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Saddam Hussein

Saladin und Nebukadnezar als Vorbild

Von Rainer Hermann
 - 08:26
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Auch nach seinem Tod wirft Saddam Hussein einen langen Schatten. Nicht nur eine kleine Fußnote der Geschichte füllt er, sondern ein eigenes Kapitel. Selbst wenn Saddam Hussein seit seinem Sturz keinen Einfluss mehr auf die Aufständischen hat, tragen der Irak und die Araber schwer an seinem Erbe: Spaltung und Zerrissenheit der irakischen Gesellschaft sind die Folge seiner fast drei Jahrzehnte dauernden Despotie. In der arabischen Welt hat er zudem Konflikte verursacht und zu einer Kultur der Gewalt beigetragen, die ihn noch lange überleben wird.

Dem ägyptischen Präsidenten Nasser jubelten die Massen zu, weil er den Arabern die Unabhängigkeit von den alten Kolonialherrn und ein neues Gefühl der Würde gab. Der frühere syrische Präsident Hafez al Assad wollte Israel ein strategisches Gleichgewicht abtrotzen und steigerte das Selbstvertrauen der Araber. Keiner von ihnen setzte dazu aber eine destruktive Demagogie und unablässige Propagandamaschine ein wie Saddam Hussein.

„Hochzeit der Märtyrer“

Nirgends war die eigene Geschichte so allgegenwärtig und alltäglich wie in Saddams Irak. Keiner erzeugte wie er die Illusion, sein brutales Tun sei nur die Fortsetzung der ruhmreichen Geschichte der Araber und der Muslime. Keiner flocht gekonnt wie er Koranverse in seine Reden ein. All das diente der Legitimierung seiner Politik der Gewalt.

Für sich hatte Saddam Hussein eine historische Mission beansprucht. Seinen Geburtstag legte er auf den 28. April 1937, den 800. Geburtstag von Saladin. Beide stammen aus der Provinz Takrit. Wie Saladin wollte Saddam die Araber einen und die „Kreuzritter“ vertreiben, Jerusalem und Palästina befreien, auch Syrien und Ägypten. Auf König Nebukadnezar berief er sich schließlich, um die Juden abermals in eine „babylonische“ Gefangenschaft zu führen.

Saddam Hussein war Führer, Ideologe und Propagandachef. Ein arabischer Intellektueller nannte ihn einmal den „Meister des Worts“. Im Westen wurde er nur durch seine belächelte Wortschöpfung von der „Mutter aller Schlachten“ bekannt. Da hatte er schon den Genozid gegen die Kurden längst nach einem Koranvers („Anfal“) benannt. Seit langem pries er den Tod im Krieg als die „Hochzeit der Märtyrer“. Schon 1975, lange vor allen anderen, hatte Saddam erkannt, wie er mit dem „Märtyrertum“ Menschen motivieren konnte, und an die Zusage des Korans erinnert, dass jeder, der im Kampf für Gott sterbe, gleich ins Paradies eingehe. Heute begehen im irakischen Bürgerkrieg diese Märtyrer für ihre eigenen Ziele Selbstmord.

Saddam als Prophet

Kein Zufall war es, dass sich der blutige Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten im Irak nach dem Ende seines Regimes entzündete. Saddam Hussein hatte sich als der Bannerträger des „arabischen Nationalismus“ feiern lassen. Er wollte den Zerfall der arabischen Welt in viele Staaten überwinden, die der Kolonialismus hinterlassen hatte. Von den drei Volksgruppen des Iraks erkannte er aber nur die irakischen Sunniten als Araber an -, natürlich nicht die Kurden, auch nicht die irakischen Schiiten. Die meisten Mitglieder seiner Baath-Partei waren Sunniten. Als unzuverlässig und als verlängerter Arm Irans wurden die Schiiten verdächtigt. In seinem „Politischen Wörterbuch“ schrieb Saddam aber, die „neue Religion der Iraner“, also die Schia, habe mit dem Islam nichts zu tun.

Gegen die Kurden und Schiiten führte Saddam Hussein Krieg: Die Kurden wollte er arabisieren, ihre Dörfer brannte er nieder. Die Schiiten, ob arabische oder iranische, behandelte er ohne Unterschied als Feinde des Arabertums. Als „Fitna“ denunzierte er die Aufstände der Kurden und Schiiten - das war der Bürgerkrieg wenige Jahre nach dem Tod Mohammeds, als einige von der frühen Gemeinde abfielen. Saddam warf auch anderen, vor allem seinem Erzfeind Assad, diese „Ridda“ vor, den Abfall vom Glauben. Er stellte sich damit als einen Propheten dar, der sich legitim gegen Verrat zur Wehr setzt. Wer sich ihm in den Weg stellte, wurde liquidiert und häufig in Massengräbern beigesetzt - es waren wohl Hunderttausende Kurden und Schiiten. Er selbst war so sehr von dem überzeugt, was er tat, dass er sein Flugzeug „Buraq“ nannte wie das legendäre Tier, das Mohammed von Mekka nach Jerusalem brachte und zurück.

Einer, der mit anderen zusammenstößt

Seine Anhänger hypnotisierte Saddam Hussein regelrecht mit der Gewalt seiner Sprache und Symbole, seine Gegner kerkerte er ein. Wörter wurden zu leeren Hülsen, die Sprache verlor ihre Glaubwürdigkeit. Unter diesen Bedingungen wird Politik aber schwierig, denn für eine politische Auseinandersetzung fehlt die Basis. Wie heute im Irak. Begriffen wie Einheit und Sozialismus, die die Baath-Partei ihres Sinnes entleert hatte, brachten die Menschen nur noch Misstrauen entgegen. Heute können sie daher auch den neuen Verheißungen von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit keinen Glauben schenken.

Überall hatte Saddam in manischer Angst Feinde und Verschwörungen gewittert. Nur seiner Familie und seinem Stamm vertraute er. Im Ausland sah sich Saddam Hussein drei Feinden gegenüber: dem „Imperialismus“ des Westens, dem „Zionismus“ Israels und dem persischen Iran. Alle trachteten nach seiner Auffassung nur danach, die Rückkehr der Araber zu ihrer früheren Größe zu verhindern. Auf Gefahren kannte Saddam nur die Antwort Gewalt. Keine Gesellschaft der arabischen Welt war militarisiert wie der Irak Saddams, kein arabischer Staat unterhielt eine größere Armee, keiner gab für Rüstung mehr Geld aus. Seinem Namen machte Saddam alle Ehre: einer, der mit anderen zusammenstößt.

Erst Kuweit, dann Saudi-Arabien

Saddam Hussein benötigte Krisen und er schuf sie. Kriege leitete er mit propagandistischen Trommelwirbeln über historische Ereignisse ein. Bevor er den Krieg gegen Iran vom Zaun brach, überschütten die Medien die Iraker mit einer Flut von Artikeln und Filmen über die Schlacht von Qadisiyya. Dort hatten im Jahr 637 die muslimischen Araber die zoroastrischen Perser besiegt. Als im September 1980 der erste Schuss fiel, waren die Iraker auf die Neuauflage von Qadisiyya eingestellt.

Gegen Iran hatte Saddam im Namen des arabischen Nationalismus Krieg geführt. 1990 marschierte er in Kuweit ein, um - neben anderen Zielen - die Führungsrolle Saudi-Arabiens im sunnitischen Islam in Frage zu stellen. Hätte der Westen nicht umgehend Soldaten an den Golf entsandt, wären Saddams Armeen nach Saudi-Arabien weitermarschiert. Die Pläne dafür lagen bereit. Die Verlegung amerikanischer und anderer ausländischen Truppen auf die Arabische Halbinsel hat Saddams Vormarsch zwar gestoppt, den Nahen Osten hatte seine Militäraktion aber grundlegend verändert.

Palästinenser als panarabisches Thema

Bis dahin hatte die Mittelschicht, die den Islamisten zuneigte, mit Saudi-Arabien sympathisiert, die verarmte Unterschicht mit dem antiwestlichen Kurs Saddams. Nach der Ankunft der ersten amerikanischen Soldaten gingen viele Islamisten auf Distanz zu Saudi-Arabien. Dschihadisten und Schüler von Usama Bin Ladin kehrten aus Afghanistan in ihre arabische Heimat zurück und begannen, Anschläge zu verüben. Ohne den irakischen Einmarsch in Kuweit und die Anwesenheit amerikanische Soldaten auf saudischem Boden hätte es wahrscheinlich die Terroranschläge des 11. September 2001 nicht gegeben.

Saddam Hussein versuchte auch, sich den Palästina-Konflikt zunutze zu machen. Die arabischen Führer hatten die Palästinenser lange mit Lippenbekenntnissen abgespeist. Der irakische Präsident entdeckte jedoch ihre Nützlichkeit. Das propagandistische Manöver, einen Rückzug aus Kuweit im Austausch für einen völlig unwahrscheinlichen Rückzug Israels aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen anzubieten, brachte ihm die Unterstützung der Palästinenser ein. Bisher waren die Palästinenser nur die Steine werfenden Jugendlichen der Intifada. Nun waren sie plötzlich ein panarabisches Thema.

Sinn für Symbole

Noch einige Jahre lang versuchten die Anhänger Saddam Husseins, den Führungsanspruch Saudi-Arabiens in Frage zu stellen. Nach dem Ende des zweiten Golfkriegs lud Hassan al Turabi, damals die graue Eminenz des sudanesischen Regimes, Islamisten und arabische Nationalisten nach Khartum ein, die Saddam unterstützten; unter ihnen waren Muslimbrüder und Palästinenserführer Arafat. Kurzfristiges Ziel war, Unterstützung für Saddam zu mobilisieren. Langfristig wollten sie als Alternative zum wahhabitisch-saudischen Islam eine islamistische Internationale und eine populistische Dritte-Welt-Ideologie entwickeln. Mehrere Konferenzen folgten. Gegen den Ölreichtum des saudischen Islam kamen sie aber letztlich nicht an.

Saddam Hussein war geschichtsbewusst, und er hatte Sinn für Symbole. Er wollte nicht in seiner Gefängniszelle einen gewöhnlichen Tod sterben. In seinem letzten Brief hatte er geschrieben, er opfere sich für die arabische Nation. Seine Anhänger werden sich daran erinnern, dass er am ersten Tag des muslimischen Opferfests als „Märtyrer“ starb. An jenem Tag gedenken die Muslime nach ihrer Tradition der Bereitschaft Abrahams, Gott seinen Sohn Ismail zu opfern. Saddams Opfer und Kritiker werden sich aber daran erinnern, dass er die arabische Welt auf einen Weg gebracht hat, auf dem die Konflikte noch lange Zeit nicht lösbar sein werden.

Quelle: F.A.Z., 02.01.2007, Nr. 1 / Seite 3
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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