Schweiz im Franken-Schock

Wir haben Angst

Von Alan Cassidy, Bern
21.01.2015
, 15:04
Heile Welt und teure Franken: Der Blick aus Baden-Württemberg hinüber auf die Schweizer Berge
Die Schweiz leidet unter der plötzlichen Aufwertung des Frankens. Die Krise der Euro-Zone kümmerte sie lange nicht – doch plötzlich steckt sie mitten drin. Es ist ein böses Erwachen. Ein Gastbeitrag aus der Schweiz.
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Praktisch, das sind wir Schweizer selbst im Notfall. Nur wenige Stunden, nachdem am vergangenen Donnerstag die Kurse an der Schweizer Börse in die Tiefe stürzten, orderten die Schweizerischen Bundesbahnen zusätzliche Wagen für das Wochenende.

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Man wollte den Einkaufstouristen, die von Zürich nach Konstanz fuhren, „genügend Sitzplätze anbieten können“. Auch in der Grenzstadt Basel schickten die städtischen Verkehrsbetriebe zusätzliche Straßenbahnen in das deutsche Weil am Rhein. Und die Einkaufstouristen kamen in Scharen, selbst aus dem Hinterland.

Wir sehnen uns nach dauerhaft günstigen Preisen

Wer will es uns auch vergelten? Ein gutes Stück Rindfleisch, das teure Schuppenshampoo, der 16 Jahre alte Single-Malt-Whiskey: Nach der Aufwertung des Frankens sind Lebensmittel, Kosmetikprodukte oder Autos im grenznahen Ausland noch viel billiger geworden. Wir sehnen uns seit Jahren nach dauerhaft günstigeren Preisen im eigenen Land. Wir haben sogar ein eigenes Wort dafür: Wir leben auf einer Hochpreisinsel; ein Überbleibsel aus der Zeit, als die Schweiz noch nicht an den EU-Binnenmarkt angeschlossen war und ihre Wirtschaft auf allen Ebenen vor ausländischer Konkurrenz abschottete. Wenn uns die staatlichen Verkehrsbetriebe dabei helfen, diese Insel möglichst bequem zu verlassen – unbedingt!

Zurück vom Einkaufen in Weil am Rhein oder aus Konstanz, beim Auspacken der Markenprodukte aus Deutschland (und es sind ausschließlich Markenprodukte – was haben wir uns jenseits der Grenze reich gefühlt!) weicht der erste Rausch und macht Platz für eine bittere Erkenntnis: Der Entscheid der Nationalbank hat leider mehr zu bedeuten als Rinderfilet zum Abendessen.

Durch die Aufwertung des Franken steigt die Kaufkraft in Lörrach.
Durch die Aufwertung des Franken steigt die Kaufkraft in Lörrach. Bild: Frank Röth

Und so geht es vielen: Nach der ersten Euphorie (es bildeten sich lange Schlangen vor den Wechselstuben, in den Bankomaten hatte es bald keine Euro-Scheine mehr) machte sich ein Gefühl der Sorge breit in der Schweiz. Jahrelang konnten wir die Krise in Europa aus sicherer Distanz beobachten, waren Unbeteiligte, Unberührte. Jetzt sind wir mitten drin. Und wir haben Angst.

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Lohnkürzungen und Arbeitsplatzverlust

Es sind Episoden, aber gemeinsam geben sie ein düsteres Bild ab. Der Verkäufer im Sportwarengeschäft in Basel, dem von seinem Chef schon vorsorglich die Kündigung angedroht wurde, sollte sich der Franken nicht abschwächen. Der Werkzeugbauer, der seit zwanzig Jahren für den gleichen Betrieb arbeitet, genau zweimal eine Lohnerhöhung erhalten hat und jetzt vor seiner ersten Lohnkürzung steht.

Die Verkäuferin im Kleidergeschäft, die plötzlich in Euro ausbezahlt werden soll. Oder jener bemitleidenswerte Beamte, der in Basel wohnt und in Lörrach arbeitet: Seit vergangener Woche ist seine Arbeit plötzlich 20 Prozent weniger wert (und es ist nicht so, dass die Stadt Lörrach vorher schon fürstliche Gehälter gezahlt hätte).

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Ganze Wirtschaftszweige, die vom Export in die EU leben, müssen nun Wege finden, um den Preisschock abzudämpfen. Gelingt es den Unternehmen nicht, die Kosten zu senken, werden Arbeitsplätze verschwinden – das lässt sich kaum verhindern.

In den Wintersport- und Kurorten sind die Hoteliers bereits daran, die Tarife massiv zu senken. Doch sie wissen, dass sie in einem Preiskampf gegen die viel billigere Konkurrenz in Österreich oder Frankreich keine Chance haben. In manchen Gebieten macht die Not deshalb kreativ. Das Dorf Grächen im Wallis betreibt eine Art Zentralbank in der Skihütte: Urlauber, die bar in Euro bezahlen, profitieren dort immer noch von einem fixen Euro-Wechselkurs von 1.35 Franken. Die Maßnahme führten die Walliser bereits im September 2011 ein, doch der Tourismusdirektor des Ortes will nun erst recht daran festhalten – sonst kämen gar keine Gäste mehr.

Längst ist vielen Schweizern klar, dass der Entscheid ihrer Nationalbank nicht nur Folgen für den eigenen Geldbeutel hat, sondern dass es um mehr geht: um ihre Zukunft, um die Zukunft des Landes in Europa. In dieser Frage ist das Land nicht erst seit der Abstimmung über die Beschränkung der Zuwanderung aus der EU vor einem Jahr gespalten.

Stellt sich die Schweiz darauf ein, dass sie als europäisches Land mit dem Schicksal der EU und ihrer Währungsunion verbunden ist? Oder versucht sie, sich so lange wie möglich unabhängig und eigenständig zu halten?

Aus dieser letzten Überlegung hatten sich viele am Euro-Mindestkurs gestört. Sie hörten weg, wenn etwa deutsche Politiker darauf hinwiesen, dass die Schweiz ihre Währung damit ja faktisch an den Euro gekoppelt habe. Es waren diese rechtskonservativen Kreise um Christoph Blocher, die nach dem Entscheid der Nationalbank beflügelt waren: Die Intervention war eine Demonstration der Handlungsfähigkeit. Ein bisschen Souveränität. Doch zu welchem Preis?

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Größer ist deshalb die Sorge. Man befinde sich in einem „heftigen Gewitter mit ungewisser Dauer“, sagte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann am Dienstag in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Die Sorgen der Unternehmen müssten ernst genommen werden: „Viele hatten zuletzt endlich wieder Boden unter den Füssen. Jetzt sind sie zurückgeworfen auf Feld eins.“

Leiden werden darunter die Angestellten. Die Werkzeugbauer und Sportartikel-Verkäufer. Die Frau an der Kasse und der Mann am Skilift. Wer mag es ihnen da verdenken, dass sie sich vom Tram nach Deutschland fahren lassen. Noch einmal Rinderfilet.

Alan Cassidy ist Politikredakteur bei der Zeitung „Schweiz am Sonntag“. Twitter: @A_Cassidy, E-Mail: alan.cassidy@schweizamsonntag.ch

Quelle: FAZ.NET
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