Selenskyjs Mahnung

Endlich die Gefahr erfassen

EIN KOMMENTAR Von Reinhard Veser
16.04.2021
, 18:26
Die Kritik des ukrainischen Präsidenten an Emmanuel Macron vor seinem Besuch in Paris war vielleicht undiplomatisch. Aber in der Sache hat Selenskyj recht.

Es ist anderthalb Jahre her, dass die Kanzlerin und die Präsidenten Frankreichs, der Ukraine und Russlands sich in Paris getroffen haben. Das Zustandekommen des Gipfels war damals ein kleiner Erfolg für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Er hatte es geschafft, den Konflikt in seinem Land auf der internationalen Tagesordnung wieder einmal nach oben zu befördern. Mit dem Ergebnis des Treffens konnte indes nur der russische Präsident Wladimir Putin zufrieden sein.

Er hatte für seine Gesprächsbereitschaft einen diplomatischen Preis gefordert und erhalten: In der Schlusserklärung des Gipfels wurde nicht etwa von Russland, dem Aggressor, etwas verlangt, sondern von der angegriffenen Ukraine. Selenskyj äußerte damals öffentlich seine Enttäuschung, während Gastgeber Macron von einem „extrem positiven Gipfelergebnis“ sprach.

Es sind diplomatische Verbeugungen wie diese, die Putin ermutigen, immer wieder die Festigkeit des Westens zu testen. Der Konflikt in der Ukraine ist aus seiner Sicht dafür als Schauplatz ideal, weil das Land in absehbarer Zeit weder der EU noch der Nato angehören wird. Aber er hat dabei den globalen Konflikt im Blick, in dem er sich mit Amerika und der EU wähnt.

Eine klare Parteinahme für die Ukraine ist deshalb auch kein selbstloser Akt der Solidarität, sondern im eigenen Interesse der Europäer. Selenskyjs Aufforderung an Macron, dieser solle die Gefahr endlich erfassen, war vielleicht undiplomatisch. Aber in der Sache richtig.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Veser, Reinhard
Reinhard Veser
Redakteur in der Politik.
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