Obama in Ramallah

Hochstimmung und eine harte Landung

Von Hans-Christian Rößler, Ramallah
21.03.2013
, 18:08
Bei seiner Nahost-Reise nimmt der amerikanische Präsident Barack Obama nur die Israelis für sich ein. Im Ramallah herrscht dagegen weiter Kühle.

Im Dämmerlicht beginnt unter der hohen Kuppel die Geschichtsstunde. Benjamin Netanjahu setzt seine Lesebrille auf und tritt einen Schritt näher an das dicht beschriebene Pergament. Auf Hebräisch liest er dem amerikanischen Präsidenten vor, was am Anfang des Buchs Jesaja über eine ideale Welt geschrieben steht, in der es keine Kriege mehr geben wird. Dem israelischen Ministerpräsidenten liegt der Besuch im Jerusalemer „Schrein des Buches“ besonders am Herzen, er wollte Barack Obama auf dessen erster Israel-Reise genau an diesen Ort bringen. Die in den Höhlen von Qumran am Toten Meer gefundenen Schriftrollen zählen zu den ältesten Bibelmanuskripten auf der Welt. Viele halten sie für das vielleicht wichtigste Kulturerbe des Staates Israel.

Statt der ursprünglich angesetzten zehn Minuten beugen sich die beiden Politiker mehr als eine gute Stunde mit Museumsdirektor James Snyder im Halbdunkel über die vergilbten Pergamentstücke. „Obama war sehr interessiert und will mit seiner Frau und den Töchtern wiederkommen“, sagt Museumsdirektor Snyder. Obama und Netanjahu halten an diesem sonnigen Frühlingsmorgen im „Israel Museum“ keine Reden. Schon die Bilder sind für die israelischen Gastgeber die Botschaft.

Jeder Schritt ein Symbol

Jeder Schritt des nur gut 50 Stunden dauernden Aufenthalts Obamas in Israel ist genau überlegt und mit reichlich Symbolik aufgeladen. Der Präsident wird nicht nur die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufsuchen, wie es Politiker normalerweise tun, sondern auch die Gräber von Theodor Herzl und Itzhak Rabin. Die halbe Stunde im Qumran-Schrein geht noch weiter darüber hinaus, denn die uralten Schriften stehen aus israelischer Sicht dafür, wie eng die Geschichte des jüdischen Volkes mit der Region verbunden ist, die heute der Staat Israel einnimmt. Die Regierung in Jerusalem wollte schon seit längerer Zeit die Geschichtskenntnisse des amerikanischen Präsidenten etwas in ihrem Sinne auffrischen: In seiner Rede in Kairo im Juni 2009 hatte Obama die Vorgeschichte des modernen Israels praktisch nur auf den Holocaust reduziert. „Die Hoffnung auf ein jüdisches Heimatland hat ihre Wurzeln in einer tragischen Geschichte, die niemand leugnen kann“, sagte er damals, um danach auf das Leiden der heimatlosen Palästinenser einzugehen. Diese Worte hatten viele Israelis enttäuscht und empört, die die Gründung ihres Staates als eine Rückkehr in ihre angestammte Heimat verstehen und international anerkannt sehen wollen.

Doch Obama hatte die Nachhilfe im Museum gar nicht mehr nötig. Bei seiner Ankunft auf dem Tel Aviver Flughafen hält er sich nicht lange mit den üblichen Komplimenten auf, sondern überrascht schon wenige Minuten nach der Landung seine Gastgeber. Er sei sich bewusst, dass er nun das „historische Heimatland des jüdischen Volkes“ betrete, das dort schon vor mehr als 3000 Jahr zu Gott betete, sagt der Präsident: Heute erfüllten die „Söhne Abrahams und die Töchter Sara den alten Traum, Herren über ihr eigenes Schicksal und ihren souveränen Staates zu sein“.

Beide Seiten bemühen sich um Wärme

Bewegt hören nicht nur Netanjahu und Staatspräsident Schimon Peres Obama zu. Von Obamas unkomplizierter Herzlichkeit scheinen mittlerweile immer mehr Israelis angetan zu sein, die ihm vor seiner Ankunft skeptisch gegenüberstanden. „Präsident Obama kam, um die Herzen der Menschen zu gewinnen und genau das gelang ihm auch“, heißt es etwa in der israelischen Zeitung „Maariv“. Die Schlagzeile der Zeitung „Jediot Ahronot“ lautet am Donnerstag: „Eine herzliche Umarmung“.

