Nach Vergewaltigung in Indien

Ein willkommener Fall von Notwehr

Von Till Fähnders, Singapur
Aktualisiert am 06.12.2019
 - 19:38
Menschen versammeln sich am Freitag im Bundesstaat Telangana an dem Ort, an dem die Polizei die vier Männer erschossen hat.
Bei einem „Gefecht“ erschießt die Polizei in Indien vier mutmaßliche Vergewaltiger. Zuvor war der Ruf nach Lynchjustiz laut geworden.

Unter denjenigen, die nach Lynchjustiz und Zwangskastration gerufen hatten, nachdem eine Tierärztin in Indien brutal vergewaltigt und umgebracht worden war, machten sich am Freitag Genugtuung und Freude breit. Denn da wurde bekannt, dass die vier mutmaßlichen Täter am frühen Morgen bei einem Anschauungstermin am Tatort getötet worden waren – von der Polizei. Indischen Medienberichten zufolge hatten sie versucht, die Polizisten zu attackieren. Angeblich waren sie in den Besitz von zwei Pistolen gelangt. In dem darauffolgenden „Gefecht“ seien sie von den Beamten „in Notwehr“ erschossen worden.

In den sozialen Netzwerken wurden die Polizisten am Freitag von vielen als Helden gefeiert. Polizisten, die den Tatort bewachten, wurden mit Blütenblättern bestreut und von einer Menschenmenge bejubelt. Der Vater des Vergewaltigungsopfers sagte laut der Agentur ANI: „Ich spreche der Polizei und der Regierung meine Dankbarkeit dafür aus. Die Seele meiner Tochter kann jetzt in Frieden ruhen.“ Die vier Männer, zwei Lastwagenfahrer und zwei Reinigungskräfte, die zwischen 20 und 30 Jahre alt gewesen sein sollen, waren der Darstellung nach in den frühen Morgenstunden gegen 3.30 Uhr an den mutmaßlichen Tatort gebracht worden. Dort sollen sie die 27 Jahre alte Frau vor einer Woche vergewaltigt haben. Die Leiche der Frau war später verbrannt gefunden worden. Nicht nur in Indien sind solche Tatortbesichtigungen üblich, bei denen die Beschuldigten vor Ort Angaben über den Tathergang machen sollen. Mit dem extrem frühen Termin wollte die Polizei offenbar Proteste und Übergriffe aufgebrachter Bürger verhindern.

Der Vergewaltigungsfall hatte landesweit Aufregung hervorgerufen. Das lag an der Brutalität der Tat. Es lag aber auch daran, dass in Indien nach Meinung vieler noch immer nicht genug für die Sicherheit von Frauen getan wird. Die Demonstrationen seit der vergangenen Woche gehörten zu den größten dieser Art seit der brutalen Gruppenvergewaltigung und Ermordung einer Studentin in einem Bus in Delhi im Jahr 2012. Seitdem hat sich den Demonstranten zufolge nicht viel geändert. Die vielfachen Rufe nach Lynchjustiz haben aber auch Kritik von liberalen Politikern und Aktivisten hervorgerufen. Sie stellten sich auch grundsätzlich gegen die Verhängung der Todesstrafe auf Vergewaltigungs- und Tötungsverbrechen, die nach dem damaligen Fall eingeführt worden war.

Nach der Erschießung der mutmaßlichen Täter am Freitag äußerten diese Kritiker Zweifel an der Version der Polizei. Sie fürchten, dass die Polizisten das Gesetz selbst in die Hand genommen oder den Zwischenfall zumindest provoziert haben könnten. Die Journalistin Smita Sharma nannte den Vorfall einen „totalen Zusammenbruch unserer Strafjustiz“. Der Anwalt und Menschenrechtler Utsav Bains schrieb auf Twitter: „Polizeigefechte sind nicht die Lösung, das wäre nur eine Reform des Strafrechtssystems. Nun werden wir niemals herausfinden, wer wirklich das Opfer in Hyderabad vergewaltigt und getötet hat.“ Aus manchen sprach ein tiefer Frust über das mangelnde Rechtsstaatsbewusstsein in Indien: „Wir werden heute ein blutdürstiges Indien erleben, das in Freude ausbricht, in den sozialen Medien feiert und unserer schäbigen Strafverfolgung den Daumen nach oben zeigt“, schrieb der Journalist Jency Jacob.

