Kampf gegen IS

Erschöpfte Rückeroberer

Von Markus Bickel, Dohuk
04.05.2015
, 13:37
Immer wieder vom IS überrumpelt: Peschmerga in Arbil, der Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan.
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Auch die irakische Großstadt Mossul soll vom IS befreit werden. Aber die kurdischen Peschmerga haben schon genug Probleme damit, die Terroristen in Schach zu halten. Immer wieder sickern IS-Kämpfer in Orte ein, die längst als sicher galten.

Die Stimme von Samir Duski ist schwach, die Zunge ist schwer, sein Blick ist immer noch benommen. Nur ganz langsam kann der verwundete Kurde erzählen, wie er den Selbstmordattentäter am Morgen auf sich zukommen sah. „Es gab eine riesige Explosion, und das Nächste, woran ich mich erinnere, ist die Decke hier über mir im Krankenhaus“, sagt er und zeigt mit dem Finger nach oben. Wie aus dem Nichts sei der Kämpfer des „Islamischen Staats“ (IS) aufgetaucht, versteckt in der Ecke eines Zimmers, das er und zwei andere Peschmerga-Kämpfer, die das Haus in dem kleinen Ort nahe Tal Afar sichern sollten, für leer hielten.

Dass seine vor dem Gebäude postierten Kameraden ihn dann hastig in den Ambulanzwagen gezerrt hatten, erfuhr Duski erst, nachdem er aus der Bewusstlosigkeit erwacht war. Da befand er sich schon auf dem Weg ins Krankenhaus in Dohuk, anderthalb Autostunden von der Front entfernt. Duski überlebte den Selbstmordanschlag, seine beiden Mitstreiter in dem Raum, in dem der Attentäter seinen Sprengstoffgürtel zündete, nicht.

Dschihadisten überrumpeln Peschmerga

Mit mehr als einem Dutzend weiterer Verwundeter liegt der 31 Jahre alte Samir Duski nun im großen Saal der Notfallklinik der nordirakischen Provinzhauptstadt. Ein Verwandter fächelt Duski am Kopfende seines Bettes mit einem Stück Pappe frische Luft zu. Die rechte Kniescheibe wurde durch die Explosion zerschmettert, im linken Arm steckt eine Kanüle. Am Nachbarbett verteilen Angehörige mit weißem Kopfverband Bonbons an die Gäste, auch zwei syrische Oppositionskämpfer werden in einer Ecke des großen Saals versorgt. Hastig schieben zwei Sanitäter einen Patienten zur Tür hinaus Richtung Intensivstation. Stöhnend hält der Mann sich die Hände vors Gesicht, einen Bauchschuss hat er abbekommen.

Ständig kommen neue Besucher in Duskis Krankenzimmer, eine Delegation der regierenden Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) macht gerade die Runde. Küsse auf die Stirn verteilt der örtliche Statthalter Präsident Massud Barzanis, mit aufmunternden Worten versucht er die Moral seiner Truppe zu stärken. Das scheint bitter nötig: Die Nachricht von dem schweren Gefecht nahe der vom IS gehaltenen Stadt Tal Afar, bei dem auch Duski verwundet wurde, läuft im kurdischen Radiosender Rudaw seit Stunden als Spitzenmeldung. Selbst als er am frühen Nachmittag ins Krankenhaus gebracht worden sei, hätten die Kämpfe noch angedauert, sagt Duski. Wieder einmal sei es den Dschihadisten gelungen, die Peschmerga zu überrumpeln.

Fast vierzig IS-Kämpfer waren am frühen Morgen in das Dorf eingesickert, das die Duski und seine Kameraden eigentlich schon für zurückerobert hielten. Ein Fehler, der den Peschmerga öfter unterläuft, wie westliche Militärs in Arbil sagen: Im Gefühl des Sieges würden sie leichtsinnig, missachteten einfachste taktische Grundregeln. Für die noch diesen Herbst geplante Rückeroberung Mossuls verspricht das nichts Gutes: Bislang stehen erst 4000 Mann für einen Angriff bereit, den der geflohene Gouverneur der Provinz Ninive, Atif Nudschaifi, auf kurdischem Territorium ausbilden lässt. Ob die Peschmerga sich wirklich für eine Mission hergeben, die außer großen Verlusten und Zerstörung wenig für sie abwirft, steht noch in den Sternen.

