Beschränkungen bis nach Ostern

Lockdown für ganz Polen

Von Gerhard Gnauck, Warschau
18.03.2021
, 13:13
Polen hat fast einen Höchststand an Corona-Infektionen erreicht. Ab Samstag werden deshalb drastische Einschränkungen verhängt. Wenn das nicht ausreicht, ist die Regierung auch zu schärferen Maßnahmen bereit.

Nach einem starken Anstieg der Corona-Neuinfektionen und der damit verbundenen Todesfälle hat die Regierung in Warschau für Samstag einen Lockdown für ganz Polen angekündigt. „Die Ausweitung der Beschränkungen auf das ganze Land ist der einzige Ausweg“, sagte Gesundheitsminister Adam Niedzielski am Mittwoch. Noch strengere Bestimmungen wollte er auf Nachfrage nicht ausschließen. Wenn der neue Schritt die Epidemie nicht eindämme oder bremse, „dann machen wir wirklich alles dicht“. Die Lage sei „eine Gefährdung für das Gesundheitswesen.“

Von Samstag an sollen für zunächst drei Wochen, also über Ostern hinaus, die Regeln gelten, die zuletzt bereits über ein Viertel des Landes verhängt waren. Die meisten Läden in Einkaufszentren, daneben Kinos, Theater, Museen, Schwimmbäder und Sportstätten werden geschlossen. Hotels dürfen nur Dienstreisende aufnehmen. Der Schulunterricht, den zuletzt nur die Klassen eins bis drei im Schulgebäude besuchen konnten, wird jetzt für alle Schüler auf Fernunterricht umgestellt. Gottesdienste dürfen abgehalten werden, wobei auf jede Person 15 Quadratmeter Platz entfallen müssen. Überall in der Öffentlichkeit gilt die Maskenpflicht, wobei nur medizinische Masken zugelassen sind, Stoffmasken oder Visiere genügen nicht.

Bei Impfungen im Durchschnitt

Am Donnerstag wurden für den Vortag 27.278 Neuinfektionen gemeldet; damit erreicht Polen fast seinen bisherigen Höchststand in der Pandemie. Zugleich gab es 356 mit dem Virus verbundene Todesfälle. Bei beiden Werten erreicht das Land, pro Kopf der Bevölkerung gerechnet, in den vergangenen zwei Tagen etwa drei- bis viermal höhere Zahlen als Deutschland. Dabei ist fast jeder dritte Corona-Test positiv. Kritiker der restriktiven polnischen Testpraxis bemängeln, dass die Tests fast nur zur Bestätigung einer vermuteten Infektion gemacht werden, aber kaum im Sinne von Querschnittsuntersuchungen der Bevölkerung. Die britische Mutation des Virus ist laut Niedzielski inzwischen in Polen für 52 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich.

Derzeit sind etwa drei Viertel der verfügbaren COVID-Betten und der Beatmungsgeräte belegt. Der Wettlauf gegen das Virus geht weiter: Niedzielski sagte, am Dienstag sei die Zahl der COVID-Patienten in Krankenhäusern um gut 300, die Gesamtzahl der COVID-Betten jedoch um gut 600 gestiegen. Nächste Woche werde man Entscheidungen über 8.000 weitere neue Betten fällen. Das Warschauer Nationalstadion, derzeit COVID-Spital, ist bereits voll belegt.

Bei den Impfungen liegt Polen laut der EU-Agentur ECDC etwa im europäischen Durchschnitt, der bei 9,8 Prozent Erstgeimpften in der Bevölkerung und 4,2 Prozent mit vollem Impfschutz liegt. Polen impfte bis Donnerstag weiterhin auch mit dem derzeit umstrittenen Impfstoff der Firma Astra-Zeneca. Dabei hat es laut Warschau keinen Todesfall und bei 0,36 Prozent dieser Geimpften – zumeist leichte – Nebenwirkungen gegeben. Michał Dworczyk, Chef des Amts von Ministerpräsident Mateusz Morawiecki und zugleich Impf-Beauftragter der Regierung, sagte, dass manche Länder den Einsatz dieses Stoffes ausgesetzt hätten, liege „an Hysterie“. Man könne den Eindruck gewinnen, es gebe dabei auch „eine organisierte Aktion, die den Impfstoff von Astra-Zeneca diskreditieren soll“. Auf dem Pharma-Markt „ist ein brutaler Kampf der Konzerne untereinander möglich“.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Gnauck, Gerhard
Gerhard Gnauck
Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
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