Pressefreiheit in Ägypten

Der Nil ist überschritten

Von Christoph Ehrhardt
02.01.2013
, 18:14
Muss Bassem Youssif vor Gericht? Der Star einer ägyptischen Satireshow soll Präsident Mursi herabgewürdigt haben. So sieht es ein islamistischer Anwalt, und der Generalstaatsanwalt reagiert.

Hörte der Spaß bei „Supermursi“ auf? Bassem Youssif, Fernsehstar der Satireshow „al Barnamig“ („Das Programm“) muss sich den ägyptischen Behörden stellen. Der vom ägyptischen Präsidenten Muhammad Mursi eingesetzte Generalstaatsanwalt will nach Berichten der ägyptischen Presse eine Untersuchung wegen Herabwürdigung des Staatschefs einleiten.

Ein islamistischer Anwalt namens Ramadan Abdel Hamid al Aksary hat Youssif angezeigt, weil dieser Mursis „Würde verletzt“ und den Staatschef sowie andere Amtsträger „vor anderen Staaten gedemütigt“, habe. Es ist nicht Aksarys erste Anzeige gegen einen prominenten Kritiker der Muslimbruderschaft. Es ist auch nicht die erste Beschwerde über Bassem Youssif, der schon länger Drohungen von Islamisten erhält.

Der Mediziner, der zu Revolutionszeiten verletzte Demonstranten auf dem Tahrir-Platz behandelt hatte, ist durch Youtube-Videos bekanntgeworden, inzwischen hat er Millionen von Fans und Zuschauern. In einer Show hatte er den aus der Muslimbruderschaft stammenden Präsidenten parodiert und sich über dessen wenig mitreißendes Auftreten lustig gemacht. „Von jetzt an heißt er nicht mehr Präsident Mursi - von jetzt an heißt er Supermursi“, stichelte Youssif, nachdem sich Mursi Ende November per Dekret über die Justiz gestellt und die Gewaltenteilung aufgehoben hatte.

Die Presse ist wie die Gesellschaft gespalten

Der Präsident selbst will zwar nicht hinter der Beschwerde stecken. Doch der Fall befeuert das Misstrauen im säkularen, liberalen Lager gegenüber den neuen islamistischen Machthabern. Bassem Youssif sagte in einer seiner Sendungen: „An jene, die denken, sie leben allein in diesem Land: Wacht auf! An jene, die denken, es ist eine Frage von Mehrheiten: Wacht auf! An jene, die denken, Ägypten werden von einer Gruppe allein regiert: Wacht auf! An jene, die denken, Ägypten ist ein kleines Kind, das Erziehung braucht: Wacht auf!“

Die maßgeblich von den Muslimbrüdern geschriebene neue Verfassung garantiert nicht Freiheitsrechte wie die Presse- und Meinungsfreiheit. Der Staat solle „Ethik, öffentliche Moral und öffentliche Ordnung“ schützen, heißt in einem von mehren vage formulierten Artikeln, mit denen solche Freiheiten begrenzt werden können. Und die Regierung ist bereits mit harter Hand vorgegangen, wenn sie meinte, die Grenze des Erträglichen sei überschritten worden. Die ägyptische Presse ist wie die Gesellschaft polarisiert. Unter diesen Bedingungen können Mursi und seine Mitstreiter auch unsachliche Angriffe und schrille Falschmeldungen nicht gelassen an sich abprallen lassen. Unlängst rief der Führer der Muslimbruderschaft, Muhammad Badie, seine Anhänger auf, sich weniger um „irreführende“ Medien zu scheren, die „Lügen produzieren“.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot