Saudischer Kronprinz und Iran

Kein Hitler-Vergleich mehr

Von Christoph Ehrhardt, Rainer Hermann und Majid Sattar
28.04.2021
, 22:04
Letzte Vorbereitungen für ein Interview: Der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman am 27. April 2021
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Der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman hatte den iranischen Revolutionsführer Chamenei 2018 noch mit Hitler verglichen. Jetzt sagt er, er wünsche sich, dass die Beziehungen zu Teheran gedeihen. Was steckt dahinter?
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Ganz konnte der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman nicht darauf verzichten, die eigene Stärke zu beschwören. „Die Vokabel Angst existiert in saudischen Wörterbüchern nicht, denn Saudis fürchten sich vor nichts“, sagte der Thronfolger in einem ausführlichen Fernsehinterview. Doch der Ton, den er gegenüber Iran, dem großen regionalen Rivalen, anschlug, war auffällig konziliant. „Letztendlich ist Iran ein Nachbarland“, erklärte er. Das Königreich wolle keine Schwierigkeiten und strebe ein gutes Verhältnis zu Teheran an. „Wir wollen, dass es gedeiht und wächst“, sagte der Kronprinz, der Einlassungen wie jene von 2018 unterließ, als er über den iranischen Revolutionsführer Ali Chamenei sagte, im Vergleich sehe Adolf Hitler gut aus.

Die neue Milde im Ton passt zu den Berichten in den vergangenen Wochen über neue Kontakte zwischen beiden Ländern. Als Erstes hatte die „Financial Times“ gemeldet, Vertreter der sunnitischen Regionalmacht Saudi-Arabien und der schiitischen Führungsmacht Iran hätten sich in Bagdad getroffen. Die saudische Führung, die 2016 die diplomatischen Beziehungen abgebrochen hatte, dementiert zwar, aber aus mehreren diplomatischen Quellen werden die Annäherungsversuche bestätigt. Ein Schwerpunkt der Gespräche sei der Jemen gewesen, sagt ein Diplomat, der von einem „konstruktiveren Ton“ spricht. Das Königreich passe seine Politik langsam den neuen Realitäten an.

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Ausweg aus dem Jemen-Konflikt gesucht

Dazu gehört nicht zuletzt das Scheitern Riads, die von Iran geförderten jemenitischen Houthi-Rebellen mit militärischen Mitteln aus der Hauptstadt Sanaa und anderen Teilen des Jemens zu vertreiben. Nach sechs Jahren sucht das Königreich einen Ausweg aus dem Konflikt. Das ist ohne Mitarbeit Irans schwer möglich, und derzeit machen die Houthi auch keine Anstalten, ihr Heil jenseits des Schlachtfeldes zu suchen. In den vergangenen Jahren habe Saudi-Arabien iranische Vermittlungsangebote ausgeschlagen, sagte der iranische Außenminister Dschawad Zarif in einem Gespräch, das eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war und derzeit in Iran hohe Wellen schlägt. Der iranische Präsident hatte alle Minister beauftragt, zum Abschluss ihrer Amtszeit in für das Staatsarchiv aufgezeichneten Interviews Bilanz zu ziehen.

Dass die Vereinigten Staaten unter Präsident Joe Biden derzeit versuchen, eine Wiederannäherung im Atomstreit mit Iran zu erreichen, ist eine weitere Realität, der sich die Politik Saudi-Arabiens anpassen muss. Washington befindet sich in Wien in indirekten Gesprächen mit Iran und den fünf anderen Unterzeichnerstaaten des Atomabkommens über Bedingungen eines amerikanischen Wiederbeitritts zu der Vereinbarung, aus der Donald Trump 2018 ausgestiegen war.

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Amerikanisch-iranische Geheimgespräche?

In Washington kursierten Hinweise, CIA-Direktor William Burns sei kürzlich nach Bagdad gereist, um im Privathaus des irakischen Außenministers Fuad Hussein vertraulich mit iranischen Vertretern zu sprechen. Michael Rubin vom American Enterprise Institute hatte dies mit Bezug auf irakische Quellen auf der Internetseite „1945“ berichtet. Die amerikanische Iran-Spezialistin Barbara Slavin berichtete, es habe in Bagdad ein Treffen zu dritt gegeben: Neben dem iranischen Nationalen Sicherheitsberater Ali Schamchani hätten daran William Burns und ein Vertreter Saudi-Arabiens teilgenommen. Das Weiße Haus kommentierte Fragen nach Burns’ möglicher Geheimmission nicht und verwies auf die CIA. Der Auslandsgeheimdienst bestritt ein solches Treffen mit der iranischen Seite, äußerte sich aber nicht zum Terminkalender des Direktors.

Die iranische Regierung hat aus zwei Gründen Interesse an besseren Beziehungen mit Saudi-Arabien. So versucht sie erstens zu verhindern, dass die Zusammenarbeit zwischen Saudi-Arabien und Israel noch enger wird, wodurch der antiiranische Block in der Region weiter gestärkt würde. Das ist derzeit offenbar nicht der Fall. Über das Treffen saudischer und iranischer Regierungsvertreter Anfang April in Bagdad hatte Israel sehr verärgert reagiert, da es erst im Nachhinein darüber informiert worden sein will. Zweitens erhoffen sich Präsident Hassan Rohani und Zarif von einer Normalisierung mit Saudi-Arabien eine Stärkung ihrer Position im inneriranischen Machtkampf. Zarifs Interview verschärft den Zweikampf zwischen den Hardlinern und der Regierung Rohani jetzt erheblich.

In der Sache gibt es trotz des veränderten Tons auch weiter enorme Gegensätze zwischen Iran und seinen Widersachern. Das wurde in dem Interview des saudischen Kronprinzen ebenfalls deutlich, der das „schädliche Verhalten“ Irans kritisierte und neben dem Atomprogramm die Unterstützung für „illegale Milizen“ in der Region oder das Teheraner Programm für ballistische Raketen nannte. Biden hat seine Bereitschaft, Amerika zurück in das Abkommen zu führen, unter anderem davon abhängig gemacht, dass Teheran seine „destabilisierenden Aktivitäten“ in der Region reduziert.

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Dass Iran den saudischen und amerikanischen Forderungen nach einer Verhaltensänderung in absehbarer Zeit nachkommt, wird indes bezweifelt. Gespräche mit Iran, ob in Wien über das Atomabkommen oder in der Region mit Saudi-Arabien, stehen unter dem Vorbehalt, dass am 18. Juni ein neuer Präsident und Nachfolger für Hassan Rohani gewählt wird. In den aktuellen Atomverhandlungen wollen die Revolutionswächter eine Einigung verhindern, die das iranische Raketenprogramm und ihre Aktivitäten und Schattenarmeen in der Region einschließt.

Nach Bekanntwerden des Zarif-Interviews kam es im Persischen Golf abermals zu einem Vorfall, bei dem ein amerikanisches Marineschiff Warnschüsse in Richtung dreier iranischer Militärboote abgab. Die Schnellboote der Revolutionswächter hätten sich den amerikanischen Schiffen USS Firebolt und Baranoff am Montag bis auf 62 Meter genähert, teilte die Marine am Dienstag mit, die das iranische Vorgehen verurteilte. Als die iranischen Kräfte ungeachtet der Warnungen über Funk und Lautsprecher noch näher gekommen seien, habe die USS Firebolt Warnschüsse abgegeben. Danach hätten sich die Schnellboote der Revolutionsgarden entfernt und in „sichere Distanz“ begeben.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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Majid Sattar
Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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