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Studie der FU Berlin

Die Chinesen werden total überwacht – und finden es gut

Von Julia Anton
 - 14:48
Zwei Frauen zeigen ihr Smartphone mit ihren Sozialkreditpunkten bei dem kommerziellen Anbieter Sesame Credit, der zum Konzern Alipay gehört.

Wer sein Leihfahrrad nicht wieder richtig abschließt, bekommt Minuspunkte, fürs pünktliche Bezahlen beim Online-Shopping gibt es Pluspunkte: Während es in Deutschland schon kaum denkbar ist, dass die Krankenkasse Daten über die Fitness ihrer Mitglieder sammelt und entsprechende Boni vergibt, befürworten 80 Prozent der Chinesen Sozialkreditsysteme, die den Bürgern aufgrund ihres Punktestands verschiedene Vor- und Nachteile im täglichen Leben gewähren. Das ist das Ergebnis einer für chinesische Internetnutzer repräsentativen Online-Befragung mit etwa 2200 Teilnehmern der Freien Universität (FU) Berlin, die am Montag vorgestellt wurde.

Ebenfalls 80 Prozent der Befragten geben an, sich bereits freiwillig bewerten zu lassen. Dabei kann der Punktestand weitreichende Folgen haben: Er erschwert oder erleichtert den Zugang zu einem Kredit, er entscheidet, ob man im Hotel beim Check-In eine Kaution hinterlegen muss oder nicht. Ein hoher Punktestand kann beim Online-Dating helfen, ein niedriger hingegen die Chancen, einen Job zu finden, schmälern. Neben acht kommerziellen Bewertungssystemen gibt es in einigen Provinzen auch schon Pilotprojekte des Staates, die Einführung eines nationalen Systems ist für 2020 anvisiert.

Zusätzlich zu den Daten, die das Konsumverhalten betreffen, soll das staatliche Bewertungssystem auch das Verhalten der Bürger unter moralischen Aspekten bewerten: Wer alleine in einer großen Wohnung lebt, bekommt Minuspunkte, wer mit dem Fahrrad statt mit dem Auto fährt, Pluspunkte. Je mehr Punkte, desto vertrauenswürdiger ist der einzelne Bürger – und desto mehr Vorteile bekommt er. Im Internet soll es eine öffentlich einsehbare rote Liste für die besonders guten und eine schwarze Liste für die besonders schlechten Bürger geben.

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Vertrauensbildung oder Überwachung?

Besonders gut kommt das System laut der Studie bei älteren, männlichen Städtern mit hohem Bildungsstatus und gutem Einkommen an. Wohl, weil sie am meisten von den Systemen profitierten, vermutet Studienleiterin Genia Kostka. Tatsächlich scheinen Städter den Angaben der Studienteilnehmer zufolge häufiger von Vorteilen wie schneller ausgestellten Visa oder Zugang zu Express-Schlangen am Flughafen zu profitieren als Bewohner ländlicher Gebiete.

Während ein solches Punktesystem vor allem in westlichen Medien als massiver Eingriff in die Privatsphäre kritisiert wird, sind drei Viertel der Befragten überzeugt, dass solche Bewertungssysteme das von ihnen wahrgenommene Misstrauen innerhalb der Bevölkerung überwinden können. Die Vorteile, die ein guter Punktestand bringt, werden als praktisch und Verbesserung der Lebensqualität eingestuft. Kostka zitiert in der Studie außerdem einen Befragten, der das Sozialkreditsystem als Feedback betrachtet, welches schlechtes Verhalten durch geringere Job-Chancen und andere Benachteiligungen sanktioniere. Schritt für Schritt würden Sozialkreditsysteme so Vertrauen in der Gesellschaft generieren.

Kostka weißt in diesem Zusammenhang auf institutionelle Lücken im chinesischen Rechtssystem und im Bankensektor hin: Dort gebe es bislang zum Beispiel gar kein einheitliches Kreditauskunftssystem. „In einem Land, in dem die Verbraucher über giftige Babymilch oder kontaminierte Erdbeeren besorgt sein müssen oder Internetbetrüger Hunderttausende von Menschen schikanieren, wird das Sozialkreditsystem als Plattform für verlässliche Information wahrgenommen“, erklärt die Politologin.

Der Studie zufolge hat das Punktesystem indes schon längst Einfluss auf das Verhalten der Bürger genommen. Mehr als zwei Drittel lassen sich bei ihrer Kaufentscheidung demnach schon von der Sozialkredit-Bewertung der Anbieter beeinflussen, 18 Prozent haben bereits ihr Verhalten in sozialen Netzwerken verändert und Kontakte mit vermeintlich schlechtem Einfluss entfernt. Wirklich transparent ist das Bewertungssystem für die meisten aber nicht: Mehr als ein Drittel gab an, gar nicht zu wissen, wie der Punktestand errechnet würde.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
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