Stadtentwicklung in Paris

„Willkommen auf der größten Baustelle Europas!“

Von Michaela Wiegel, Paris
27.10.2019
, 10:51
Abbildung aus dem Buch „Paris Hide-and-Seek“
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Noch leben in Paris monarchische Städter und gefürchtete Banlieue-Bewohner getrennt voneinander. Das soll sich ändern – im vernachlässigten Norden der Stadt wird ein Gebäude nach dem anderen aus dem Boden gestampft. Auch für Olympia 2024.
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Der Weg nach Groß-Paris führt an Bauzäunen und Kratern, Kränen und Bulldozern entlang. „Willkommen auf der größten Baustelle Europas!“ Sarah Ouattara empfängt in einem Großraumbüro mit bunten Plakaten an den Wänden und Grünpflanzen. „Hier soll endlich die Grenze zwischen Paris und der Banlieue überwunden werden“, sagt sie. In Saint-Denis, wo Metro- und Schnellbahnstationen, Wohnungen und Büros, Schulen, Kindergärten, Geschäfte, Universitätsgebäude aus dem Boden gestampft werden. Und Anlagen für die Olympischen Sommerspiele in fünf Jahren.

„Grand Paris“ nennt die Regierung das Vorhaben. Zu einem „Großen Paris“ soll die Stadt mit ihren Vorstädten verschmelzen. Schon Napoleon III. träumte davon, aber jetzt rückt es in greifbare Nähe. In den nächsten elf Jahren soll das Metro-Streckennetz verdoppelt werden, 200 neue Streckenkilometer, 68 zusätzliche Metro-Bahnhöfe.

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Sarah Ouattara freut sich: Der vernachlässigte Norden der Hauptstadt werde sich zu einem neuen Verkehrsknotenpunkt entwickeln. Die 34 Jahre alte Frau mit ivorischen Wurzeln trägt einen elegant gebundenen blauen Turban zum bunten Sommerkleid. Alles an ihr strahlt Zuversicht aus. Sie hat für die Stadtverwaltung von Saint-Denis gearbeitet, bis sie den Sprung in die Selbständigkeit wagte. Ihre Firma will neu angesiedelten Unternehmen den Alltag erleichtern.

„Das Misstrauen war phänomenal“

„Happiness Officer“, steht ein wenig prahlerisch auf ihrer Visitenkarte. „Mit Bescheidenheit kommt man nicht weit“, sagt sie. Das habe sie während des Programms „Stand-up“ gelernt, das für Frauen aus der Banlieue entwickelt wurde. Ihnen soll auf diese Weise Mut gemacht werden, sich unternehmerisch zu verwirklichen. 380 Frauen jährlich werden dank „Stand-up“ durch Tutoren der renommierten Wirtschaftsschule HEC begleitet. Ouattaras Geschäft läuft gut, aber sie verwendet viel Energie auf den Kampf gegen Vorurteile.

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Denn Saint-Denis hat einen verheerenden Ruf: Überfremdung, Kriminalität, islamische Radikalisierung, Terrorismus. „Natürlich ist es kein idyllischer Flecken.“ Dennoch habe es sie schockiert, dass viele der neuen Unternehmen sich geradezu einbunkerten. „Das Misstrauen war phänomenal. Mein erster Auftraggeber ließ sich eher widerwillig dazu überreden, dass ich einen Cocktailempfang für seinen Betrieb organisierte. Hinterher meinte er überrascht: Das schmeckte ja sogar!“

Keine Königskutschen mehr: Saint-Denis heute
Keine Königskutschen mehr: Saint-Denis heute Bild: Som VOSAVANH-DEPLAGNE

Ouattara sieht sich als Botschafterin ihrer Wahlheimat. Sie will den hierher versetzten Angestellten die Angst nehmen. So arbeitet sie zum Beispiel mit der örtlichen Kaffeebrennerei zusammen und bietet Café aus Saint-Denis an, „denn Kaffeepause machen ja die meisten Beschäftigten“. Die Großbank BNP Paribas, die Versicherungsgesellschaft Generali, die Staatsbahn, das Telekomunternehmen SFR oder die Immobilienfirma Icade haben ihren Sitz in Saint-Denis angesiedelt.

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Ouattara vergleicht das Neubaugebiet, das sich über neun Kommunen erstreckt, mit Berlin nach dem Mauerfall. „Aber unsere Mauer lässt sich nicht einfach abreißen. Wir laufen ständig gegen unsichtbare Mauern, die von den Hauptstadtbewohnern errichtet wurden, um sich von der Banlieue abzugrenzen“, sagt sie. Banlieue heißt übersetzt so viel wie Bannmeile. Saint-Denis liegt nur drei Kilometer von Paris entfernt, aber eben jenseits der Ringautobahn, die eine Schneise zwischen Hauptstadt und den Trabantensiedlungen zieht.