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Nur mühsam ist es der 120.000 Mann umfassenden Peschmerga-Truppe überhaupt gelungen, die im Winter zurückeroberten Gebiete im Nordwesten Mossuls zu halten. Von 20.000 Quadratkilometern ist im Peschmerga-Ministerium in Arbil stolz die Rede. „Wenn wir einmal in einen Ort einrücken, kriegt uns dort niemand mehr heraus“, sagt ein Bettnachbar Duskis, der am Morgen von einem IS-Scharfschützen ins Bein getroffen wurde und die lange Strecke entlang der syrischen Grenze bis Dohuk im Krankenwagen zurücklegen musste. Zu Offensivaktionen aber ist die Truppe derzeit nicht in der Lage - zumal das komplette Umland Mossuls noch unter der Kontrolle der Dschihadisten ist, ohne Aussicht darauf, es bald zu befreien.

„Das sind keine Menschen“

Zwar berichteten Kommandeure der kurdischen Sicherheitskräfte später im Fernsehen, dass in dem Ort, in dem Duski verwundet wurde, alle Angreifer getötet worden seien. Doch dass die Kämpfer ohne Luftangriffe der von Amerika geführten Anti-IS-Allianz nicht zurückgeschlagen worden wären, sagen sie auch. Geschützt vom hohen Gras, das der Frühling überall im Nordirak hat wuchern lassen, hätten sich die Scharfschützen der Dschihadisten unbemerkt angeschlichen, erzählen Duski und sein Bettnachbar übereinstimmend. 1200 Tote und mehr als 5900 Verwundete haben die Peschmerga zu beklagen, seitdem die Terrorgruppe von IS-Führer Abu Bakr al Bagdadi im Juni 2014 die Millionenstadt Mossul und andere Gemeinden der Ninive-Ebene überrannte. Im Zuge der ersten Welle des IS-Vormarschs hatte die kurdische Regionalregierung im Nordirak noch das von ihr kontrollierte Territorium um Zehntausende Quadratkilometer erweitern können. Tausende irakische Soldaten hatten ihre Uniformen in den Staub geschmissen, ohne auch nur einen Schuss auf die anrückenden IS-Terroristen abzugeben. Von der syrischen bis zur iranischen Grenze rückten die Männer des Präsidenten von Irakisch-Kurdistan, Massud Barzani, in die verlassenen Stellungen der gedemütigten staatlichen Streitkräfte ein. Die nach Unabhängigkeit von Bagdad strebende Autonomieregierung in Arbil schien als Sieger aus dem Krieg hervorzugehen.

Doch die Rechnung für die Überdehnung des Militärapparats zahlte Arbil zwei Monate später: Unzählige christliche und yezidische Orte fielen Anfang August 2014 in die Hände des IS. Die einst so stolzen Bergkämpfer entpuppten sich als träges Heer, das dem Ansturm der islamistischen Guerrilla in keiner Weise gewachsen war. Auf einen so todesmutigen Gegner wie den IS waren die Peschmerga nicht eingestellt. „Das sind keine Menschen“, sagt Duski und richtet sich mühsam auf. Seit 17 Jahren sei er nun bei den Peschmerga, was auf Kurdisch „die, die dem Tod ins Auge blicken“, heißt. Sobald die Ärzte ihn aus dem Krankenhaus entließen, werde er zurückkehren zu seiner Einheit, um weiterzukämpfen, kündigt er an. Für Kurdistan - und gegen die Männer von IS-Anführer Abu Bakr al Bagdadi, der sich im Sommer 2014 beim ersten Freitagsgebet des Fastenmonats Ramadan in der großen Moschee von Mossul zum Kalifen ausgerufen hatte.

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Seine Organisation hat seither nichts von ihrer ideologischen Anziehungskraft verloren. In der westirakischen Provinz Anbar sind die IS-Terroristen weiter auf dem Vormarsch, und die Rückeroberung Tikrits am Tigris vor etwa einem Monat gelang nur unter großer Zerstörung. Ein Vorbild für die Befreiung Mossuls ist die anfangs von iranischen Generälen befehligte und von schiitischen Milizen geführte Operation nicht: Zu stark ist der Rückhalt des IS unter der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung der Millionenstadt. Händeringend sucht der schiitische irakische Ministerpräsident Haider al Abadi weiter nach schlagkräftigen Bündnispartnern für seine dem IS allein nicht gewachsenen Streitkräfte.

