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Mit Chinas Hilfe

Warum Serbien so erfolgreich impft

Von Michael Martens, Wien
29.01.2021
, 15:14
Ein Impfzentrum in der serbischen Hauptstadt Belgrad am 26. Januar Bild: Reuters
In Europa impft nach Großbritannien bisher niemand so viel wie Serbien – dank Hilfe aus Peking und Moskau. Kritiker werfen der Europäischen Union Versagen auf dem Balkan vor.
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Im März vergangenen Jahres, als Serbiens Präsident Aleksandar Vučić anlässlich einer Lieferung von Schutzmasken und anderen damaligen Mangelwaren aus China am Belgrader Flughafen demonstrativ die chinesische Flagge küsste, rief das in Europa Verwunderung hervor. Ähnlich war die Reaktion, als bald darauf überall in der Belgrader Innenstadt riesige Plakate auftauchten, auf denen neben der Losung „Danke, Bruder Xi“ das Porträt des chinesischen Präsidenten zu sehen war. Dieser Tage ist jedoch selbst von vielen hartnäckigen Gegnern des serbischen Präsidenten die Ansicht zu hören, dass sich dessen Bemühungen um ein gutes Verhältnis zu Peking ausgezahlt haben. Denn auf dem europäischen Kontinent impft kein Staat seine Bevölkerung schneller als Serbien.

Serbien liegt deutlich vor Deutschland, Frankreich und allen anderen Staaten der EU. Nur Großbritannien ist noch schneller. Wie ist das möglich? Serbiens Gesundheitsminister Zlatibor Lončar erklärt den bisherigen Erfolg im Gespräch mit der F.A.Z. unter anderem damit, dass sein Land sich anders als westliche Staaten um die Impfstoffe aller Anbieter bemüht hat. Deshalb stünden in Serbien neben dem Wirkstoff von Pfizer/Biontech schon seit Wochen auch das russische Vakzin „Sputnik V“ und der chinesische Impfstoff Sinopharm zur Verfügung. „Anders als in vielen anderen Ländern können die Bürgerinnen und Bürger Serbiens wählen, welche Impfung sie wollen. Sobald unsere nationale Kontrollbehörde einen Impfstoff nach der Prüfung als unbedenklich und effektiv freigegeben hat, ist er für alle zugänglich“, kommentiert Lončar Serbiens Beschaffungspolitik.

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Im Fall Sinopharm habe er Zaudernde gleichsam durch Körpereinsatz zu überzeugen versucht, so der Minister: „Um noch die stursten Skeptiker zu erreichen, war ich der erste, der sich den chinesischen Wirkstoff hat spritzen lassen – nicht nur in Serbien, sondern in Europa.“ Der serbische Parlamentspräsident Ivica Dačić und Innenminister Aleksandar Vulin waren ihrerseits bereits am 6. Januar mit panslawischen Beispiel vorangegangen und hatten sich unter großer Medienaufmerksamkeit die erste Sputnik-Dosis geben lassen.

Der russische Wirkstoff ist laut Angaben von Mirsad Djerlek, Staatssekretär im Gesundheitsministerium, mit Abstand am beliebtesten in Serbien. Demnach haben sich bisher 40 Prozent unter den Impfwilligen für „Sputnik V“ entschieden, nur 28 Prozent für Pfizer. Ein Drittel habe angegeben, keine Präferenzen zu haben. „Sputnik“ ist deshalb derzeit auch noch eine Mangelware in Serbien. Anfang Januar berichteten serbische Medien, dass der 75 Jahre alte Vater des Staatspräsidenten eine Impfung mit dem Produkt von Pfizer/Biontech abgelehnt habe, da er nur das russische Vakzin akzeptiere. Kurz darauf wurde bekannt, dass er nach einer Corona-Infektion erkrankt und ins Krankenhaus eingeliefert worden sei. Es soll ihm nach kritischen Tagen inzwischen aber wieder besser gehen.

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Der entscheidende Grund für Serbiens momentane Spitzenposition im Impfwettlauf ist in China zu suchen, das bisher eine Million Dosen Sinopharm lieferte – ein beträchtlicher Umfang für den Balkanstaat von sieben Millionen Einwohnern. Als das erste Kontingent Mitte des Monats eintraf, nahm Vučić die Lieferung gemeinsam mit der chinesischen Botschafterin in Belgrad noch am Flughafen in Empfang. „Wir sind stolz auf unsere guten Beziehungen zu China“, kommentierte der Präsident die Zeremonie. Er hob hervor, dass er „mindestens 100 Tage“ gemeinsam mit der Botschafterin daran gearbeitet habe, um die Lieferung sicherzustellen.