Beide Seiten bemühen sich sichtlich um die menschliche Wärme, die den ersten Treffen zwischen Obama und Netanjahu gefehlt hatte. Auf der Pressekonferenz am Mittwochabend redet Obama Netanjahu nur mit dessen Spitznamen „Bibi“ an. Nicht zufällig zitiert er aus einem Brief, den Jonathan Netanjahu geschrieben hatte; der Bruder des Regierungschefs war bei der Befreiung eines entführten israelischen Flugzeugs 1976 in Entebbe ums Leben gekommen. Für Benjamin Netanjahu war das ein prägender Einschnitt in seinem Leben. Mit keinem ausländischen Politiker habe er seit dem Beginn seiner ersten Amtszeit vor gut vier Jahren so viel Zeit verbracht, wie mit dem israelischen Premier, rechnet Obama vor. Er sei froh, dass er sich nun zum ersten Mal in Israel als Gastgeber revanchieren könne, sagt Netanjahu, der seinen Besucher zusammen mit Ehefrau Sara und ihren beiden Söhnen in seiner Residenz willkommen heißt. Es geht fast familiär zu. Sara Netanjahu hat auch Obamas Ehefrau Michelle und deren beiden Töchter nicht vergessen. Michelle Obama ist nicht mitgekommen, sie begleitet den Präsidenten nur dann auf Reisen, wenn die Kinder Schulferien haben. So überreicht Sara Netanjahu dem Vater zwei Silbermedaillons mit der Nachbildung der Harfe des biblischen Königs David für die Töchter; für den Hund Bo gibt es einen Hamburger aus Plastik.

Die Lässigkeit, mit der Obama und Netanjahu noch unter der warmen Mittagssonne am Flughafen von Tel Aviv ihre Sakkos ausziehen, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Annäherung der Beiden noch immer ihre Grenzen hat. „Israel hat das Recht, sich gegen jede Gefahr selbst zu verteidigen“, sagt Netanjahu während der gemeinsamen Pressekonferenz. Obama widerspricht ihm nicht. Er bittet nur um etwas Geduld, um Diplomatie und Sanktionen im Atomkonflikt mit Iran noch eine letzte Chance zu lassen. Sein Ziel sei es nicht, die Nuklearaktivitäten Irans einzudämmen, sondern Teheran daran zu hindern, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen, stellt Obama klar.

Obama sieht dringenden Handlungsbedarf

Netanjahu ist offensichtlich damit zufrieden und verzichtet darauf, dem Präsidenten selbst an dem Punkt zu widersprechen, über den sie bisher lange unterschiedlicher Meinung waren. Kurz vor seinem Abflug hatte Obama gesagt, Iran werde noch rund ein Jahr für die Entwicklung einer Atomwaffe benötigen. Die israelische Regierung hatte bisher von viel kürzeren Zeiträumen gesprochen, die es nötig vielleicht machten, bald militärisch einzugreifen. Doch Obama sieht viel dringlicheren Handlungsbedarf in unmittelbarer Nachbarschaft. Auch das wird gleich zu Anfang der Pressekonferenz deutlich. Der amerikanische Präsident beginnt mit dem Palästina-Konflikt, Netanjahu geht erst an dritter Stelle darauf ein - nach Iran und Syrien.

Obamas Landung im Hof des Amtssitzes des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas ist härter als die am Mittwoch in Tel Aviv: Seine Charmeoffensive wird in Ramallah argwöhnisch und mit wachsender Enttäuschung verfolgt. „Nicht einmal das Grabmal Jassir Arafats wollte er besuchen, obwohl es neben Abbas’ Büro liegt“, kritisiert der palästinensische Politiker Mustafa Barguti. Obama bezeichnet sein Gespräch mit Abbas später als „nützlich“. Den fünf Stunden in Ramallah fehlt es an symbolischen Gesten, an denen der Aufenthalt in Israel so reich ist. Nur kurz schaut Obama zusammen mit Ministerpräsident Salam Fajad in einem Jugendzentrum vorbei.

Zu diesem Zeitpunkt warten in Jerusalem schon mehr als 600 israelische Studenten auf den Präsidenten. Obama hatte sich entschieden, nicht vor Politikern in der Knesset zu reden, sondern vor jungen Israelis - so wie er schon vor vier Jahren in Kairo in einer Universität für einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen Amerika und der arabischen Welt geworben hat, knapp zwei Jahre, bevor die Arabellion begann. Er wird im Jerusalemer Kongresszentrum wie ein Popstar empfangen. Aber das ist nur der Anfang. Obama umarmt in den nächsten 40 Minuten das Publikum mit seiner Rede. Er nimmt auf die jüdische Geschichte Bezug und das Pessachfest, das am Montag beginnt und an dem man sich des jüdischen Auszugs aus Ägypten erinnert. Dieser sei zu einem Vorbild für den Freiheitskampf für Unterdrückte auf der ganzen Welt geworden, sagt der Präsident. Juden hätten am Ende „Freiheit in ihrem eigenen Land“ gefunden.

Mit einigen Worten auf Hebräisch fügt er dann hinzu, „so lange es die Vereinigten Staaten gibt, seid Ihr nicht alleine“. Obamas sagt aber auch, Israel könne als jüdischer Staat nur an der Seite eines „unabhängigen und lebensfähigen Palästinas“ blühen. Die Leute im Saal muss er davon nicht mehr überzeugen. Lang andauernder Applaus brandet auf. Allein auf die Kraft seiner Worte will Obama aber nicht vertrauen. Schon am Samstag soll sein neuer Außenminister John Kerry nach Jerusalem und Ramallah zurückkehren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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