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Naher Osten

Kampfzone Levante

Von Rainer Hermann
Aktualisiert am 04.08.2013
 - 08:08
Kein Ort des Gebets mehr: Eine Moschee im Stadtteils Khalidiya in Homs
Syrien zerfällt in drei Regionen, innerhalb jeder Region setzt sich die Fragmentierung fort. Die Konflikte greifen auf die Nachbarstaaten über: Syrien, der Irak und der Libanon bilden eine Kampfzone.

Es wirkt wie ein Widerspruch: Syrien zerfällt, die Levante wird aber immer mehr eins. Während der Staat Syrien in drei weitgehend selbständige Teile zerbricht, bilden die Länder Syrien, der Irak und - zunehmend - auch der Libanon eine Kampfzone. Das ist die Folge des syrischen Bürgerkriegs und seines Übergreifens auf die Nachbarn.

Mit der Eroberung von Homs durch die reguläre syrische Armee in den vergangenen Tagen hat das Assad-Regime sein Herrschaftsgebiet weiter konsolidiert. Es reicht entlang der Achse von Damaskus im Süden bis kurz vor Aleppo im Norden und erstreckt sich entlang der Mittelmeerküste einschließlich des dazwischen liegenden Alawitengebirges.

Die Rebellen kontrollieren einen breiten Gürtel von der türkischen Grenze über Aleppo den Euphrat entlang bis hinunter an die Grenze zum Irak. Im Nordosten mit den beiden wichtigen Städten al Hassakeh und al Qamischli hat hingegen die kurdische „Partei der demokratischen Union“ (PYD) das Sagen. Sie hat ihr Herrschaftsgebiet von sunnitischen Dschihadisten gesäubert.

Lokale Milizen in weiten Teilen des Landes

Der Staat, über den Präsident Baschar al Assad herrscht, wird ebenso wie das Herrschaftsgebiet der Rebellen zunehmend von lokalen Milizen durchzogen. Der schwedische Syrien-Experte Aron Lund schildert in einem Beitrag für die Website „Syria Comment“, wie sich Assad zunehmend auf lokale militärische und paramilitärische Gruppen stützt. Hinzu kommen ausländische Milizen, unter ihnen die Hizbullah, schiitische Brigaden aus dem Irak und sogar türkische Aleviten.

Einflussreiche Milizenführer kämpfen mit ihren eigenen kleinen Armeen zwar für Assad, verfolgen dabei aber als lokale Größen ihre eigenen politischen Ziele, auf die Assad Rücksicht zu nehmen hat. Assad hat daher den bisherigen Vorsitzenden der Baath-Partei in Aleppo, Hilal Hilal, zum Dank für die Einrichtung kampfstarker Milizen im Raum Aleppo zu seinem Stellvertreter in der syrischen Baath-Partei befördern lassen.

Die Milizen finanzieren sich durch Schmuggel und Schutzgelder weitgehend selbst. Jeder dieser „Subunternehmer“ herrsche über ein eigenes Territorium, so Lund. Ihre Loyalität gegenüber Assad müsse erst noch getestet werden. Die Bildung der paramilitärischen „Nationalen Verteidigungskräfte“ ist ein Versuch des Regimes, diese lokalen Milizen mit Hilfe iranischer Ausbilder zusammenzuführen.

Gegen das Regime aber auch gegeneinander

Im Herrschaftsgebiet der sunnitischen Rebellen kämpfen viele lokale Milizen gegen das Regime, aber auch gegeneinander. In diesem Krieg gibt es längst keine Gemäßigten mehr. Die Radikalisierung hat auch Gruppen der Rebellen erfasst. Die Dschihadisten von Dschabhat al Nusra sind zwar weiter die militärisch wirksamste Rebellengruppe. Die al Qaida nahestehende Gruppe hat sich aber gespalten: Ein Flügel bildet mit der irakischen al Qaida den „Islamischen Staat Irak und al Scham“, wobei „al Scham“ der Name für das historische Groß-Syrien ist.