Höhen und Tiefen der Stadtgeschichte

Francis Dubrac kann sich bis heute schrecklich darüber ereifern, dass die Stadtplaner Anfang der sechziger Jahre entschieden, die Trasse für die neue Autobahn quer durch seinen Heimatort zu ziehen. „Die Königsachse, die vom Louvre zur Basilika von Saint-Denis führte, wurde damit für immer zerstört!“

Dubrac ist 64. Er leitet ein florierendes Bauunternehmen mit 400 Beschäftigten, wenn er nicht gerade als Chef des Wirtschaftsförderung- und Tourismusverbands der neun Kommunen der „Plaine Saint-Denis“ unterwegs ist. Mit großer Geste beschreibt er die Kutschen und das Gefolge des Königs, wie sie auf einer Allee unter dem Schutz der Garden und den neugierigen Blicken des Pöbels zu dem frühgotischen Kirchengebäude fuhren. Es gehört einige Vorstellungskraft dazu, sich vor den heruntergekommenen Fassaden mit Kebap-Läden, Halal-Schlachtern, Geldwechselstuben und afrikanischen Kleidergeschäften monarchische Pracht auszumalen.

1890: Blick auf die Basilika von Saint-Denis
1890: Blick auf die Basilika von Saint-Denis Bild: Picture-Alliance

Aber Dubrac ist am Steuer seines SUV ohnehin schon eine Epoche weiter. Er spricht jetzt von der Gründerphase, die sein Großvater miterlebt hat. Der kam wie viele ausgemusterte Soldaten des Ersten Weltkriegs eher zufällig nach Saint-Denis. Er half dabei, die Straßen zu pflastern, bis er sich mit seiner Baufirma selbständig machte. Seither hat die Familie Dubrac alle Höhen und Tiefen der Stadtgeschichte mitgemacht. Dubracs Vater war mit den kommunistischen Bürgermeistern in der Arbeiterhochburg per Du. „Der Patron und der rote Stadtherr, darüber hätte man einen Film drehen können.“

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Man sieht Dubrac an, dass er Geschäftsessen nicht meidet. Patrick Braouezec, die graue Eminenz der künftigen Olympiastätten, ist sein Kumpel. Der Kommunist stand lange Jahre dem Rathaus von Saint-Denis vor, seit 2005 leitet er den Kommunenverband der „Plaine“. Dort war einst das größte Industriegebiet des Pariser Großraums angesiedelt. Der Blütezeit der Industrialisierung folgte nach den Ölschocks ein steter Niedergang.

Dennoch blieb die Gegend von Saint-Denis das Auffangbecken für Zuwanderer aus aller Herren Ländern. Dubracs Unternehmen hat alle Einwandererwellen miterlebt, spanische und italienische Arbeiter ausgebildet, später Nordafrikaner, dann Schwarzafrikaner. Jetzt bewerben sich auch zusehends Leute aus dem Osten Europas. „Die Herkunft ist mir egal, Hauptsache, die Leute wollen arbeiten“, sagt Dubrac.

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Er sei stolz darauf, dass er jedes Jahr bestimmt zwanzig jungen Leuten aus Saint-Denis den Einstieg ins Berufsleben ermögliche. Von den Baustellen für die Olympischen Spiele und „Grand Paris“ erhofft er sich viel, auch wenn ihn die Erfahrung mit dem Stade de France skeptisch gemacht hat.

Von Terror und Mut

Schon vor der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 hatte es geheißen, das neue Stadion werde das gesamte benachbarte Viertel in eine blühende Landschaft verwandeln. Aber daraus wurde nichts. International tätige Großbaufirmen rissen die meisten Aufträge an sich und heuerten Leiharbeiter an; für die lokalen Anbieter blieb nicht viel übrig.

Bilder, die um die Welt gingen: Besucher des „Stade de France“ in Saint-Denis stürmen im November 2015 während eines Länderspiels den Rasen, nachdem vor dem Stadion Sprengsätze gezündet wurden. Sie brachten Saint-Denis den Ruf ein, ein Zufluchtsort für Terroristen und andere Verbrecher zu sein.
Bilder, die um die Welt gingen: Besucher des „Stade de France“ in Saint-Denis stürmen im November 2015 während eines Länderspiels den Rasen, nachdem vor dem Stadion Sprengsätze gezündet wurden. Sie brachten Saint-Denis den Ruf ein, ein Zufluchtsort für Terroristen und andere Verbrecher zu sein. Bild: AFP

Das Stadion zieht zwar sporadisch Menschenmassen an, aber eine positive Sogwirkung für die Nachbarschaft blieb aus. Stattdessen verbinden die meisten Franzosen die Arena mit der Blutnacht vom 13. November 2015, als islamistische Terroristen während des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland ihre Sprengsätze vor dem Stadion zündeten. Der Kopf der Terrorgruppe tauchte nach den Anschlägen in Saint-Denis unter. Bis heute steht Saint-Denis im Ruf, Terroristen und Verbrechern aller Art Unterschlupf zu bieten.