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Der Gesundheitsminister stellt unterdessen klar, dass Serbien das bisherige Impftempo beibehalten wolle: „Unsere Strategie ist es, bis zum Sommer eine ,kollektive Immunität‘ zu erreichen. Obwohl wir auf dem besten Weg dahin sind, widmen wir auch dem Herbst schon besondere Aufmerksamkeit, denn dann wird es notwendig sein, sich angemessen auf den neuen Corona-Impfzyklus und auf die Grippesaison vorzubereiten.“ Die Regierung hat dabei den Vorteil, dass sie zwar nicht die sozialen, aber den größten Teil der serbischen Massenmedien weitgehend steuern kann. „Impfgegner“ werden zwar nicht völlig ausgeblendet, kommen aber mit ihren Behauptungen meist nur als jene obskuren Verschwörungstheoretiker vor, die sie in der Regel auch sind.

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Mit Serbiens Vorsprung bei der Belieferung lässt sich zudem auch trefflich regionale Symbolpolitik betreiben. So durfte Nordmazedonien kürzlich 8000 Dosen Pfizer/Biontech aus Serbien kaufen, wie der mazedonische Ministerpräsident Zoran Zaev mitteilte. Geradezu genussvoll kündigte Vučić zudem die Möglichkeit weiterer Hilfen an: „Dies ist ein freundlicher und brüderlicher Schritt gegenüber den Menschen in Nordmazedonien. Wir haben auch keine Probleme damit, Albanien zu helfen. Wir sind ebenfalls bereit, den Albanern in Kosovo zu helfen?“

„Haben ja nicht Artillerie und Panzer geschickt“

Wie politisch aufgeladen solche Fragen sind, hatte sich schon im Dezember gezeigt, als Belgrad öffentlichkeitswirksam ein Minikontingent von 55 Impfdosen in den serbisch kontrollierten Norden des Kosovos übersandt hatte. Aus Prishtina war daraufhin von einer Einmischung in kosovarische Angelegenheiten die Rede, woraufhin Vučić erwiderte, man habe ja nicht Artillerie und Panzer geschickt, sondern nur Impfstoffe und Arznei.

Die Nachbarstaaten blicken derweil halb neidisch, halb zweifelnd auf Serbiens Erfolg. Nicht nur in Nordmazedonien wurde Kritik laut an der eigenen Regierung, die sich allzu vertrauensselig darauf verlassen habe, über die internationale Initiative Covax mit Impfstoffen versorgt zu werden. Dieses von der Weltgesundheitsorganisation betreute und maßgeblich aus EU-Mitteln finanzierte Programm soll auch wirtschaftlich schwachen Staaten unabhängig von ihren finanziellen Mitteln Zugang zu Impfstoffen gewährleisten. „Impfnationalismus“ und preistreibende Bieterwettkämpfe sollen so vermieden werden.

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Doch statt allein auf Covax zu bauen, hätte man wie Serbien den Weg bilateraler Verhandlungen gehen sollen, sagen manche Kritiker in der Region. In Nordmazedonien hofft man nun, irgendwann im Februar mit dem Impfen beginnen zu können. Viel wäre gewonnen, wenn wenigstens Krankenhauspersonal geimpft werden könnte, ist zu hören. In Serbien begann das schon vor einem Monat.

Ein im Gesundheitssystem Beschäftigter wird am 25. Januar in den Belgrader Messehallen mit dem chinesischen Vakzin geimpft. Bild: AFP

Damit wird auch die geostrategische Komponente der jüngsten Entwicklungen deutlich, Motto: China als Retter, die EU als Versager in der Not. Aleksandar Vučić verglich die Lage der Balkanstaaten unlängst mit denen der ärmeren Passagiere der Titanic: Die Reisenden der ersten Klasse hätten sich einen Platz in den Rettungsbooten gesichert, „und jene von uns, die nicht reich sind, die klein sind, wie die Länder des Westlichen Balkans, wir gehen mit der Titanic unter“.

Sollte das zum regionalen Narrativ der Krise werden wäre der Schaden für die EU beträchtlich. Auch mit Blick auf solche Gefahren hatten die Außenminister von 13 Mitgliedstaaten Anfang Januar in einem gemeinsamen Brief dazu aufgerufen, eigene Vorräte mit den Nachbarn am Balkan zu teilen. Denn die EU werde nicht sicher sein, wenn es auch die Staaten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nicht seien. Zu den Unterzeichnern gehörten außer direkten Nachbarstaaten wie Bulgarien, Kroatien, Ungarn und Rumänien auch Dänemark, Finnland und Schweden. Deutschland war nicht dabei.

Quelle: FAZ.NET
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.
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