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Rückzug aus Syrien

Die Bedrohung des IS ist lebendig

Von Christoph Ehrhardt, Michaela Wiegel, Jochen Buchsteiner, Peter Carstens, Beirut/Paris/London/Berlin
 - 22:12
Amerikanische Truppen in den Außenbezirken von Manbij, Syrien

Der amerikanische Abzug aus Syrien hat begonnen – rund drei Wochen nachdem Präsident Donald Trump diese Entscheidung verkündet hat, die bei vielen Verbündeten Irritation und Kritik hervorrief. Nach Informationen dieser Zeitung wurde am Freitag ein Flughafen in der Stadt Rmeilan in der ostsyrischen Provinz Hassakeh für Transporte benutzt. Es gab zunächst jedoch keine Berichte darüber, dass auch schon Truppen das Land verließen. Der Sprecher der von Washington geführten internationalen Koalition gegen den „Islamischen Staat“ (IS) sagte am Freitag in Bagdad lediglich, der „Prozess“ des Rückzugs aus Syrien habe begonnen. Aus Sicherheitsgründen würden aber keine Angaben zu „konkreten Zeitplänen, Orten oder Truppenbewegungen“ gemacht. Die amerikanische Zeitung „New York Times“ schrieb unter Berufung auf zwei ungenannte Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, zunächst werde nur Gerät abgezogen.

Die amerikanischen Streitkräfte haben die Möglichkeit, Gerät und Soldaten mit Flugzeugen und Hubschraubern außer Landes zu bringen. 2016 war gemeldet worden, dass das amerikanische Militär von dem Flughafen Rmeilan aus operiert, der zuvor vom syrischen Regime für landwirtschaftliche Transporte genutzt worden war. Ein weiteres Flugfeld, welches das amerikanische Militär nutzt, liegt nach übereinstimmenden Berichten südöstlich von Kobane.

Unsicherheit betrifft auch westliche Verbündete

Unklar ist weiterhin, wie lange der Abzug der etwa 2000 amerikanischen Soldaten in Syrien dauern soll. Präsident Trump hatte seine ursprüngliche Aussage, der Abzug werde „schnell“ vonstattengehen, später eingeschränkt und von einem „angemessenen Tempo“ gesprochen. Sein Sicherheitsberater John Bolton hatte sogar erklärt, erst müssten bestimmte Bedingungen erfüllt sein, etwa eine Garantie der Türkei für die Sicherheit der mit den Amerikanern verbündeten Kurdenmiliz YPG. Eine Sprecherin des russischen Außenministeriums in Moskau sagte nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur Interfax am Freitag, Russland habe Zweifel daran, dass die Vereinigten Staaten tatsächlich bald aus Syrien abziehen würden.

Die Unsicherheit über den amerikanischen Rückzug gilt jedoch selbst für Verbündete Washingtons. Denn neben den Vereinigten Staaten sind auch andere westliche Staaten mit Kampftruppen in Syrien vertreten – und Trumps Entscheidung hat für sie erhebliche Folgen.

In Frankreich bemüht sich die Regierung, die Folgen des amerikanischen Abzugs nicht zu dramatisieren. Im Gespräch mit dem Fernsehsender CNews sagte Außenminister Jean-Yves Le Drian, dass die französische Armee ohnehin „nur in sehr bescheidenem Umfang“ und „in Begleitung Amerikas“ in Syrien präsent sei. Er erwähnte keine Zahlen. 1200 Franzosen sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums für die Luftoperationen der Anti-IS-Koalition im Einsatz, die 2014 zum Antiterrorkampf in Syrien und im Irak begründet wurde. Aus Sicherheitskreisen heißt es übereinstimmend, dass darüber hinaus etwa 200 französische Spezialkräfte an neun unterschiedlichen Standorten in Syrien präsent seien.

Der nach Trumps Entscheidung zurückgetretene amerikanische Verteidigungsminister James Mattis hatte im April von einer französischen Truppenverstärkung in Nordsyrien gesprochen. Von 50 französischen Kommandos, also kleinen Gruppen von Soldaten, war die Rede. Dabei geht es um den Schutz französischer Interessen wie der Zementfabrik der Firma Lafarge nahe Harab Isk, der Ölfelder von Kabiba oder der Stabilisierung in der Stadt Rakka, in der die Auftraggeber der Terroranschläge von Paris vom November 2015 ihren Rückzugsort gefunden hatten.

