Yeziden und Christen im Irak

Die Angst vor dem nächsten Massaker

Von Markus Bickel, Dohuk
14.05.2015
, 12:25
Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen hat Zelte, Decken, Hygieneartikel und andere Haushaltsgegenstände in das Camp Duhok im Nordirak gebracht. Hier ist ein Camp für 10 000 Yeziden, die vor der Terrormiliz IS geflohen sind.
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Die Erinnerung an die Massaker der Terrormiliz IS an Yeziden und Christen im Nordirak ist noch frisch. Zehntausende sind in die Kurdenregion Dohuk geflohen. Aber auch dort fühlen sie sich nicht sicher.

Allgegenwärtig ist unter den Minderheiten des Nordiraks die Angst vor neuen Massakern. „Es war nicht das letzte Mal“, fürchtet Baba Cawis, das spirituelle Oberhaupt der Yeziden in der Pilgerstätte Lalesch. Der „Hüter des Schreins“ erinnert an den Massenmord im vergangenen Sommer im Sindschar-Gebirge. Die Dschihadisten des IS richteten nach ihrem Einmarsch Hunderte Männer hin, verschleppten Tausende Frauen, vergewaltigten und versklavten sie. „Beim nächsten Mal wird es noch schlimmer sein.“

„Denn niemand kann garantieren, dass sich das in den nächsten zehn Jahren nicht wiederholt“, sagt Mamou Othman vom Zentralrat der Yeziden, der an der Universität Dohuk das Zentrum für Europäische Studien leitet. Anders als das Terrornetz Al Qaida, das mit spektakulären Anschlägen auf große Ziele auf sich aufmerksam machte, suche der IS „das schwächste Glied in der Kette“, und das sind die Minderheiten.

Regierung in Bagdad und Kurden bieten keinen Schutz

„Wer einmal von der Schlange gebissen wurde, vergisst es nicht“, sagt Cawis. Er fleht um Hilfe: „Wir brauchen Schutz.“ Die irakische Zentralregierung in Bagdad, auf deren Gebiet das historische Siedlungsgebiet der Yeziden im Sindschar-Gebirge liegt, kann diesen Schutz nicht leisten, die Führung der autonomen Kurdenregion im Norden Iraks kann es ebenfalls nicht.

„Wir brauchen internationale Truppen, die für unsere Sicherheit sorgen“, fordert daher Emanuel Youkhana, Erzdiakon der Assyrischen Kirche des Ostens in Dohuk. Zu groß sei das Misstrauen von Christen und Yeziden, von Schabak und Kakai gegen die muslimischen Nachbarn, die an vielen Orten über Nacht zu Komplizen der Terrorgruppe geworden sind.

Unter den assyrischen Christen des Nordiraks ertönen seit Monaten immer lautere Rufe nach einer wirksamen Selbstverteidigung. Die militärischen Möglichkeiten der kleinen Bürgerwehr der „Opferer“, wie sie sich nennt, bleiben jedoch beschränkt. Sie sicherten in erster Linie von den Peschmerga zurückeroberte Dörfer ab und verhinderten neue Übergriffe, sagt Youkhana, den Angehörige der kleinen christlichen Miliz begleiten. Auch die Yezidischen Widerstandseinheiten (YBS), die von syrischen Kurdenmilizen ausgebildet werden, haben sich bisher nicht zu einer Offensive gegen Stellungen des IS im Sindschar-Gebirge getraut. Die rund 600 Kämpfer sind weiter auf Luftschläge der von Amerika geführten Anti-IS-Allianz angewiesen, wollen sie Angriffe der sunnitischen Gotteskrieger abwehren.

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Dem IS-Terror entkommen
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Nicht ausreichend ist ferner die militärische Ausrüstung der kurdischen Peschmerga. Als die IS-Krieger des „Kalifen“ Abu Bakr al Bagdadi im August 2014 in yezidische Dörfer und christliche Gemeinden einfielen, hatten die einstigen Partisanenkrieger gegen die früheren Soldaten Saddam Husseins, die nun für den IS kämpfen, keinen Widerstand geleistet. Vielmehr ergriffen auch sie die Flucht, wie auch Zehntausende Zivilisten und Zehntausende Soldaten der regulären irakischen Armee.

