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Spanien in der Krise

Patrioten auf Madrids Straßen

Von Livia Gerster
 - 18:35

Die Fahne mit dem großen roten Herz hängt am Sonntag an ihrem Balkon in der Calle de Hortaleza im Norden Madrids und sieht etwas einsam aus zwischen den vielen spanischen Flaggen, die in ganz Madrid in den Fenstern hängen. „Ich finde Liebe besser als Nationalismus“, sagt die junge Produktmanagerin.

Mit dieser Botschaft ist sie am Samstag auf die Madrider Demonstration für einen Dialog mit Katalonien gegangen und hat die Herzfahne unbeirrt lächelnd einem Meer von spanischen Fahnen entgegen geschwenkt – obwohl die Zehntausenden Demonstranten, die am Samstag ebenfalls durch Madrid zogen, um gegen die katalanischen Separatisten zu demonstrieren, klar in der Überzahl waren. „Es lebe Spanien, es lebe der König“, schrien die Zehntausenden. Und Susana López-Urrutia hauchte: „Hablemos“, lasst uns reden.

Als sich ein Teil der Demonstration „für die Einheit Spaniens“ von der Plaza de Colón in Richtung der weißen Dialogkundgebung vor dem Rathaus bewegte, musste die Polizei mit ihren Männern und Wagen eine Mauer zwischen den Demonstrationen bilden. Die Teilnehmer des „patriotischen Marsches“ demonstrierten am Samstag in Madrid gegen eine Abspaltung Kataloniens, während die Demonstranten unter dem Motto „Hablemos“ in der Hauptstadt, in Barcelona und zahlreichen anderen Städten Spaniens für eine Lösung durch Gespräche und die kulturelle und sprachliche Vielfalt Spaniens warben.

Die Rechten bekommen Auftrieb

Wie die anderen Dialogbefürworter kam Susana López-Urrutia ganz in weiß gekleidet, nur die Lippen und das Herz auf der weißen Fahne sind rot. Sie lächelte viel und wippte im Takt zum Rhythmus des Trommelzugs, doch wenn die „Ich bin Spanier“-Chöre der Patrioten die Trommeln übertönten, verdunkelte sich ihre Miene.

„Ich habe wirklich Angst, dass die Rechten in Spanien wieder stark werden“, sagt López-Urrutia. Die vielen spanischen Fahnen, die seit dem katalanischen Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober in Madrid in Fenstern, auf Balkonen und an Autos zu sehen sind, bereiten ihr Unwohlsein.

Sogar die Franco-Hymne „Cara al Sol“ sei bei einer Demonstration am vergangenen Wochenende erklungen, sagt sie. Youtube-Videos zeigten Spanier in die alten spanischen Fahnen der Diktatur gehüllt, den Arm zum faschistischen Gruß erhoben. Auch am Samstag sah man vereinzelt die Fahne mit dem schwarzen Adler der Diktatur General Francos zwischen den üblichen Nationalfahnen aufblitzen.

Die junge Frau aus Madrid ist überzeugt, dass die Katalanen Spanier bleiben wollen würden, wenn man sie ernsthaft entscheiden ließe, „aber so vergraulen wir sie natürlich“. Sie meint damit die Härte der Regierung Rajoy, die gegen das Referendum vorgegangen ist. „Lasst sie doch ein legales Referendum machen“, schlägt López-Urrutia vor. Denn die Mehrheit, ist sie sicher, würde für den Verbleib in Spanien votieren. Zwar stimmten am 1. Oktober laut den katalanischen Behörden rund 90 Prozent für eine Abspaltung Kataloniens, die große Mehrheit der Katalanen aber nahm gar nicht an der Abstimmung teil. Die Wahlbeteiligung lag nur bei 42,3 Prozent.

„Ist das vielleicht ein unterdrücktes Volk?“

„Wir sind stolz auf unsere Polizei“, riefen die Patrioten am Samstag, während die Polizisten, die unter ihren Uniformen schwitzend dafür sorgen mussten, dass es nur bei verbalen Auseinandersetzungen blieb, beiden Demonstrantengruppen gleichermaßen grimmig entgegenblickten.

Die Polizisten hätten in Katalonien ja nur ihren Job gemacht, sagt eine ältere Spanierin unter ihrer großen Gucci-Sonnenbrille. Sie ist mit ihren Kindern und Enkelkindern auf die patriotische Demonstration gekommen und nennt nur ihren Vornamen, Rita. Schließlich sei das Referendum illegal gewesen. Wer sich im Rahmen der Verfassung bewege, mit dem könne auch verhandelt werden, sagt die ehemalige Mitarbeiterin der Fluggesellschaft British Airways. Aber so sei der Regierung nichts Anderes übriggeblieben, als geltendes Recht mit Gewalt durchzusetzen.

Die ganze Helden-Folklore der Separatisten, die sich als unbeugsame Widerstandskämpfer gegen eine faschistische Zentralregierung inszenierten, „nervt mich zu Tode“, sagt sie. „Ich habe in der Diktatur gelebt. Ich weiß, wie es ist, wenn Minderheiten unterdrückt werden. Aber schauen Sie sich doch in Katalonien um: Ist das vielleicht ein unterdrücktes Volk?“, schreit sie gegen den Lärm der Demonstration an.