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„Es war mutig, das Olympische Dorf für die Athleten in Saint-Denis zu planen“, sagt Dubrac. Er fährt mit seiner Hand vor der Windschutzscheibe hin und her, während draußen stillgelegte Fabrikhallen, Brachen und baufällige Wohnhäuser vorbeiziehen. Zu seiner Linken erstreckt sich eine Halle aus rotem Ziegel. „Industrielle Kathedralen“ nennen die Franzosen solch erhabene Zweckbauten. Nur eine Dampfturbine in der Größe einer Lokomotive zeugt noch von der ursprünglichen Verwendung der Halle: das wichtigste Elektrizitätswerk, mit dem die Hauptstadtbewohner versorgt wurden.

Zur Jahrtausendwende erwarb der französische Filmemacher Luc Besson die riesige Anlage, um dort seinen Traum von einem modernen Filmstudio-Komplex zu verwirklichen. In der „Cité du Cinéma“ drehte er Filme wie „Valerian“ und „Léon, der Profi“. Aber die Geschäfte Bessons laufen nicht gut. Die Olympischen Spiele bringen die finanzielle Rettung: In der Kantine des Filmstudiokomplexes wird das Restaurant für die Athleten sein.

Großes Kino: Regisseur Luc Besson drehte in der Cité du Cinéma Filme wie „Léon-der Profi“ mit Jean Reno in der Hauptrolle
Großes Kino: Regisseur Luc Besson drehte in der Cité du Cinéma Filme wie „Léon-der Profi“ mit Jean Reno in der Hauptrolle Bild: Allstar/Gaumont

Die Gegend wird von einem 129 Meter hohen, rostigen Stahlgerippe überragt: dem Pleyel-Turm. Das asbestverseuchte Hochhaus wurde zwei Jahre lang entkernt. In spätestens drei Jahren soll der Turm als Luxushotel neu eröffnet werden. Schon jetzt wird damit geworben, dass man von dort den schönsten Blick auf die Olympiastadt Paris habe.

Nach drei traumatischen Bewerbungspleiten seit 1992 hat Paris den Zuschlag mit dem Versprechen erhalten, bei der Ausrichtung der Spiele auf Sparsamkeit und Nachhaltigkeit zu achten. Ausgaben von 6,8 Milliarden Euro sind vorgesehen, was deutlich weniger wäre, als etwa die Sommerspiele in London 2012 kosteten. Gebaut wird vor allem in Saint-Denis, neben dem Olympischen Dorf ist auch eine neue Schwimmarena geplant.

„Made for sharing“

Einige der Athletenapartments sollen später als Sozialwohnungen vermietet werden, andere als Eigentum verkauft. „Vielleicht gelingt dann endlich die soziale Durchmischung“, sagt Dubrac. Bislang habe der schlechte Ruf der Schulen junge Familien davon abgehalten, sich in der Nähe ihres Arbeitsplatzes auch eine Wohnung zu suchen. „Kinderlose ziehen immer häufiger hierher. Aber die Schulfrage schreckt Familien ab.“ Bedenken, dass die Immobilienpreise in die Höhe schnellen und ein neuer Verdrängungsprozess stattfindet, hat er nicht. „Wir sind noch weit davon entfernt, eine Gentrifizierung befürchten zu müssen“, lacht er. Es sei schon viel gewonnen, wenn dank des neuen Olympia-Schwimmbads mehr Kinder schwimmen lernten.

Im Département Seine-Saint-Denis ist die Nichtschwimmerquote so hoch wie kaum irgendwo sonst im Land. Das liegt auch daran, dass viele muslimische Mädchen aus religiösen Gründen nicht zum Schwimmunterricht gehen. Ouattara sagt, sie hoffe auf eine neue Begeisterung für den Sport, die alle Bevölkerungsschichten erfasse. Damit würden religiöse Rückzugstendenzen viel besser bekämpft als über Sozialarbeit. „Made for sharing“ lautet ganz unfranzösisch das Motto der Olympischen Sommerspiele, genau hundert Jahre nach den letzten Sommerspielen auf französischem Boden.

„Wenn alle das Gefühl bekommen, an dem Ereignis teilzuhaben, dann wäre das besser als jede Goldmedaille“, meint auch Dubrac. Dann zeigt er auf die Absperrung vor einem privaten Autobahnzubringer zur A1. Den ließ der Rüstungs- und Medienunternehmer Serge Dassault bauen, um sich zur Flugschau nach Le Bourget chauffieren zu lassen, ohne Banlieue-Bewohnern zu begegnen. „Diese monarchischen Sitten der Abgrenzung werden hoffentlich mit Olympia 2024 beendet“, sagt Dubrac.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Wiegel, Michaela
Michaela Wiegel
Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.
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