Nusra-Front und Isis

Wiedervereinigung der Terroristen

Von Markus Bickel
30.06.2014
, 17:01
Islamistische Kämpfer in der irakisch-syrischen Grenzregion (Archivbild)
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In einem Ort an der syrisch-irakischen Grenze haben sich die Nusra-Front und Isis ausgesöhnt. Offenbar ist es Isis-Führer Baghdadi gelungen, seinen Führungsanspruch innerhalb des sunnitisch-dschihadistischen Lagers durchzusetzen.
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Der kleine syrische Ort Albu Kamal an der Grenze zum Irak ist Schauplatz einer Wiedervereinigung, wie sie der an Spaltungen reiche, an Zusammenschlüssen aber arme Syrien-Konflikt noch nicht erlebt hat: Sechs Monate nach Beginn eines blutigen Bruderkriegs haben sich die beiden sunnitischen Al-Qaida-Ableger Nusra-Front und Islamischer Staat im Irak und in (Groß-)Syrien (Isis) dort ausgesöhnt.

Bilder des Händedrucks zwischen einem tschetschenischen Isis-Kommandeur und einem ägyptischen Söldner der Nusra-Front machten vergangene Woche auf dem Kurznachrichtendienst Twitter die Runde. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die sich auf ein dichtes Netz an Informanten im Land stützt, teilte mit, die Nusra-Front habe Isis die Treue geschworen.

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Al Qaida als gemeinsamer Ursprung

13 Monate nach der Weigerung des Isis-Oberkommandierenden Abu Bakr al Baghdadi, sich den Befehlen des Al-Qaida-Chefs Ayman al Zawahiri zu unterwerfen, ist es Isis in dem Grenzort gelungen, die Nusra-Front zur Akzeptanz ihres Führungsanspruchs innerhalb des dschihadistischen Lagers zu zwingen. Im Mai 2013 war das noch anders: Der Befehl Zawahiris, Syrien zu verlassen und sich auf den Irak zu konzentrieren, führte zunächst zur Schwächung der heute auf mehr als 15.000 Mann geschätzten Terrorgruppe: Viele gemäßigte Milizen unterstützten danach Nusra-Front. Inzwischen sind fast alle ausländischen Kämpfer mit Kriegserfahrung in Afghanistan, Bosnien und im Kaukasus zu Isis übergelaufen.

Beide Gruppen sind aus dem Terrornetz Al Qaida hervorgegangen, die Nusra-Front ist dessen syrischer Arm. Anders als der von der Erfahrung des Afghanistan-Kriegs geprägte Zawahiri erlebte Baghdadi seine dschihadistische Erweckung im Irak. 1971 in der zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden gemischten Provinz Diyala geboren, schloss er sich nach der amerikanischen Invasion 2003 Al Qaida im Irak an. Die vom Jordanier Abu Mussab al Zarqawi geführte Gruppe machte sich mit Anschlägen gegen die Besatzungstruppen einen Namen; 2006 wurde Zarqawi von einem amerikanischen Spezialkommando getötet.

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Irak und Syrien
Irakische Islamistengruppe ISIS ruft „Kalifat“ aus

Vier Jahre vergingen, ehe Baghdadi in dessen Fußstapfen trat. Im Mai 2010 übernahm er die Führung Al Qaidas im Irak; der Angriff auf die Kathedrale von Bagdad im selben Jahr und Tausende Anschläge in schiitischen Wohnvierteln gehen auf sein Konto. Nach dem amerikanischen Abzug Ende 2011 erweiterte er das Operationsgebiet der Gruppe Richtung Westen, im April 2013 benannte er sie um in Islamischer Staat im Irak und in (Groß-)Syrien. Die Revolution gegen Syriens Diktator Baschar al Assad spielte ihm bei der Ausweitung seines regionalen Geltungsanspruchs in die Hände: Hunderte Extremisten, die das Regime aus den Gefängnissen entließ, sollten später zum Rekrutierungsbecken für die expandierende Isis werden.