Das Misstrauen gegenüber der Polizei hat einen realen Hintergrund. In Indien werden immer wieder Fälle außergerichtlicher Tötungen durch die Polizei bekannt oder, wie sie dort genannt werden: „falscher Gefechte“ (fake encounters). So hatten die Vereinten Nationen im Januar ihre Besorgnis über eine Reihe derartiger Tötungen in dem Bundesstaat Uttar Pradesh geäußert. Die Zeitung „Indian Express“ berichtete über einen Fall, der sich – wie der jetzige – in dem Bundesstaat Telangana ereignet hatte und diesem in einigen Punkten ähnelt. Dabei waren drei Jugendliche von der Polizei erschossen worden. Sie waren zuvor beschuldigt worden, zwei Mädchen mit Säure überschüttet und getötet zu haben. Die Tat liegt zwar schon elf Jahre zurück. Beteiligt war auf Seiten der Polizei damals aber schon der mittlerweile zum Polizeikommissar aufgestiegene V C Sajjanar, der diesmal die Ermittlungen geleitet hatte. Er verteidigte am Freitag das Vorgehen seiner Mitarbeiter: „Soll die Polizei einfach zuschauen, wenn sie von den Beschuldigten attackiert wird?“, fragte er.

Derartige Verbrechen an Frauen sind häufig

Sowohl viele Gegner als auch Befürworter von Selbstjustiz scheinen sich jedenfalls einig zu sein, dass es sich bei der Erschießung der mutmaßlichen Vergewaltiger nicht um einen Unfall gehandelt haben dürfte. Der Unterschied liegt allein in der moralischen Bewertung des polizeilichen Verhaltens. Es gab allerdings auch Politiker, die dazu aufriefen, sich mit einem Urteil zurückzuhalten, bevor alle Fakten bekanntgeworden seien.

Was den genauen Hergang der Vergewaltigung anbelangt, wird es nach dem Tod der Beschuldigten wohl nie völlige Klarheit geben. Soweit bekannt ist, hatte die Tierärztin am Mittwoch vergangener Woche ihren Motorroller am Morgen in der Nähe einer Mautstation abgestellt. Schon zu diesem Zeitpunkt sollen die mutmaßlichen Täter die Frau gesehen und den Plan gefasst haben, sie zu vergewaltigen. Bevor die Frau am Abend zu ihrem Motorroller zurückkehrte, hatten die Männer die Luft aus einem ihrer Reifen gelassen. Sie boten an, ihr bei der Reparatur behilflich zu sein. Doch stattdessen zerrten sie die Frau etwa 50 Meter entfernt hinter eine Reihe von Lastwagen. Ihre Unterwäsche wurde rund 100 Meter entfernt gefunden. Deshalb ging die Polizei von einer Vergewaltigung aus. Die teilweise verbrannte Leiche der Frau wurde am Donnerstagmorgen rund 25 Kilometer entfernt unter einer Straßenüberführung entdeckt.

Kurze Zeit später hatte dann auch noch ein weiterer Extremfall daran erinnert, wie häufig derartige grausame Verbrechen an Frauen in Indien sind. Am Donnerstag war eine 23 Jahre alte Frau im Bezirk Unnao von zweien ihrer mutmaßlichen Vergewaltiger und drei weiteren Tätern auf dem Weg zum Gericht angezündet und lebensgefährlich verletzt worden. Die Frau wollte bei einer Anhörung gegen ihre mutmaßlichen Peiniger aussagen. Die beiden Männer waren eine Woche zuvor gegen Kaution freigelassen worden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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