FAZ plus ArtikelMoskauer Hochschule „Shaninka“

Eine Insel der Freiheit ist in Gefahr

Von Friedrich Schmidt, Moskau
15.10.2021
, 07:54
Vom Krankenhaus in die Polizeizentrale: Sergej Sujew (mit Papier in der Hand) am Mittwoch in Moskau
Gegen den Rektor der unabhängigen Moskauer Hochschule „Shaninka“ wird ermittelt. Der Fall zeigt: Nun nimmt sich die russische Staatsmacht die Intellektuellen vor.
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Die Moskauer Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ist ein besonderer Ort. Bekannt als „Shaninka“ – nach ihrem Gründer, dem polnisch-britischen Soziologen Teodor Shanin (1930 bis 2020) –, arbeitet die Hochschule mit der Universität Manchester zusammen, ist privat organisiert und damit vom Staat inhaltlich unabhängig. Mit mehr als 2000 Studenten gilt sie als eine der besten Hochschulen Russlands und als Hort der Weltoffenheit. So kann man in der Bibliothek der „Shaninka“ im Zentrum Moskaus spannende Diskussionen verfolgen, wie vor zwei Jahren, als dort ein deutscher Kulturtheoretiker über männliche Gewalt- und Zerstörungslust als Kernfaszinosum des Faschismus sprach.

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Das wirkte spektakulär in Moskau, wo das, was im Westen zuweilen „toxische Männlichkeit“ genannt wird, mächtige Vertreter hat. Jetzt könnte diese Insel akademischer Freiheit und kritischen Denkens unweit des Kremls in Gefahr geraten: Der Rektor der „Shaninka“, Sergej Sujew, ist am Montag festgenommen worden, in einem jener russischen Strafverfahren, die so intransparent sind, dass sie fadenscheinig wirken.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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