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„Reichste Terrorgruppe der Welt“

In Syrien begründete Baghdadi seinen Ruf als neue Leitfigur der Internationale der Gotteskrieger, die nach der Ermordung Usama Bin Ladins 2011 zunächst von Zawahiri dominiert wurde. 10.000 Operationen führte die Gruppe 2013 allein im Irak durch und befreite Hunderte inhaftierte Kämpfer aus Gefängnissen. Nach Plünderung von Devisenbeständen in Höhe von angeblich einer halben Milliarde Dollar vor drei Wochen in Mossul bezeichnete die „International Business Times“ Isis als „reichste Terrorgruppe der Welt“. Zum Vergleich: Die Taliban sollen über 367 Millionen Euro verfügen, die libanesische Hizbullah dank ihrer Schmuggelimperien in Westafrika und Südamerika über 295 Millionen.

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Das ideologische Ziel der durch Schutzgelderpressungen, Entführungen, Raub, Schmuggel und Spenden aus den reichen Golf-Staaten finanziell groß gewordenen Terrororganisation ist so totalitär wie ihre Herrschaft: Von den Mittelmeerküsten Palästinas, des Libanons und Syriens bis an die Ufer von Euphrat und Tigris soll ihr islamistisches Kalifat eines Tages reichen. Um das durchzusetzen, erschießen und foltern die Gotteskrieger ihre Gegner, zwingen Frauen dazu, ihre Wohnungen nicht zu verlassen, und untersagen Restaurantbetreibern unter Androhung von Körperstrafen Rauchen, den Ausschank von Alkohol, das Abspielen von Musik und die Übertragung von Sportereignissen wie der Fußball-Weltmeisterschaft.

Von 160 Hinrichtungen durch Isis allein bei der Eroberung Takrits Mitte Juni berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Der Hass auf die schiitischen Mitbürger ist dabei die treibende Kraft: Bereits Zarqawi lieferte sich deswegen Richtungsstreite mit dem im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet untergetauchten Zawahiri. Weil der Al-Qaida-Chef einen innermuslimischen Krieg vermeiden wollte, lehnte er Selbstmordanschläge in Schiitengebieten ab. Zarqawi weitete sie aus.

Schiiten im Visier

Auch Baghdadis Krieg gegen die Ungläubigen nimmt - anders als die Dschihadisten in Afghanistan - nicht in erster Linie fremde Besatzungsmächte ins Visier, sondern Schiiten. In den drei Ländern, in denen Isis im Sommer 2014 zur sunnitisch-dschihadistischen Übermacht geworden ist, ist der von der Konkurrenz Irans und Saudi-Arabiens getriebene sunnitisch-schiitische Konflikt das bestimmende Moment: Irak, Syrien und Libanon.

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Die gefährlichsten Vertreter der beiden größten muslimischen Konfessionen treffen rund um Damaskus und an der syrisch-libanesischen Grenze bereits seit zwei Jahren aufeinander und heizen den Hegemonialkonflikt weiter an: Die von Iran unterstützte Hizbullah und irakische Schiitenmilizen wie Asaib Ahl al Haq sind die erbittertsten Gegner von Baghdadis Sunnitenmiliz. Seit der Einnahme großer Teile der Unruheprovinz Anbar durch Isis kehren die schiitischen Kämpfer seit Januar zu Tausenden in ihre Heimat zurück. Aus der Schutztruppe für Assad werden wieder Helfershelfer Ministerpräsident Nuri al Malikis. Auch Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah hat sich bereit erklärt, libanesische Milizionäre zum Schutz schiitischer Heiligtümer in dem Zweistromland zur Verfügung zu stellen.

Zur wirklichen Bedrohung für Isis werden dürften die Schiitenmilizen aber vorerst nicht. Die jüngsten finanziellen, materiellen und territorialen Erfolge zeigen, dass ihr Ziel eines selbstverwalteten Sunnitenstaates keine reine Träumerei religiöser Fanatiker ist. Isis kontrolliert nicht nur irakisch-syrische Grenzposten, sondern auch Übergänge zur Türkei und zu Jordanien. Der Kampf um die wichtigste Raffinerie des Iraks in Baidschi hält an, Ölfelder in der syrischen Provinz Raqqa unterliegen bereits seit 2013 ihrer Kontrolle.

Quelle: F.A.Z.
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