Protassewitsch in Belarus

In Lukaschenkos Händen

Von Friedrich Schmidt, Moskau
25.05.2021
, 18:31
Roman Protassewitsch während einer Festnahme im Jahr 2017 in Minsk
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Das belarussische Regime führt den festgenommenen Journalisten Roman Protassewitsch in einem Video vor – und entlarvt sich selbst.
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Das belarussische Regime hat Roman Protassewitsch vorgeführt, in einem 29-Sekunden-Video aus der Haft. Darin sagt der Journalist, zu dessen Festnahme am vergangenen Sonntag der Ryanair-Flug FR4978 mithilfe eines Abfangjägers kurz vor dem Zielflughafen Vilnius nach Minsk umgeleitet wurde, er sei im Untersuchungsgefängnis Nummer 1 der belarussischen Hauptstadt. Protassewitschs Eltern, die selbst aus Sicherheitsgründen im Nachbarland Polen leben müssen, hatten, kurz bevor das Video verbreitet wurde, die Information erhalten, ihr Sohn liege mit Herzproblemen in einem Minsker Krankenhaus.

Offenbar deshalb gaben diejenigen, die den 26 Jahre alten Gegner von Diktator Alexandr Lukaschenko jetzt in der Gewalt haben, ihm die Aussage auf, er habe keinerlei Gesundheitsprobleme, nicht mit dem Herzen und nicht mit anderen Organen; man gehe „maximal korrekt und nach dem Gesetz“ mit ihm um, er arbeite mit den Ermittlern zusammen und gestehe, „Massenunruhen“ organisiert zu haben. Das ist einer der Vorwürfe, die Lukaschenkos Justiz gegen Protassewitsch erhebt.

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Unabhängiger Journalismus, kritische Jugend

Aber Gesicht, Mimik und Gesten des Gefangenen straften die Regisseure des Auftritts Lügen: die Schrammen, das ständige Zwinkern, das Auf und Ab der gefalteten Hände. Protassewitschs Vater vermutete, nachdem er das Video gesehen hatte, die Nase seines Sohnes sei gebrochen: Sie sei gepudert, ihre Form verändert. Der Sohn betone untypisch, wirke verängstigt, sei wohl geschlagen worden. Der junge Mann, dem nach eigener Aussage in Belarus die Todesstrafe droht, muss nicht nur um sich selbst bangen: Das Regime hat sich am Sonntag auch seiner Freundin bemächtigt, sich nicht einmal bemüht, der 23 Jahre alten Russin Sofia Sapega Vorwürfe zu machen.

Roman Protassewitsch im März 2012 in Minsk
Roman Protassewitsch im März 2012 in Minsk Bild: dpa

Wenn es opportun ist, verurteilt Russland Festnahmen seiner Bürger rasch und schrill. Aber im Fall Sapega teilten russische Stellen erst am Montagnachmittag und nach Vorwürfen, untätig zu bleiben, mit, von Belarus über die Festnahme informiert worden zu sein. Moskau tut das Geschehen als „innere Angelegenheit“ des Juniorpartners ab, nimmt Lukaschenko gegen Vorwürfe in Schutz. Überdies gelten Leute wie Sapega, die in Vilnius Völkerrecht und EU-Recht studiert, in Moskau als Gegner.

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Die Russin und ihr belarussischer Freund stehen für das, was Lukaschenko ebenso wie sein Schutzherr, der russische Präsident Wladimir Putin, bekämpfen: unabhängigen Journalismus, kritische Jugend, Aufbruch aus autoritären Strukturen, Wandel. Das erklärt, warum Putins Sprecher am Dienstag nur die bedingte Hoffnung äußerte, Sapega möge bald freigelassen werden, „natürlich nur, wenn es an sie keine Fragen im Hinblick auf die Beachtung des Gesetzes gibt“, als unter anderen der deutsche Außenminister und der Europäische Rat schon Sapegas unverzügliche Freilassung gefordert hatten. Das Untersuchungsgefängnis im Herzen von Minsk, in dem Protassewitsch nun festgehalten wird, ist in einem klassizistischen Bau aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts untergebracht. Er ist eines der wenigen Gebäude in Minsk, die den Zweiten Weltkrieg und spätere Zerstörungen überdauert haben. Die selbst für Lukaschenkos Verhältnisse beispiellose Repressionswelle seit dem vergangenen Jahr hat viele prominente Gefangene in die Haftanstalt gebracht.