Viele Christen auf der Flucht

Auch ein knappes Jahr nach dem Exodus leben allein in der nordirakischen Kurdenprovinz Dohuk rund 450.000 vertriebene Iraker; hinzu kommen 200.000 Syrer, die schon vor Jahren aus dem Nachbarland über die Grenze geflohen sind. Viele der irakischen Flüchtlinge gehören der mit Rom unierten chaldäischen Kirche und der Assyrischen Kirche des Ostens an. „Sie hatten gehofft, an Weihnachten zurück in ihren Häusern zu sein, stattdessen saßen sie Ostern immer noch in ihren Flüchtlingsunterkünften“, sagt Youkhana, der die moralischen Schäden durch den IS-Eroberungsfeldzug für irreparabel hält, sollte der Konflikt nicht an den Wurzeln gepackt werden. „Erst wenn klar ist, dass die Loyalität dem Staat gelten muss und nicht den Führern der Mehrheitsreligion, wird wieder ein gemeinsames Leben möglich sein.“

Die Aussicht darauf ist gering. Mamou Othman fordert daher für die Minderheiten im Nordirak Autonomie und Selbstverwaltung. Diese autonomen Gebiete müssten von Bagdad finanziert werden, unterstellt werden sollten sie der Kurdenregierung in Arbil. Und die internationale Gemeinschaft sei moralisch verpflichtet, Garantien für die Sicherheit der verbliebenen Bewohner zu leisten, sagt Othman, der in der ersten irakischen Regierung nach dem Sturz Saddam Husseins im Jahr 2003 Minister für die Zivilgesellschaft war.

Baba Cawis, der geistliche Leiter des zentralen Yezidenheiligtum in Lalisch, in seinem Besucherzimmer
Baba Cawis, der geistliche Leiter des zentralen Yezidenheiligtum in Lalisch, in seinem Besucherzimmer Bild: Katharina Eglau, Winterfeldtstr.

Wie Scheich Cawis und Pater Youkhana konstatiert auch Mamou Othman einen Verlust von Vertrauen in die arabischen und muslimischen Nachbarn. Der habe dazu geführt, dass viele tausend Christen und Yeziden jederzeit neue Massaker befürchteten. Aus dieser Furcht und wegen dieser Hoffnungslosigkeit haben in den vergangenen Jahren Hunderttausende den Irak verlassen; nur wenig mehr als ein Zehntel der einst 1,5 Millionen Christen, die vor der amerikanischen Invasion 2003 im Irak gelebt haben, ist im Land geblieben.

Der versuchte Genozid an den Yeziden im vergangenen Sommer hat einen weiteren Exodus ausgelöst. Dass sich Othman und Cawis für die Etablierung international geschützter Gebiete einsetzen, begründen sie damit, dass die Wurzeln der rund 100 000 Angehörigen der Religionsgemeinschaft der Yeziden im Sindschar-Gebirge liegen. Sollten die Yeziden, die von den Muslimen als angebliche „Teufelsanbeter“ und „Götzendiener“ verfolgt werden, dem Druck der Dschihadisten nachgeben und dem Irak für immer den Rücken kehren, würde dies das Ende der Religionsgemeinschaft bedeuten, sagt Cawis.

Der syrisch-orthodoxe Erzbischof von Mossul, Nikodemus, denkt nicht daran, den Irak zu verlassen. Im August 2014 hatten ihn die Terroristen des „Islamischen Staats“ zur Flucht aus seiner Geburtsstadt Mossul gezwungen, die seitdem die inoffizielle Hauptstadt des IS-Terrorkalifats ist. Zum ersten Mal seit fast zwei Jahrtausenden gibt es in Mossul keine Kirchen mehr; die Dschihadisten haben sie entweder zerstört oder in Moscheen umgewandelt. „Ich habe Mossul aufgegeben“, sagt der Metropolit, der nun in der Christenenklave Ankawa in der Kurdenhauptstadt Arbil ein Dasein im Exil fristet. Die Fanatiker hätten den Christen nicht nur die Gebetsstätten genommen, sondern auch ihre Würde, sagt er. Flucht sei dennoch keine Alternative.

Quelle: F.A.Z.
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