Viele fühlen sich in ihrem Spanischsein gestärkt

„Stolz auf eine brutale Polizei?“, fragt Susana López-Urrutia mit der Herzfahne hingegen verständnislos, die schockiert war, als die Bilder von prügelnden Polizisten in Barcelona am Tag des Referendums durch die Welt gingen. Bilder, an der die katalanische Führung zwar großes Interesse hatte, wie auch López-Urrutia zugibt. Doch ihrer Meinung nach wären die wohl nicht entstanden, wenn Präsident Mariano Rajoy nicht ebenso auf stur geschaltet hätte wie der katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont.

Am Samstagabend, als sich die Weißgekleideten längst zerstreut haben, sind noch immer viele Spanier mit Nationalfahnen zu sehen, wie auch schon am Abend zuvor. In der großen Madrider Diskothek Kapital wurde am Freitagabend gar plötzlich zwischen den elektronischen Beats die spanische Nationalhymne gespielt.

Antonio Rodriguez läuft auch am Sonntag noch mit einer spanischen Fahne um die Schultern herum. Er hat sie seit der Samstagsdemonstration gegen den „Putsch“ in Katalonien, wie er sagt, einfach nicht mehr abgelegt. Wenigstens habe die Konfrontation mit Katalonien ein Gutes, sagt er: „Dass wir uns wieder auf unser Spanischsein besinnen.“ Die Demonstration an der Plaza de Colon war für ihn ein „wunderschönes Erlebnis“ – wie dort die verschiedensten Menschen friedlich für ein geeintes Spanien geworben hätten, „ich hatte Tränen in den Augen“.

Rodriguez ist Hausmeister in einem Wohnhaus im schicken Viertel des Retiro-Parks. Doch auch wenn er sonst mit den reichen Bewohnern des Hauses wenig teilt, seien sich in der Katalonien-Frage alle einig: „Puigdemont will Spanien kaputt machen, doch das lassen wir uns nicht gefallen.“ Die Arroganz der Katalanen, die von wirtschaftlichem Reichtum gesegnet seien und sich trotzdem ständig als die Unterdrückten gerierten, müsse ein Ende haben.

Franco hat weiterhin Anhänger

Das findet auch eine ältere Dame, die Milch in einem Kiosk kauft und nur ihren Vornamen Angela Inés nennen will. Doch mindestens genauso wütend ist sie auf ihre eigene Regierung: „Rajoy ist viel zu nachsichtig gegenüber diesen Verrückten“, sagt sie. Wenn jetzt nicht mit harter Hand durchgegriffen würde, breche das Chaos aus. „Sie fühlen sich nicht als Spanier, aber halten immer schön die Hand auf, wenn es Geld aus Madrid gibt“, empört sie sich.

Was das Völkerrecht sagt
Darf Katalonien unabhängig sein?
© Reuters, F.A.Z.

Auch dass die Regierung von den katalanischen Separatisten ständig als faschistisch beschimpft werde, ärgert sie – allerdings nicht, weil sie den Vorwurf ungerecht findet, sondern vielmehr, weil sie darin gar keinen Vorwurf sieht: „Franco hat Spanien viel Gutes gebracht“, sagt die 1942 geborene Spanierin aus Madrid.

„Es gab für alle Arbeit und Rente“, sagt sie, und vor allem habe es eine echte Einheit gegeben, und auch die Katalanen und die Basken hätten kastilisches Spanisch gesprochen. Dass gerade diese Unterdrückung der katalanischen Kultur und Sprache während der spanischen Diktatur den Wunsch nach Unabhängigkeit befeuert habe, leuchtet ihr nicht ein.

Hoffnung auf hartes Durchgreifen

Ihrer Meinung nach bleibe nun nur der Artikel 155, mit dem die Region Katalonien unter Zwangsverwaltung Madrids gestellt werden könnte, denn Reden, das habe man ja gesehen, bringe nichts. „Mit Terroristen kann man nicht reden“, sagt Angela Inés, und greift damit einen der Sprechchöre der Samstagsdemonstration auf. Sie selbst war zwar nicht dort, denn das müsse man sich in ihrem Alter nicht mehr zumuten, erklärt sie. „Aber die Fernsehbilder von den vielen Menschen haben mich gefreut.“

Vor den Fernseher will sie sich nun gleich wieder setzen, um zu sehen, wie viele Menschen in Barcelona dem Demonstrationsaufruf zur Einheit Spaniens folgen werden, doch viel Hoffnung auf eine Einigung hat sie nicht: „Die Katalanen sind einfach keine richtigen Spanier“, sagt sie und seufzt. „Schade. Ich trinke so gern katalanischen Cava.“ Den Schaumwein könnten die Katalanen einfach am besten herstellen.

Andererseits: Einer ihrer größten Hersteller, das Unternehmen Freixenet, erwägt bereits, seinen Firmensitz in eine Region außerhalb von Katalonien zu verlegen – aus Angst vor den wirtschaftlichen Folgen der politischen Spannungen, sollte Katalonien sich tatsächlich für unabhängig erklären. Die Katalanen „werden schon sehen, was sie von ihrer Unabhängigkeit haben“, sagt Angela Ines, während sie den Hausschlüssel aus ihrer Tasche fischt. „Sie werden schwach sein ohne uns.“

Quelle: F.A.Z.
Livia Gerster
Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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