Irland

Regierung entschuldigt sich bei Opfern von Kinderheimen

Von Jochen Buchsteiner
Aktualisiert am 13.01.2021
 - 18:00
Auf dem Friedhof von Tuam, Irland, entdeckte eine Heimathistorikerin vor sechs Jahren ein Massengrab von fast 800 Säuglingen. Ihr Fund löste eine Untersuchung aus
Eine Kommission hat den Bericht über die Zustände in Frauen- und Kinderheimen in Irland vorgelegt. Die Bilanz ist erschreckend.

Der irische Ministerpräsident Micheál Martin hat sich im Parlament für das Leid entschuldigt, das den Bewohnern von Mütter- und Kinderheimen des Landes widerfahren ist. „Im Namen der Regierung, des Staates und seiner Bürger entschuldige ich mich für das Fehlverhalten einer Generation“, sagte er im irischen Parlament. Er sprach die Opfer direkt an und sagte: „Jeder von Ihnen ist schuldfrei, es gibt nichts, wofür Sie sich schämen müssen – jeder von Ihnen hätte so viel Besseres verdient.“ Ihre Würde und ihre Rechte seien mit einem Mangel an Respekt behandelt worden.

Am Tag zuvor war der Abschlussbericht einer Untersuchungskommission veröffentlicht worden, der ein Licht auf die Zustände in 18 Frauen- und Kinderheimen des Landes geworfen hat. Dort starben zwischen 1922 und 1998 mehr als 9000 Kinder. Das entspricht einem Anteil von 15 Prozent der in den Anstalten Geborenen. Diese „sehr hohe Sterblichkeitsrate“ sei den Behörden bekannt gewesen“, hält der Bericht fest.

Die staatlichen, überwiegend von Nonnen betriebenen Heime nahmen Frauen auf, die außerhalb von Ehen schwanger geworden waren. Die Kommission hebt hervor, dass die Frauen nicht in die Heime gezwungen wurden, aber in den meisten Fällen keine Alternative gehabt hätten. In den Anstalten seien die Frauen und Mädchen – die jüngsten Mütter waren zwölf Jahre alt – mit „wenig Wärme“ behandelt worden. Das habe sich vor allem während der Entbindungen gezeigt.

Kommission nach Entdeckung von Massengrab eingesetzt

Viele Neugeborene wurden schlecht versorgt und im Krankheitsfall unzureichend behandelt. In den Jahrzehnten vor 1960 hätten die Heime das Leben der Säuglinge und Kleinkinder nicht nur „nicht gerettet“, sondern „ihre Überlebenschancen maßgeblich reduziert“. Der Skandal empörte eine weltweite Öffentlichkeit, als vor sechs Jahren eine Heimathistorikerin ein Massengrab für fast 800 Kinder auf dem Gelände eines früheren Heimes in Tuam entdeckte. Danach wurde die Kommission eingesetzt. Diese hatte in einem Zwischenbericht mitgeteilt, dass die Verstorbenen in Tuam in einer stillgelegten Abwassergrube begraben wurden.

Obwohl viele Kinder an Waisenheime oder an Adoptiveltern gegeben wurden, sieht der Bericht „sehr wenig Beweise dafür, dass Kinder ihren Müttern gewaltsam weggenommen wurden“. Die Kommission erkenne an, „dass die Frauen keine große Wahl hatten, aber das ist etwas anderes als Zwangsadoption“. Betroffene kritisierten diesen Teil des Berichts als „lächerlich“. Andere beklagten, dass die Exhumierungen erst im kommenden Jahr beginnen sollen. Die Kommission hat „respektvolle Wiederbestattungen“ empfohlen. Zu den Vorschlägen zählen auch Kompensationen und die Schaffung einer Erinnerungskultur.

Der oberste Katholik Irlands, Erzbischof Eamon Martin, entschuldigte sich ebenfalls und beschrieb die Kirche „als Teil einer Kultur, in der Menschen oft stigmatisiert, verurteilt und abgewiesen wurden“. Das Ansehen der katholischen Kirche hat in den vergangenen Jahren stark gelitten. Grund dafür ist nicht nur die Führung sozialer Einrichtungen, darunter die an Arbeitslager erinnernden „Magdalenenheime“, sondern auch Kindesmissbrauch durch Priester.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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