Neues islamisches Zeitalter ausgerufen

Auch in den von den Peschmerga zurückeroberten Gebieten prangt der Schriftzug des „Islamischen Staats“ in hastig hingesprühten arabischen Lettern weiter von den Fassaden verlassener Häuser. In den Dörfern rund um den Grenzübergang Rabijah, gelegen eine knappe Autostunde westlich von Dohuk, hatte der IS im Sommer 2014 seinen Siegeszug begonnen. Bilder von den zerstörten Anlagen an der syrisch-irakischen Grenze verbreitete die IS-Propagandaabteilung im Internet mit der triumphierenden Botschaft, dass die im Geheimabkommen von Sykes-Picot gezogenen kolonialen Grenzen gefallen seien. Ein neues islamisches Zeitalter wurde ausgerufen.

Auch zehn Monate später ist Rabijah noch gezeichnet vom Feldzug des IS. Wilder Raps wächst zwischen den Ruinen, ein gelbes Meer, gespickt von Sprengfallen und Minen, die zu beseitigen noch Jahre dauern wird. Ein großes Krankenhaus, in dem sich die IS-Kämpfer bis vor fünf Monaten einquartiert hatten, ist von riesigen Löchern übersät - erst die Raketen der amerikanischen Luftwaffe und ihrer Alliierten konnten sie im vergangenen Dezember aus dem Grenzort vertreiben. Eine Schlange Menschen hat sich vor einem von der kurdischen Autonomieregierung eingenommenen Gebäude versammelt, Wasser, Brot und Reis verteilen die Helfer.

Es sind nicht die Sicherheitskräfte der Zentralregierungen in Bagdad oder Damaskus, die den Grenzübergang kontrollieren, sondern Offizielle der nordirakischen Kurdenregion und Milizionäre der syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG). Die Wachhäuschen mit der schwarz-weiß-roten irakischen Fahne sind nun von Männern in Peschmerga-Uniformen besetzt, „Kurdistan“ haben sie unter den Schriftzug „Allahu Akbar“ gesprüht.

Rund um Mossul alles andere als sicher

Zehn Kontrollpunkte muss passieren, wer durch das Sperrgebiet südlich des Flusses Khabur zum Kommandositz Izadin Sadus fährt. Der großgewachsene General mit Geheimratsecken und schwarz gefärbtem Haar kontrolliert den Grenzabschnitt südlich von Rabijah bis zum Fuße des Sindschar-Gebirges. Angehörige des mächtigen Schammar-Stammes hatten das Gehöft im vergangenen Sommer auf der Flucht vor dem IS verlassen. Am Straßenrand warnt ein großes Schild vor Minen, den Schriftzug „Islamischer Staat“ am Eingangstor hat niemand entfernt. Die Wände der großen Häuser auf dem Gelände sind übersät mit Einschusslöchern, auf dem Boden liegen Patronenhülsen.

Sadu steht mit einem Steiner-Fernglas auf dem Dach seines Hauptquartiers, sein ältester Sohn, der in Deutschland lebt, hat es ihm gekauft. Der General zeigt in Richtung Syrien. Seitdem seine Einheiten den IS Ende 2014 vertrieben hatten, herrsche hier Ruhe, sagt er. Die Gefahren lauerten woanders. Rund um Mossul sei die Lage alles andere als sicher, das habe er selbst erlebt, als seine Einheiten dort 2014 eingesetzt waren. Wie zum Beweis, dass er fernab des Kampfgebiets kein ruhiges Leben führe, zieht Sadu sein goldenes Mobiltelefon heraus und zeigt einen Film, in dem er mit Helm auf der Ladefläche eines Pritschenwagens sitzt und Geschosse aus einem Duschka-Maschinengewehr abfeuert. Nur zwanzig Kilometer von Mossul entfernt sei die Aufnahme im vergangenen Herbst entstanden. Keine Miene verzieht der General, als ein Schuss den Wagen trifft. Und wie die verwundeten Kämpfer in der Notfallklinik von Dohuk versichert er, dass die Peschmerga keinen Zentimeter zurückwichen, wenn sie einen Ort einmal genommen hätten. Aus vielen Gemeinden der Ninive-Ebene haben seine Männer den IS allerdings noch nicht vertrieben.

So wirkt Sadus Beteuerung wenig überzeugend: Dass Mossul noch dieses Jahr befreit werde, Barzani habe bei seinem jüngsten Treffen mit Regierungschef Abadi schließlich sein Wort gegeben.

Quelle: F.A.Z.
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