Staatskrise in Ägypten

Der geschlossene Kreislauf

Von Markus Bickel, Kairo
10.12.2012
, 18:11
Die Gesellschaft in Ägypten ist gespalten, ob sie für oder gegen Präsident Muhammad Mursi sein soll. Die F.A.Z. geht an die Basis ägyptischer Politik - und schildert konträre Positionen am Beispiel einer Familie aus Kairo.

Uscha hat nicht viel Zeit. Verschwitzt stürmt er ins Wohnzimmer und stopft Sportsachen in eine Tasche. In seinem Leben dreht sich außerhalb seines Informatikstudiums alles um Sport: Gerade hat er sich im Fernsehen ein Fußballspiel angesehen, den Sieg seines Lieblingsvereins Al Ahly Kairo im Viertelfinale der Klubweltmeisterschaft, jetzt eilt er in das Fitnessstudio um die Ecke. „Politik interessiert mich nicht“, sagt Uscha. „Ich gehe nur ins Stadion, nicht auf Demonstrationen.“

Die Familie des jungen Mannes sitzt derweil mit einer Nachbarin zusammen - und streitet über Politik: Der Vater Magid Bajumi, dessen Schrotthandel bis zur Revolution Anfang vergangenen Jahres ganz gut lief, jetzt aber unaufhaltsam auf einen Bankrott zusteuert, die Mutter Asa mit ihrem blumigen Gewand und einem schönen Kopftuch, die wie der ruhende Pol wirkt; die ältere Schwester Marwa und ihr Mann Muhammad, ein 26 Jahre alter Bankangestellter; und schließlich die 25 Jahre alte Rana, die Nachbarin aus dem Stockwerk darunter, die mit Marwa von klein auf befreundet ist. Sie sind weder arm noch reich - ägyptische Mittelschicht, die nicht um das tägliche Brot bangen muss und es sich leisten kann, ihre Kinder studieren zu lassen. Dass sie privilegiert leben würden, kann man aber nicht sagen: Das einfache sechsstöckige Haus, in dem sie wohnen, liegt direkt an einer dicht befahrenen Stadtautobahn.

Zeit, dass endlich Ruhe einkehre

Bevor Uscha sich zum Sport aufmacht, mischt sich seine Mutter ein: „Wenn ich wüsste, dass er nicht ins Stadion, sondern auf den Tahrir-Platz geht, wäre hier einiges los.“ Einen einzigen derartigen Ausflug hat Uscha unternommen, während der Revolution gegen Husni Mubarak. Damals sei er von der Polizei festgenommen worden, erzählt er. Ein Verwandter im Sicherheitsapparat habe dafür gesorgt, dass er wieder freikam.

Uschas Schwager Muhammad, der Bankangestellte, hat ohnehin kein Verständnis für die Demonstranten, die gegen Präsident Muhammad Mursi, dessen neue Vollmachten und die Volksabstimmung über die neue Verfassung am kommenden Samstag demonstrieren. „Warum haben die Liberalen denn in letzter Minute aufgegeben und ihre Mitarbeit eingestellt?“, fragt er. „Wenn die Verfassung nicht endlich verabschiedet wird, verliert Ägypten noch mehr Zeit, und das Land kommt überhaupt nicht mehr auf die Beine.“ Es sei Zeit, dass endlich Ruhe einkehre - das sei nur möglich, wenn dem Präsidenten endlich erlaubt werde, die Probleme anzupacken, statt sich dem Machtkampf gegen seine Gegner zu widmen.

Wie ein Anhänger der islamistischen Muslimbruderschaft des Präsidenten sieht Muhammad nicht aus - schon weil sein Gesicht glatt rasiert ist. Bei der Präsidentenwahl im Sommer hat er auch erst im Stichentscheid für Mursi gestimmt. In der ersten Runde votierte er noch für den unabhängigen Islamisten Abdel Monein Abul Futuh. Doch seitdem der frühere Muslimbruder immer häufiger gegen die Politik seiner einstigen Organisation Stellung bezieht, hat er bei Muhammad an Ansehen eingebüßt. Zudem müsse Abul Futuh sich entscheiden, findet Muhammad: „Steht er nun auf Seiten der liberalen Verfassungsgegner oder auf Seiten der Islamisten?“ Seine Frau Marwa, auf deren Schoß die anderthalb Jahre alte Tochter sitzt, hält nichts von dieser Polarisierung.

„Die Sache ist ohnehin schon gelaufen“

Sie halte es mit ihrem Bruder Uscha und sehe alles sportlich, sagt sie: „Ich feuere immer den besten Spieler an.“ In der ersten Runde der Präsidentenwahl war das in ihren Augen Abul Futuh, in der Stichwahl dann Mursi - aber auch nur, weil sie Mubaraks letzten Ministerpräsidenten Ahmed Schafik als Staatschef verhindern wollte. Anders als ihr Mann will sie bei dem Referendum am Samstag ihre Stimme nicht abgeben. „Was soll ich da? Die Sache ist ohnehin schon gelaufen.“

Vater Magid schimpft über den Präsidenten, vor allem über die von Mursi am Sonntagabend angekündigten Steuererhöhungen für Benzin, Zigaretten, Alkohol und Immobilien. „Damit wird die Wirtschaft weiter geschwächt“, sagt er. „Die Leute werden sich noch stärker von ihm abwenden.“ Der Riss, der spätestens seit Mursis Selbstermächtigungsdekret im November durch die ägyptische Gesellschaft geht, führt auch hier - wie bei vielen anderen - mitten durch die Familie. Doch von der Verbissenheit und Unversöhnlichkeit, mit der der Kampf auf der Straße ausgetragen wird, ist im Wohnzimmer der Bajumis nichts zu spüren. Immer wieder gehen die Gegensätze in Gelächter unter.

„Wenn wir auch noch unseren Humor verlieren würden bei all den Problemen, wäre alles aus“, sagt Rana, die Nachbarin. Sie ist gemeinsam mit Marwa zur Schule gegangen, nun schimpfen beide gemeinsam über die vertrackte Lage, für die sie ein System alter Männer verantwortlich machen, das der Jugend keine Chance lasse. Seit vier Monaten arbeite sie bei einer internationalen Firma, sagt Rana - und könne dort nichts anwenden von dem, was sie während ihres Wirtschaftsstudiums gelernt hat. „Es ist ein geschlossener Kreislauf: Wenn du den Job nicht nimmst, der dir angeboten wird, nimmt ihn halt ein anderer.“ Deshalb tue kaum jemand das, wofür er qualifiziert sei - entsprechend unmotiviert gehe ihre Generation an die Arbeit. Auf Muhammads Einwand, nach der Revolution müsse man Geduld habe, erwidert sie schnippisch: „Du verdienst doch auch seit vier Jahren dasselbe.“ Und das, obwohl die Preise für Strom, Gas und Lebensmittel ständig gestiegen seien.

Sicherheit - wie weggeblasen

Neben Rana nickt Muhammads Schwiegermutter Asa: Sie glaube nicht, dass ihre Kinder ein besseres Leben führen werden als sie und ihr Mann, sagt sie. All die Sicherheit, die vor der Revolution galt, sei wie weggeblasen. „Früher hatte ich keine Angst, noch nachts um eins einkaufen zu gehen“, sagt die 49 Jahre alte Hausfrau. „Heute muss man ständig in Acht sein.“ Eine Rückkehr zu Mubarak wünsche sie sich deshalb nicht, doch die Hoffnung, dass keine Jugendlichen mehr sterben müssten für ihre Ideale, habe sich schon erledigt. „Wir haben im Sommer gegen Schafik gestimmt, um genau das zu verhindern“, sagt sie. „Den Fehler machen wir nicht noch einmal.“

Wie ihr Mann wird sie deshalb am Samstag zu Hause bleiben. Ihr Schwiegersohn und die Nachbarin Rana hingegen werden sich in das Wahllokal auf der anderen Seite der Stadtautobahn begeben. Muhammad will für, Rana gegen die Verfassung stimmen. „Das ist das Gute an den neuen Zeiten“, sagt Muhammad. „Jetzt hat jeder eine Stimme.“

Quelle: F.A.Z.
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