Syriens urbane Mittelschicht

Sehnsucht nach Alltag

Von Rainer Hermann, Damaskus
Aktualisiert am 04.06.2012
 - 17:40
Rauch über Damaskus: Auch die syrische Hauptstadt wird – wie bei dem Anschlag vom 27. Mai – von Gewalt erschüttert
Verständnis für das Blutvergießen ist hier kaum zu finden: Die urbane Mittelschicht in Syrien hat nicht viel für den Aufstand übrig - mehr als Reformen will sie Ruhe und Stabilität.

In Ain Terma hatte Yara vor vier Jahren eine Eigentumswohnung erworben. Die junge Chemikerin konnte damals nicht ahnen, dass der benachbarte Damaszener Vorort Zamalka drei Jahre später zu einem Brennpunkt des Aufstands gegen das Regime von Präsident Baschar al Assad werden sollte. Wie der Machthaber gehört auch sie zur Minderheit der Alawiten. In Zamalka und Ain Terma herrschen heute aber überwiegend sunnitische Aufständische. Selbst dort, in ihrem Viertel, wurden in den vergangenen Tagen zwei Mitglieder der Freien Syrischen Armee verhaftet. Yara fühlte sich daher in Ain Terma nicht mehr wohl. Sie kehrte nach Mezze zurück, in den Stadtteil von Damaskus, der mit seinen staatlichen Einrichtungen und Botschaften als besonders sicher galt.

Nun fährt sie wieder jeden Tag von Mezze eine halbe Stunde Richtung Süden an ihren Arbeitsplatz in einem Lebensmittellabor. Die Dörfer entlang des Weges mit ihren unterschiedlichen Religionen sind von dem Konflikt im Land ebenfalls gezeichnet. Erst fährt Yara durch das sunnitische Madamiyah, aus dem viele Alawiten bereits fortgezogen sind, dann durch das christliche Jdeide Artus. Es folgt Artus mit seiner sunnitischen Bevölkerung am Fuße des auch im Juni noch schneebedeckten Hermongebirges. Bedrückt erzählt Yara nun die Geschichte eines Lehrers, der in Artus unterrichtet hatte, aber aus dem benachbarten Alawitendorf Qatana stammte. An der Schule hatte er Morddrohungen erhalten, und darauf wurde er vor dem Tor der Schule erschossen.

Im Lebensmittellabor ist das konfessionelle Mosaik noch intakt

„Bald wird ganz Syrien sein wie Homs“, fürchtet die junge Frau. Für Yara steht der Name der Protesthochburg für einen hässlichen Bürgerkrieg mit vielen Toten. Schließlich ist auch ihr Cousin am 10. Januar in Lattakia entführt worden, und noch immer fehlt jede Spur von ihm.

Yara gehört zur gebildeten Mittelschicht Syriens, zur schweigenden urbanen Bevölkerung des Landes. Leute wie sie werden oft Loyalisten genannt. Sie sind für Reformen, sie wollen Stabilität und eine gesicherte wirtschaftliche Zukunft in einem funktionierenden Staat. Das bedeutet ihnen mehr als das Wagnis von Aufstand und Umsturz. Doch mit der Stabilität ist es vorbei.

„Es geht doch nicht um Freiheit und nicht um Demokratie, vielmehr sind wir mitten in einem Konfessionskrieg“, sagt die junge Frau. Ihr Bruder, ein in der sunnitischen Ortschaft Harasta tätiger Arzt, will nicht länger mit diesem Risiko leben. Er wandert in diesen Tagen mit seiner russischen Frau, ebenfalls einer Ärztin, und den beiden Kindern nach Russland aus.

In dem Lebensmittellabor, in dem Yara arbeitet, ist das konfessionelle Mosaik Syriens noch intakt. Seite an Seite arbeiten Sunniten, Alawiten und Christen miteinander. „Die Frage, welcher Religion jemand angehört, gilt bei uns als taktlos“, sagt Marwan, der Leiter des Labors. Er ist ein Christ. Vergangene Nacht, erzählt er, seien Leute durch das christliche Viertel von Damaskus, in dem er lebt, gezogen und hätten gerufen: „Es lebe der Dschihad!“ Sein Vorgänger auf diesem Laborleiterposten hatte in diesem Winter mit seiner fünfköpfigen Familie die Koffer gepackt und hat sich mit ihr in einem EU-Land niedergelassen.

