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Sea-Watch-Kapitänin Rackete

Riskantes Manöver und unerwünschte Belehrungen

Von Matthias Rüb, Rom
 - 20:01
Italienische Polizisten führen die Kapitänin Carola Rackete ab.

Carola Rackete hat sich für ihren Fehler entschuldigt, gleich mehrfach. Es geht um das gefährliche Anlegemanöver der Kapitänin des Rettungsschiffs „Sea-Watch 3“ am frühen Samstagmorgen gegen 1.30 Uhr. Dabei war sie, obwohl sie nach Auskunft der italienischen Finanzpolizei dreimal zum Abdrehen aufgefordert worden war, auf eine Mole im Hafen der Mittelmeerinsel Lampedusa zugesteuert. Doch die Mole war von einem Schnellboot der Finanzpolizei blockiert.

Was dann geschah, erhitzt die Gemüter. Und wie dieser Vorgang zu bewerten ist, befeuert die kontroverse Debatte – in Italien, in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern. Jedenfalls kam die 31 Jahre alte Kapitänin mit ihrem 600-Tonnen-Schiff dem viel kleineren Schnellboot der „Guardia di Finanza“ immer näher, touchierte es und drängte es schließlich ab. In italienischen Medien wurden Besatzungsmitglieder des Patrouillenbootes zitiert, die nach eigenen Angaben um ihr Leben fürchteten. „Wir waren an der Mole eingeklemmt“, zitierte die Agentur Adnkronos am Samstag einen der fünf Beamten an Bord, dort hätten für Sekunden „Angst und Schrecken geherrscht“. Auf Videos von dem Vorfall ist zu erkennen, dass der Führer des Patrouillenboots im letzten Augenblick buchstäblich die Flucht nach vorne antritt und von der Mole abfährt, bevor das Heck der „Sea-Watch 3“ von Kapitänin Rackete vollends an die Mole gesteuert wird.

„Ich hatte Angst“

„Es war ein Fehler“, ließ Rackete über ihre Anwälte der Tageszeitung „Corriere della Sera“ vom Sonntag mitteilen. „Ich habe mich dafür bereits entschuldigt und tue es nochmals: Ich bin sehr traurig, dass es so abgelaufen ist. Ich wollte das Boot der ,Guardia di Finanza’ gewiss nicht rammen. Es war nicht meine Absicht, jemanden in Gefahr zu bringen.“ Aber die Situation an Bord ihres Schiffes sei unhaltbar gewesen. Sie habe einzig die Absicht gehabt, „erschöpfte und verzweifelte Menschen an Land zu bringen: Ich hatte Angst.“ Angst davor, dass einer der 40 Migranten über Bord springen, sich umbringen könnte. Es habe schon Akte der Selbstverletzung unter den Migranten gegeben. Aufschub und weiteres Warten auf eine diplomatische Lösung, die sich am Freitagabend abgezeichnet hatte – Deutschland, Finnland, Frankreich, Luxemburg und Portugal werden die Migranten wohl übernehmen –, seien nicht mehr möglich gewesen. „Nie, nie, nie soll jemand denken, dass ich das Patrouillenboot rammen wollte“, wird Rackete vom „Corriere della Sera“ zitiert.

Die fast schon flehentliche Entschuldigung der Kapitänin konnte Innenminister Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Lega nicht milder stimmen. Vielmehr verschärfte Salvini seine Rhetorik noch: Aus der „kriminellen Handlung“, die er am Samstag gegeißelt hatte, wurde am Sonntag ein „Kriegsakt“.

Rackete war am Samstagmorgen an der Hafenmole von Beamten der „Guardia di Finanza“ abgeführt und zu einem ersten Verhör gebracht worden. Den Sonntag verbrachte sie im Hausarrest in einer Privatwohnung. An diesem Montag wird ein Untersuchungsrichter entscheiden, ob Untersuchungshaft und Hausarrest verlängert werden. Es heißt, es werde kein Eilverfahren geben, sondern einen gewöhnlichen Prozess. Rackete muss sich wegen Widerstands und Gewaltanwendung gegen ein Kriegsschiff verantworten, denn die „Guardia di Finanza“ hat bei der Sicherung von Seewegen und Häfen Kombattantenstatus; darauf stehen drei bis zehn Jahre Gefängnis. Außerdem wird ihr versuchter Schiffbruch zur Last gelegt, was mit bis zu zwölf Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Hinzu kommt, gemäß dem neuem Sicherheitsdekret, eine Geldbuße von bis zu 50.000 Euro wegen Verstoßes gegen die Hafen- und Gewässersperrung für Schiffe mit Migranten an Bord und wegen Beihilfe zur illegalen Einreise.

Lob für die Besatzung

Als Rackete von Bord ging, klatschten viele Aktivisten, die dort in Erwartung der „Sea-Watch 3“ ausgeharrt hatten, Beifall und riefen ihr aufmunternd „Brava!“ zu. Viel Beachtung schenkten italienische Medien jedoch auch einem jungen Mann, der sich tags darauf mit Verweis auf seinen Alkoholkonsum entschuldigte, dieser grölte Rackete entgegen: „Hoffentlich vergewaltigt man dich!“ Von Parlamentariern der Linken, die aus Solidarität mit den Migranten am Donnerstag an Bord der „Sea-Watch 3“ gekommen waren, gab es Lob für die Kapitänin und harsche Kritik am Innenminister. Nicht die Kapitänin sei kriminell, sondern der Minister sei es, schimpfte der sozialdemokratische Senator Davide Faraone: „Salvini missbraucht Menschenleben für seine schmutzige Propaganda, das ist die Wahrheit!“ Antwort Salvini: „An seiner Stelle und an der Stelle seiner Wähler würde ich mich schämen.“

Auch aus dem Vatikan gab es am Samstagabend Lob für die Besatzung der „Sea-Watch 3“. „Die Rettung von Menschenleben hat unter allen Umständen Vorrang. Dies muss unser Leitstern sein, alles andere ist zweitrangig“, teilte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin mit, der als einer der engsten Vertrauten von Papst Franziskus gilt. Der französische Innenminister Christophe Castaner ließ wissen, die von Rom verfügte Hafenschließung sei „eine Verletzung des Seerechts“. Außenminister Heiko Maas (SPD) schrieb auf Twitter, Seenotrettung dürfe „nicht kriminalisiert werden“, Menschenleben zu retten sei „eine humanitäre Verpflichtung“. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, bezeichnete es als „Schande für Europa“, dass eine junge Frau in einem europäischen Land verhaftet werde, „weil sie Menschenleben gerettet hat und die geretteten Menschen sicher an Land bringen will“. Die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf starteten am Samstag eine Spendenaktion für die Gerichts- und Anwaltskosten der Kapitänin und der Berliner Hilfsorganisation „Sea-Watch“, durch die bis Sonntagnachmittag bereits mehr als 400.000 Euro gesammelt wurden.

In Rom erwiderte Innenminister Salvini am Sonntag auf die Mitteilungen und Forderungen, Italien brauche sich „von niemandem belehren zu lassen“, am wenigsten von Deutschen und Franzosen. Sein Fazit vom Wochenende lautete: „Verbrecherische Kapitänin festgenommen, Piratenschiff beschlagnahmt, Höchststrafe für die ausländische Nichtregierungsorganisation.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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