Krieg im Nordirak

Zwischen allen Fronten

Von Markus Bickel, Kirkuk
20.08.2014
, 11:12
Kurdische Kooperation: PKK-Kämpfer im nordirakischen Makhmur unterstützen ihre einstigen Rivalen der Peschmerga gegen die Dschihadisten
In Kirkuk, der reichsten Stadt des Iraks, ist der Treibstoff knapp. Die Dschihadisten kontrollieren eine wichtige Nachschubroute. Viele setzen auf die Hilfe Amerikas, um sie endlich zu vertreiben.

Im Büro von Nadschat Hussein geht es zu wie in einem Taubenschlag. Als Vorsitzender des Ausschusses für Öl- und Gasfragen im Provinzparlament von Kirkuk ist er ein gefragter Mann. Sein Assistent hat gerade die Tür geschlossen, da klopft schon wieder ein neuer Besucher an. Er seine schiebt seine Pistole etwas tiefer in die Hosentasche und öffnet. Auf dem Flachbildschirm über dem Eingang laufen derweil Nachrichten mit Bildern aus den umkämpften Gebieten: Bombeneinschläge nahe des Mossul-Staudamms, Razzien irakischer Spezialeinheiten, triumphierende kurdische Peschmerga-Kämpfer. Als der Abgeordnete eine halbe Stunde später endlich eintrifft und den Krawattenknoten zurecht gerückt hat, fällt prompt der Strom aus. „Das ist Kirkuk“, sagt Nadschat Hussein im Dunkeln, wischt sich mit einem Taschentuch die Schweißperlen von der geröteten Stirn und lacht. Er habe länger als geplant in einer Krisensitzung gesteckt, das bitte er zu entschuldigen. Auch der Gouverneur der umkämpften Provinz hat an dem Treffen teilgenommen. Es ging um die Sicherheitslage und die andauernde Treibstoffknappheit. Seit der Offensive der Terrorgruppe Islamischer Staat im Juni hat sich Preis für den Liter mehr als verdoppelt.

Dass ausgerechnet die wegen ihrer riesigen Ölvorkommen reichste Stadt des Iraks unter Benzinmangel leidet, ist eine direkte Folge des Vorpreschens der Extremisten. Den Kämpfern von Abu Bakr al Bagdadi war es schon im Frühjahr gelungen, die Pipeline, die quer durch die Provinz zur Raffinerie von Baidschi führt, unter ihre Kontrolle zu bringen. Seitdem kann Treibstoff nur noch auf dem brandgefährlichem Landweg nach Kirkuk gelangen: Rund neunzig Kilometer lang ist die Route – und sie führt fast ausschließlich durch das Herrschaftsgebiet der Terroristen. Solange die nicht vertrieben sind, gibt es aus Baidschi kein Benzin.

Anders als rund um den Mossul-Staudamm im Nordwesten des Iraks aber weist in Kirkuk nichts auf eine Offensive zur Vertreibung der Dschihadisten hin. Am Nachmittag sind die Straßen leer gefegt. Um Strom zu sparen, öffnen viele Händler ihre Läden erst am Abend. Die Lage ist angespannt, immer wieder kommt es zu Bombenanschlägen und Razzien in den Unterkünften der vielen Flüchtlinge, die im Juni aus Takrit, Baquba und Falludscha nach Kirkuk geflohen waren. Islamistenzellen sollen sich eingenistet haben in den arabischen Vierteln der Stadt, die mehrheitlich von Kurden, aber auch von Turkmenen und Christen bewohnt wird. Nun stehen die arabischen Sunniten im Verdacht, stillschweigende Sympathisanten der sunnitischen Extremisten zu sein.

Auf der Flucht: Angehörige der Glaubensgemeinschaft der Schabak zwischen Kirkuk und Arbil
Auf der Flucht: Angehörige der Glaubensgemeinschaft der Schabak zwischen Kirkuk und Arbil Bild: AFP

Der Glaube, dass die kurdischen Peschmerga-Einheiten, die nach dem Rückzug der irakischen Armee im Juni in Kirkuk eingerückt waren, allein einen Angriff der Dschihadisten aufhalten könnten, hat sich seit der Offensive des „Islamischen Staats“ im Sindschar-Gebirge zerschlagen. „Wir können Gott danken, dass es den Maschrua-Kanal gibt“, sagt der Ausschussvorsitzende Nadschat Hussein. Der noch zu Zeiten Saddam Husseins errichtete Wasserweg markierte bislang 25 Kilometer westlich von Kirkuk die Grenze zwischen Bagdadis Kalifat und dem Restirak. Nur vereinzelt kam es hier zu Scharmützeln – aber das muss nicht ewig so bleiben. „Sollte der Islamische Staat versuchen, den Kanal zu überqueren, könnten wir die Terroristen nur mit Hilfe aus Washington zurückschlagen“, sagt Hussein.

