Regierungschef der Niederlande

Hat es die Mocro-Mafia auf Mark Rutte abgesehen?

Von Thomas Gutschker, Brüssel
28.09.2021
, 14:54
Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte in Den Haag am 27. September
In der Umgebung des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte sollen „Spotter“ marokkanisch-stämmiger Banden gesichtet worden sein. Sie könnten eine Entführung oder einen Anschlag vorbereiten.

Als Mark Rutte im Januar zum König fuhr, um den Rücktritt seines gesamten Kabinetts einzureichen, nahm er – das Fahrrad. Der niederländische Ministerpräsident ist oft und gerne radelnd unterwegs, was ihm im Land der Radfahrer viele Sympathien einträgt. Besser kann man Volksverbundenheit und Bodenständigkeit kaum demonstrieren. Vor zwei Jahren verbreitete sich ein Video viral, das zeigt, wie der Regierungschef per Rad zu einem Termin fährt und es wie jeder andere an einem Baum anschließt. Kommentar auf Twitter: Der amerikanische Präsident hat schwer gepanzerte Limousinen und Hubschrauber, Rutte hat ein Rad. Nur in den Niederlanden sei so etwas noch möglich, schwärmte ein anderer.

Damit ist es nun allerdings erstmal vorbei. Rutte, der immer noch geschäftsführend im Amt ist und versucht, eine neue Regierung zu bilden, kommt schon seit einer Woche nicht mehr mit dem Rad ins Büro. Die Zeitung De Telegraaf lieferte am Montag eine Erklärung dafür: Der Ministerpräsident sei selbst ins Visier der Mocro-Mafia geraten.

Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte auf seinem Fahrrad auf dem Weg zu einem Termin in Den Haag im Dezember 2020
Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte auf seinem Fahrrad auf dem Weg zu einem Termin in Den Haag im Dezember 2020 Bild: dpa

So werden die marokkanisch-stämmigen Banden genannt, die vor allem im Rauschgiftmilieu unterwegs sind. In Ruttes Umgebung seien verdächtige „Spotter“ aus der Szene gesichtet worden. Solche Personen kundschaften die Gewohnheiten von Menschen aus. Rutte könne das Ziel eines Mordanschlags oder einer Entführung sein, hieß es weiter. Er werde daher zusätzlich von einer Sonderheit der niederländischen Polizei bewacht, die auch für die Sicherheit der Königsfamilie zuständig ist.

„Sehr besorgniserregende Situation“

Die Zeitung berief sich auf ungenannte Quellen; der öffentlich-rechtliche Sender NOS bestätigte den Bericht aus eigenen Recherchen. Die Regierung selbst teilte nur mit, sie äußere sich grundsätzlich nicht zu Sicherheitslagen und -maßnahmen. Rutte wollte keine Fragen dazu beantworten. Der Vorsitzende des Polizeiverbandes Jan Struijs sprach dagegen von einer „sehr besorgniserregenden“ Situation. Man habe ein Gefahrenbild und sei noch dabei, genau zu ermitteln, woher die Bedrohung komme. „Die organisierte Kriminalität will den Rechtsstaat stören“, sagte Struijs. „Sie wollen zeigen, dass sie der Boss sind, wenn es um Rauschgift geht, nicht die Behörden.“

Das Land wurde zuletzt durch den Mord am bekannten Fernsehjournalisten Peter R. de Vries aufgerüttelt, der Anfang Juli in der Innenstadt von Amsterdam erschossen worden war. Die Ermittlungen laufen noch, Spuren weisen ins Milieu der Mocro-Mafia. Dort war de Vries zum Feind geworden, seit er den Kronzeugen im Prozess gegen den Drogenboss Ridouan Taghi beraten hatte. Auch der Bruder und der erste Anwalt des Kronzeugen wurden ermordet. Taghi wiederum steht wegen mehrerer anderer Auftragsmorde in Amsterdam vor Gericht, einem der größten Strafprozesse überhaupt. Ein weiteres großes Verfahren ist gerade angelaufen, ebenfalls gegen die Mocro-Mafia. Stets geht es um Abrechnungen im kriminellen Milieu.

Waffen, die bei einer Razzia 2015 beschlagnahmt worden sind
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Drogenboss Ridouan Taghi
„Bin schon betrunken, Bruder, und brauche Blut“

Wenn die Banden nun sogar den Ministerpräsidenten ins Visier nehmen, deutet das daraufhin, dass der gestiegene Fahndungsdruck wirkt. Der niederländischen Polizei ist es in den vergangenen Jahren mehrmals gelungen, verschlüsselte Telefondienste zu knacken, mit denen Kriminelle ihre Geschäfte abwickeln. Sie arbeitete dabei eng mit Kollegen in den Nachbarländern und dem europäischen Polizeiamt Europol zusammen. In der Folge kam es immer wieder zu Großrazzien, bei denen Dutzende Menschen festgenommen, Rauschgiftlabore entdeckt und große Mengen Rauschgift, Bargelds und anderer Wertsachen sichergestellt wurden. Am Dienstagmorgen waren 250 Polizeibeamte bei einer Razzia in Breda im Einsatz. Wie die Behörden mitteilten, wurden sechs Personen festgenommen, die zu den Drahtziehern eines Rauschgiftrings gehören sollen.

Niederländische Spitzenpolitiker umgeben sich mit weniger Schutzpersonal als Politiker in anderen Ländern. Im Umfeld von Parlament und Regierungszentrale in Den Haag sind sie öfter ohne sichtbare Beamte unterwegs und lassen sich gerne auf Selfies mit Passanten ablichten. Allerdings ist Rutte nicht der erste Regierungschef, der unter besonderen Schutz gestellt wird. Auch seinem Vorgänger Jan-Peter Balkenende erging es 2010 so. Nachdem niederländische Truppen an einer Offensive gegen Extremisten in Afghanistan beteiligt waren, wurden Vergeltungsaktionen in Europa befürchtet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gutschker, Thomas
Thomas Gutschker
Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.
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