Aus Angst fährt keiner mehr so weit aus der Stadt

Für die Sunnitin Mona ist eine Ausreise nicht möglich. Anders als die meisten anderen Frauen in dem Labor trägt sie ein Kopftuch. Auch als Sunnitin will sie aus dem sunnitischen Artus und aus Syrien weggehen. Denn sie lebt in steter Angst vor Anschlägen entlang ihres täglichen Wegs zur Arbeit. Daher wollte sie ihren Verlobten rasch heiraten und in einem Land am Golf arbeiten. „Die Golfstaaten aber weisen heute alle Antragsteller ab“, sagt sie und zuckt resigniert mit den Achseln. Nun will sie an einen sicheren Ort im Zentrum von Damaskus umziehen.

Die Alawitin Sarah und ihr Mann kehren aus Angst um ihre beiden Kinder nach Damaskus zurück. Vor mehr als einem Jahr waren sie dem Trend gefolgt und hatten ihre Kinder in eine der teuren Privatschulen geschickt, die im grünen Hinterland wie Pilze aus dem Boden schossen. Dort nehmen nun die Entführungen von Kindern reicher Eltern zu, und so kaufen viele Schulen in diesen Monaten Gebäude in der als sicher geltenden Innenstadt von Damaskus auf und kehren in die Stadt zurück. Selbst im Vorort Saqba, einst das Damaszener Zentrum der Möbelgeschäfte, stehen immer mehr Gebäude leer. Aus Angst fährt keiner mehr so weit aus der Stadt.

Zum Schuljahresende am 31. Mai zieht Sarahs Familie von Jdeide Artus, wo neulich nahe ihrem Hause eine Bombe detonierte, nach Mezze zurück, schickt ihre Kinder dann dort in eine Schule. Sarah, deren zwei Brüder schon in Frankreich leben, sagt, sie sei die alltägliche Angst leid - und dass Menschen nur ihres Glaubens wegen getötet würden. Leid sei sie auch die täglichen Anrufe bei der Schule, ob die Kinder denn gut angekommen seien. Sie fühlt sich nicht mehr wohl. Seit zwei Monaten schon wolle sie neue Kleider kaufen, traue sich aber nicht mehr in die belebten Einkaufstraßen von Damaskus. Auch treibt sie keinen Sport mehr und geht nicht mehr unbeschwert draußen mit der Familie spazieren. Lediglich der Arbeitsplatz vermittelt weiter eine gewisse Normalität.

Die andauernde Gewalt rückt näher

Im Lebensmittellabor beginnt die Arbeit morgens um 8 Uhr, die früher üblichen Überstunden sind jedoch aus Sicherheitsgründen gestrichen worden. Großzügig hat das Labor zu Jahresbeginn die Gehälter um bis zu 50 Prozent erhöht. Die Lebenshaltungskosten haben sich seit dem Beginn der Krise aber verdoppelt. Die Preise für die Kochgasbehälter, die in nahezu jeder Küche stehen, haben sich seit einem Jahr versiebenfacht.

Der wirtschaftliche Spielraum des Labors ist sehr eng. Die Beschaffungskosten haben sich wegen der Abwertung des syrischen Pfunds verdoppelt, die staatlich festgelegten Preise der Branche sind aber seit Jahren konstant. Ferner erschweren Unterbrechungen der Transportwege, zunehmende Wegezölle durch Banden das Wirtschaften von Betrieben, die wie das Lebensmittellabor vor allem der bedrängten syrischen Mittelschicht ein Einkommen sichern. Dass Syrien als Folge der Sanktionen vom internationalen Bankensystem abgeschnitten ist, kommt hinzu.

Yara, Mona, Sarah und Marwan können noch zur Arbeit gehen. Andere Betriebe hatten wegen der Kämpfe im Land schließen müssen. Doch auch für die Angestellten des Lebensmittellabors rückt die andauernde Gewalt näher. Verständnis für das Blutvergießen ist an Orten wie diesem kaum zu finden.

Namen der Gesprächspartner und ihrer Familienmitglieder von der Redaktion geändert.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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