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Wie Marija Kolesnikowa. Die 39 Jahre alte Musikerin, die lange in Stuttgart lebte, wurde im vergangenen Sommer nach der Festnahme des vom Regime verhinderten und inhaftierten Kandidaten Viktor Babariko, in dessen Wahlkampfteam sie arbeitete, Mitglied des Frauentrios um Swetlana Tichanowskaja, Lukaschenkos Gegnerin der Präsidentenwahlen vom vergangenen August. Als Einzige der drei ist Kolesnikowa noch in Belarus, und das nur, weil sie sich im vergangenen September der Verbringung ins Nachbarland Ukraine widersetzte und an der Grenze ihren Pass zerriss.

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Für viele Belarussen ist Kolesnikowa eine Heldin. Aber inhaftierte Helden brauchen jemanden, der in Freiheit für sie spricht. Kolesnikowa hat dafür vor allem ihre jüngere Schwester, Tatjana Chomitsch. Die 34 Jahre alte Wirtschaftsanalytikerin, die auch für Viktor Babariko arbeitete, ging kurz vor der Präsidentenwahl ins Exil, erst nach Kiew, dann nach Warschau. Damit, wie Chomitsch der F.A.Z. berichtet, Babarikos Team auf jeden Fall weitermachen könne und um „Marijas Stimme zu sein, um zu erzählen, was mit ihr und den anderen politischen Gefangenen passiert. Allein aus unserem Team sind mehr als zehn Personen in Haft.“ Darüber müsse man reden: Mehr als 400 politische Gefangene in Belarus seien keine innere Angelegenheit, sondern „ein Problem der ganzen demokratischen Welt“.

Demonstranten solidarisieren sich in Riga mit dem festgenommenen Journalisten Roman Protassewitsch
Demonstranten solidarisieren sich in Riga mit dem festgenommenen Journalisten Roman Protassewitsch Bild: EPA

Chomitsch erhält die Informationen über ihre Schwester nur über deren Anwälte. Dem Vater, der weiter in Minsk lebt, sei bisher kein einziges Treffen gewährt worden. Bald soll der Prozess gegen Kolesnikowa beginnen, ihr wird unter anderem „Verschwörung zur Machtergreifung“ vorgeworfen. Die Aufseher gingen mit ihrer Schwester höflich um, sagt Chomitsch. „Man findet andere Wege, um Druck auf sie auszuüben.“ So drohen Kolesnikowas Strafverteidigern Repressalien: Die Anwältin Ljudmila Kasak wurde im September auf der Straße in einen der gefürchteten Kleinbusse des Regimes gezerrt, stundenlang festgehalten, wegen einer Ordnungswidrigkeit verurteilt; im Februar wurde ihr die Anwaltszulassung aberkannt.

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Kolesnikowas Briefe aus der Haft, das einzige Kommunikationsmittel, kommen spät an oder gar nicht an. „Sie schreibt Papa jeden Tag einen Brief, das wären 30, er erhält im Monat aber nur zehn.“ Vieles von dem, was aus der Haft nach außen dringt, auch an Fremde, die es weiterleiten, veröffentlicht Chomitsch auf der Facebook-Seite ihrer Schwester.

Die Botschaften klingen stets ungebrochen, zuversichtlich, fröhlich und sind voller Herzen; dieses Symbol machte Kolesnikowa im vergangenen Sommer zu ihrem, formte es ständig mit den Händen. Glücklicherweise, sagt Chomitsch, sei ihre Schwester wirklich guter Dinge, halte sich im kleinen Gefängnisinnenhof mit Sport fit. „Sie war immer stark und zielstrebig, glaubt an das, was sie tut, und dass die Wahrheit auf ihrer Seite ist“, sagt Chomitsch. „Das ist kein Sprint, sondern ein Marathon“, habe ihre Schwester schon im Sommer über die Proteste gesagt. Die Mentalität der Belarussen habe sich schon verändert, sagt Chomitsch. „Die Frage ist, wie viel Zeit es noch braucht, bis die Staatsmacht versteht, dass es so nicht weitergeht.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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