Der andere Flügel folgt Scheich Abu Muhammad Dschaulani, der seine Kämpfer von Muadhamiya aus befehligt, einer südwestlich von Damaskus gelegenen Stadt. Die Spaltung von Dschabhat al Nusra hat die Bedeutung der radikalen Salafistengruppe „Ahrar al Scham“, der „Freien Groß-Syriens“, unter Führung von Hassan Aboud wachsen lassen. Sie hat sich auf Autobomben und die Eroberung von Kasernen der regulären Armee spezialisiert.

Anschläge der Rebellen als Terrorakte klassifiziert

Davon unabhängig kämpfen die lose miteinander verbundenen Einheiten der „Freien Syrischen Armee“ unter dem Befehl des prowestlichen Selim Idriss. Das amerikanische Ministerium für „Homeland Security“ hat mittlerweile in seiner öffentlich zugänglichen „Global Terrorism Database“ auch mehrere Anschläge der „Freien Syrischen Armee“ als Terrorakte klassifiziert.

Die syrischen Kurden sind in der Bildung eines zusammenhängenden autonomen Gemeinwesens erfolgreicher als die arabischen Sunniten. Die der PKK in der Türkei nahestehende PYD hat auf Arabisch einen Verfassungsentwurf für ein autonomes „West-Kurdistan“ vorgelegt, das ein „untrennbarer Bestandteil Syriens“ bleiben soll - so wie die autonome Region Irakisch-Kurdistan bis auf weiteres ein Teil des Iraks ist. Zudem bereitet die PYD eine Regierung mit 21 Ministern vor. Damit ist die PYD unter ihrem Vorsitzenden Salih Muslim der zerstrittenen „Nationalen Koalition“ der Rebellen weit voraus.

Den syrischen Kurden gelang es - ähnlich den irakischen Kurden ein Jahrzehnt zuvor -, sich unter Druck zu einigen. Der Anteil der Kurden an der syrischen Bevölkerung wird meist mit zehn Prozent angegeben. Er dürfte erheblich größer sein. Die Kurden haben ein sehr hohes Bevölkerungswachstum, und die meisten von ihnen leben in den nur gering erschlossenen ländlichen Gebieten.

Das „West-Kurdistan“ der PYD schiebt sich wie ein Riegel zwischen die Türkei und den östlichen Teil Syriens. Da die kurdische PYD die sunnitischen Rebellen und vor allem die Dschihadisten bekämpft, ist eine Allianz mit dem syrischen Regime in Damaskus nicht ausgeschlossen, um die Gebiete der Rebellen, die zwischen ihnen liegen, in die Zange zu nehmen.

Syrien zerfällt in drei zunehmend autonome Regionen, und innerhalb jeder Region setzt sich die Fragmentierung fort. Zudem hat jeder der wichtigen Akteure wiederum Verbündete in den Nachbarländern, die direkt in das Geschehen in Syrien eingreifen. Damit entsteht eine große Kampfzone, die sich durch die gesamte Levante erstreckt.

Die Radikalisierung der Nachbarstaaten

Der irakische Schiitenführer Muqtada al Sadr hat in Nadschaf mehrere Tausend Kämpfer mobilisiert und sie mit Waffen ausgestattet, um in Syrien für Assad zu kämpfen. Zudem bilden sunnitische Dschihadisten aus dem Irak und Syrien den „Islamischen Staat Irak und Groß-Syrien“. Die innerirakischen Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten werden damit ebenso in Syrien ausgetragen wie zu Hause im Irak.

Aus dem Libanon entsendet die Hizbullah Kämpfer nach Syrien, die mit den irakischen Schiiten Seite an Seite kämpfen und dabei die berüchtigten „Schabiha“Milizen unterstützen, in denen sich überwiegend syrische Alawiten sammeln. Als Erkennungszeichen tragen sie oft das Zwei-Klingen-Schwert des von den Schiiten verehrten Ali.

Die Radikalisierung innerhalb Syriens findet ihre Fortsetzung in der Radikalisierung in den Nachbarstaaten. So ist die jüngste Gewaltwelle im Irak auch eine Folge des Übergreifens des Krieges in Syrien. Auch im Libanon nehmen die Spannungen zu. Was sich vor zwei Jahrzehnten auf dem Balkan an Fragmentierung ereignet hat, wiederholt sich heute in der Kampfzone Levante.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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