Wen man auch anspricht im Nordirak, man hört nur gutes über die Amerikaner: Ohne die Luftangriffe der F-18-Kampfflugzeuge, die nach langen Kämpfen die Rückeroberung des strategisch wichtigen Mossul-Staudamms ermöglicht hatten, hätten die Dschihadisten weitere Gemeinden eingenommen, heißt es immer wieder. Weil Bagdadis Männer mehr als 150 Sprengfallen gelegt hatten, seien die Peschmerga nur im „Schneckentempo“ vorangekommen, sagt ein hoher kurdischer Regierungsberater, der die Operation vor Ort verfolgte. Die besten Einheiten, über die der Islamische Staat verfüge, seien zum Schutz des Staudamms abgestellt gewesen, doch nun müsse sich die Terrororganisation erst einmal neu gruppieren.

Der Verlust des Staudamms ist der erste wirkliche Dämpfer, den der selbsternannte Kalif hinnehmen musste. Die Rückeroberung mehrerer kleinerer Orte an der lange friedlichen Grenze zwischen dem Kalifat und Kurdistan vergangene Woche konnte der Terroristenführer noch verkraften. Doch das Signal, dass allen voran Amerika nun bereit ist, die Expansion seines weit nach Syrien hinreichenden Reiches zumindest auf irakischer Seite zu stoppen, ist angekommen. „Wir müssen sie zurückschlagen, egal an welcher Front“, sagt der kurdische Regierungsberater. Er kündigt weitere Rückeroberungen an: Als nächstes könnten die Peschmerga den Ort Dschalaula angreifen.

Keine dreißig Kilometer entfernt von der iranischen Grenze liegt die Gemeinde, die vor zehn Tagen fiel, während die Weltöffentlichkeit vor allem auf den Vorstoß der Dschihadisten in der Sindschar-Region blickte. Mit Selbstmordanschlägen auf Peschmerga-Stellungen hatten sich die Dschihadisten an Dschalaula herangekämpft. Der Ort am östlichen Rand von Bagdadis Herrschaftsgebiet ist strategische bedeutend, weil auf der iranischen Seite der Grenze arabische Sunniten leben, die mit der Terrorgruppe sympathisieren sollen. Teheran hat deshalb schon seine Truppen in der Region verstärkt. Wie zuvor in den Siedlungsgebieten der Yeziden an der syrischen Grenze und in der Christenhochburg Karakosch nahe Mossul war die Eroberung Dschalaulas von großer Grausamkeit geprägt. Abu Bakr al Bagdadi alias Kalif Ibrahim nutzt die Angst und die Brutalität seiner Männer als strategische Waffe.

Zerstörung: nach der Explosion einer Autobombe Anfang August in Kirkuk
Zerstörung: nach der Explosion einer Autobombe Anfang August in Kirkuk Bild: AP

Entrüstet zeigt ein irakischer Journalist im Büro des Provinzabgeordneten Hussein auf seinem Mobiltelefon Fotos aus der turkmenischen Gemeinde Amarlijeh. Der Ort ist seit gut sechzig Tagen belagert, er ist eingekreist von mehr als dreißig sunnitischen Dörfern, in denen die Dschihadisten willige Helfer gefunden haben. Dass Amarlijeh von der Regierung in Bagdad im Stich gelassen würde, sei ein Skandal, schimpft der Parlamentarier Hussein, der selbst Turkmene ist. Wenn schon keine Waffen, dann sollten aus Hubschraubern doch wenigstens Nahrung, Wasser und Medizin an die hungernde Bevölkerung abgeworfen werden. Auch die Peschmerga hätten versagt, sagt er wütend. Gemeinsam mit der irakischen Armee könnten sie die humanitäre Krise in zwei Tagen beenden, wenn sie nur wollten. Doch dazu müssten sich die beiden wichtigsten bewaffneten Gegner des „Islamischen Staats“ viel enger abstimmen.

An Koordinierung mit der Zentralregierung in Bagdad haben die kurdischen Kommandeure kein Interesse. Den Anweisungen der amerikanischen Armee folgen sie gerne, nicht jedoch denen der potentiellen Feinde von morgen. Und das wäre die irakische Armee, sollten die irakischen Kurden ihre Abspaltung weiter betreiben. Misstrauisch verlangte der designierte Ministerpräsident Haider al Abadi am Wochenende deshalb, etwaige Waffenlieferungen aus Washington, London, Paris oder Berlin müssten zunächst nach Bagdad gesandt werden. Seine Regierung würde diese dann an die Autonomieregion weiterleiten.

Die Politik des Präsidenten von Irakisch-Kurdistan, Massud Barzani, verärgert auch den turkmenischen Ausschussvorsitzenden Hussein. Kirkuk sei „eingezwängt zwischen Bagdad und Arbil“, sagt er. Die Freude über den raschen Einzug der kurdischen Peschmerga in die ölreiche Stadt im Juni ist bei vielen längst verflogen. Die Kurdenführung verfolge eigene Interessen sagt Nadschat Hussein und erhebt Vorwürfe, die in vielen Orten entlang der tausend Kilometer langen Grenze zwischen Bagdadis Kalifat und Irakisch-Kurdistan zu hören sind: Kampflos hätten die Peschmerga vor zwei Wochen ihre Stellungen in etlichen nichtkurdischen Gemeinden dem Islamischen Staat überlassen und sich einfach aus dem Staub gemacht. So wie im Juni die im ganzen Land verspottete irakische Armee.

Quelle: F.A.Z.
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