Russland und Afghanistan

Moskaus Lob für die Taliban

Von Friedrich Schmidt
16.08.2021
, 12:45
Russische und usbekische Truppen stellen sich am 10. August zu einer gemeinsamen Militärübung in Harb-Maidon in Tadschikistan nahe der Grenze zu Afghanistan auf.
Russland belässt seinen Botschafter demonstrativ in Kabul und bescheinigt den Taliban, dass sie erbarmungslos gegen den „Islamischen Staat“ gekämpft hätten. Gleichzeitig wappnet sich Moskau jedoch für die Terrorismusabwehr.
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Andere Länder haben nach der Einnahme Kabuls durch die Taliban eilig ihre Botschaften geschlossen und wollen das gesamte Personal schleunigst aus Afghanistan herausbringen. Anders Russland: Dessen Botschafter werde an diesem Dienstag mit Vertretern der Taliban, die schon die Kontrolle über das Gelände um die Botschaft übernommen hätten, über die Sicherheit der Vertretung sprechen, gab Samir Kabulow, Präsident Wladimir Putins Sondergesandter für Afghanistan, am Montagmorgen im Radiosender Echo Moskwy bekannt. Russlands Botschaft in Kabul solle weiter arbeiten, allerdings solle ein Teil des rund hundert Personen starken Personals außer Landes gebracht werden.

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Russlands Staatsmedien hatten schon zuvor berichtet, die Taliban hätten versprochen, die Sicherheit der Diplomaten zu garantieren; die staatliche Nachrichtenagentur Tass zitierte einen Sprecher der Gruppe mit der Aussage, man habe „gute Beziehungen zu Russland“ und wolle die Arbeit der Botschaft des Landes wie auch der anderen Vertretungen aufrechterhalten. Putins Sondergesandter war am Montag bemüht, die Taliban als geringeres Übel im Vergleich zu anderen Gruppen darzustellen: Er fürchte nicht, dass die Taliban eine neue Inkarnation der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) werde, sagte Kabulow und lobte die Taliban sogar: Diese hätten „im Unterschied zu den Amerikanern, zu der ganzen Nato, auch der geflüchteten afghanischen Regierung“, den IS „erbarmungslos“ bekämpft.

Sicherheitsvorkehrungen in Zentralasien verstärkt

Die Taliban hätten zudem glaubwürdig versichert, nicht nochmals „ihr trauriges Schicksal wiederholen zu wollen“, sagte Kabulow mit Blick auf den Sturz des Taliban-Regimes 2001. Putins Sondergesandter gewinnt der Kontrollübernahme der Taliban etwas Gutes ab, da sich, so Kabulow, die anderen extremistischen Gruppen in Afghanistan nicht auf das Land selbst konzentrierten, sondern Zentralasien insgesamt, Pakistan oder Iran in den Blick nähmen. Zum Moskauer Pragmatismus passt eine Reihe von Treffen von Funktionären mit Taliban-Vertretern, jüngst im Juli in Moskau, und das, obwohl die Gruppe selbst in Russland als „terroristisch“ ebenso verboten ist wie etwa der IS. Aber trotz solcher Schritte ist man sich der Bedrohung durch die islamistischen Kämpfer bewusst und hat die Sicherheitsvorkehrungen in Zentralasien entsprechend verstärkt.

Russland liefert Rüstungsgüter an Tadschikistan und Usbekistan und hat gemeinsame Militärübungen mit den Streitkräften beider Länder nahe deren Grenzen zu Afghanistan abgehalten. Dabei ging es laut dem russischen Generalstabschef Valerij Gerassimow um die Abwehr „terroristischer Bedrohungen“, die derzeit hauptsächlich aus „afghanischer Richtung“ stammten. Tadschikistan, wo Moskau seinen größten Auslandsmilitärstützpunkt überhaupt unterhält, hat eine runde 1300 Kilometer lange Grenze zu Afghanistan; Putin hat seinem autokratischen Amtskollegen in Duschanbe, Emomali Rachmon, Russlands volle Unterstützung beim Schutz der Grenze zugesichert.

Wo die Sowjetunion einst eine desaströse Niederlage erlitt – während der Invasion der achtziger Jahre wurden mehr als 15.000 sowjetische Soldaten getötet –, hat nun das Bild der westlichen Vormacht, der Vereinigten Staaten, enormen Schaden genommen. Lange hatte Moskau den westlichen Einsatz unterstützt, den Amerikanern etwa erlaubt, den eigenen Luftraum für die Truppenversorgung zu nutzen. Erst die Verschlechterung der Beziehungen in den vergangenen Jahren lässt Amerikas Abzug und nun das Debakel aus Moskauer Sicht als Korrektur der Zäsur von 2001, des Einmarschs und der jahrelangen, massiven westlichen Truppenpräsenz in Afghanistan, erscheinen. In den vergangenen Wochen wandte sich Moskau gegen amerikanische Versuche, neue Militärstützpunkte in Zentralasien zu errichten.

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Dafür, dass die Moskauer Schadenfreude nun nicht überhandnimmt, spricht die geschichtliche Erfahrung: Das Chaos nach dem sowjetischen Abzug steht in Zusammenhang mit dem Ende der Sowjetunion, mit dem Bürgerkrieg im verbündeten Tadschikistan Anfang der neunziger Jahre und auch mit Russlands eigenem Terrorproblem im Nordkaukasus. So warnte nun der Moskauer Außenpolitiker Konstantin Kossatschow, man könne nicht ausschließen, dass sich die Taliban und der IS verständigten, wodurch die Gefahr für Russland und seine Verbündeten wachse.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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