Frankreich verhandelt, Großbritannien schweigt

Ein Großteil der französischen Spezialkräfte operiert von Gebieten aus, die von kurdischen Kräften kontrolliert werden. Präsident Emmanuel Macron hat hervorgehoben, dass Frankreich „nicht vergessen darf, was wir den kurdischen Kämpfern schulden“. Es scheint aber ausgeschlossen, dass Frankreich nach einem Abzug der amerikanischen Truppen die kurdischen Kämpfer im gleichen Umfang unterstützen kann. Außenminister Le Drian sprach sich für einen militärischen Abzug Frankreichs aus, „sobald eine politische Lösung gefunden ist“. Das wäre auch im Sinne der Türkei – denn Ankara stört sich an der engen Zusammenarbeit zwischen den französischen Militärs und den kurdischen Milizionären.

Über das weitere Vorgehen verhandelte Macron in der Nacht zum Dienstag mit Trump in einem Telefonat. Sie hätten sich auf einen „koordinierten und überlegten Abzug“ verständigt, teilte der Elysée-Palast mit. Frankreich befürchtet, dass die in kurdischer Haft einsitzenden französischen IS-Terroristen noch vor einer Verurteilung freikommen könnten, sollten die Kurden in ihren syrischen Hoheitsgebieten nach dem amerikanischen Abzug die Kontrolle verlieren.

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Amerikanischer Senator
Graham fordert „smarten“ Truppenabzug aus Syrien

In Großbritannien hingegen wird über das Engagement in Syrien geschwiegen. Eine seltene Ausnahme war Anfang der Woche zu beobachten, als Premierministerin Theresa May und Oppositionschef Jeremy Corbyn vor dem Beginn der Brexit-Debatte im Unterhaus zwei Soldaten der Spezialeinsatzkräfte rasche Genesung wünschten. Zuvor hatte eine kurdische Nachrichtenagentur von einem Raketenangriff des IS auf den Stützpunkt in Deir al Zor im Osten Syriens berichtet. Dabei sollen ein kurdischer Kämpfer getötet und ein weiterer sowie zwei britische Soldaten verletzt worden sein.

Britische und amerikanische Soldaten hatten eng zusammengearbeitet

Wie viele britische Armeeangehörige in Syrien aktiv sind, ist unbekannt. In einer Mitteilung des Verteidigungsministerium hieß es: „Wir geben keine Kommentare über Special Forces ab.“ Fachleute vermuten, dass mehrere Dutzend Kommandotruppen im Land stationiert sind, seit das Unterhaus vor drei Jahren das Mandat bewilligt hat. Dass britische und amerikanische Soldaten eng zusammenarbeiten, wurde im März 2018 deutlich, als ein britischer Unteroffizier durch einen Sprengsatz getötet wurde, der im Rahmen einer Operation in Manbidsch in eine amerikanische Einheit eingegliedert war.

Zugeknöpft hatte sich London auch nach Trumps Abzug-Entscheidung gegeben. In einer Mitteilung des britischen Außenministeriums hatte es im Dezember nur geheißen: „Vieles bleibt noch zu tun, und wir dürfen die Bedrohung, die sie (die Kämpfer vom IS) darstellen, nicht aus dem Auge verlieren.“ Deutlicher wurde das Befremden Londons in einem Tweet, den ein ranghoher Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, Tobias Ellwood, veröffentlichte. Er widersprach der Mitteilung Trumps, dass der IS „geschlagen“ sei, mit den Worten: „Ich bin vollkommen anderer Meinung.“ Der IS engagiere sich jetzt nur „in anderen Formen des Terrorismus“, schrieb Ellwood. Die Bedrohung sei „sehr lebendig“.

Nicht nur im Nordosten Syriens sind westliche Spezialkräfte aktiv, sondern auch in der Region um Al Tanf im Süden Syriens an der Grenze zum Irak, wo Rebellenbrigaden unterstützt werden. Dort sind neben amerikanischen auch britische und norwegische Soldaten gesichtet worden, wie es aus westlichen Sicherheitsbehörden heißt. Die norwegische Regierung hatte im Mai 2016 angekündigt, 60 Soldaten, unter ihnen Spezialkräfte, nach Jordanien zu schicken, die von dort den Kampf gegen den IS in Syrien mit Beratung und Ausbildung unterstützen sollten. Zuvor hatte Oslo 120 Soldaten für eine Anti-IS-Ausbildungsmission in den Irak geschickt.

Am Antiterrorkampf in Syrien ist auch Deutschland mit der Bundeswehr beteiligt. Allerdings nicht in Bodenoperationen. Stattdessen unterstützt die Luftwaffe mit Aufklärungsflügen und Tankflugzeugen vom jordanischen Stützpunkt Al Azraq aus die Einsätze gegen Stellungen des IS. Das Mandat dafür läuft Ende Oktober 2019 aus.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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Michaela Wiegel
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