mehr als dreißig Milizen sollen dem „Komitee“ unter Führung Abu Mahdi al Mohandis angehören; anders als die von amerikanischen Offizieren ausgebildete Armee verfügt seine Schiiten-Allianz über die Fähigkeit, Drohnen herzustellen und zu steuern.

Takrit
Offensive gegen Islamischen Staat läuft
© AFP, reuters
Quelle: F.A.Z.
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