Krise in Südamerika

Nach dem goldenen Jahrzehnt

Von Matthias Rüb, São Paulo
15.04.2017
, 22:02
Anhänger der venezolanischen Regierung demonstrieren in Caracas
Generalstreik, hohe Geldentwertung, gewaltsame Proteste: Viele Länder Lateinamerikas stecken in tiefen politischen und wirtschaftlichen Krisen. Hohe Öleinnahmen erweisen sich mehr als Fluch denn als Segen. Doch das ist nicht das einzige Problem.
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Südamerika wird von Katastrophen erschüttert. In Chile wüteten über Wochen Waldbrände, viele Hektar Weinberge und Obstplantagen wurden vernichtet, und danach wurde die Hauptstadt Santiago von Überschwemmungen heimgesucht. In Peru verursachten sintflutartige Regenfälle an der Pazifik-Küste verheerende Überflutungen und Schlammlawinen; mehr als hundert Menschen starben, 200.000 verloren ihre Häuser, 2000 Kilometer Straßen und mehr als 170 Brücken wurden zerstört. Im Südwesten Kolumbiens riss eine Schlamm- und Gerölllawine in der Stadt Mocoa in einer einzigen Nacht mehr als 300 Menschen in den Tod.

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Diese Naturkatastrophen sind zum guten Teil vom Menschen verursacht. Der Klimawandel verstärkt das periodisch wiederkehrende Wetterphänomen „El Niño“, erhöhte Temperaturen im Oberflächenwasser des Pazifiks mit extremen Niederschlägen während der Regensaison. Zudem nimmt der Boden am Fuß der Anden als Folge von Abholzung weniger Niederschläge auf, was die Flüsse bei Starkregen immer öfter über die Ufer treten lässt. Schließlich breiten sich unkontrolliert wachsende Städte bis in unmittelbare Ufernähe oder in überflutungsgefährdetes Schwemmland aus.

Einzig auf menschliches Versagen sind aber die wirtschaftlichen und politischen Krisen zurückzuführen, die fast alle Länder der Region erfasst haben. Nur noch ferne Erinnerung sind der kräftige Wachstumsschub, die ansteckende Zuversicht und der weit in die Zukunft ausgreifende Optimismus des ersten Jahrzehnts nach dem Millenniumswechsel. Es war das „goldene Jahrzehnt“ Lateinamerikas, mit sehr hohen Weltmarktpreisen für Erdöl, Bodenschätze und Agrarprodukte. Bei der „roten Welle“ um das Jahr 2000 gelangten Linksregierungen an die Macht, die die Exporterlöse mit vollen Händen für Sozialprogramme ausgaben. Die Erfolge bei der Armutsbekämpfung sind unbestreitbar: Das verfügbare Einkommen der Armen stieg kräftig, viele Familien der Unterschicht konnten sich erstmals ein Flachbildfernsehgerät oder ein Auto leisten.

Die Zukunft leuchtete dank sozialer Regierungen

Die gute Wirtschaftsentwicklung sorgte auch für politisch stabile Verhältnisse. Von Argentinien, Uruguay und Brasilien über Bolivien und Peru bis nach Ecuador und Venezuela wurden linke Regierungen über mehrere Amtsperioden hinweg in demokratischen Wahlen bestätigt, oft mit klaren Mehrheiten. Auf der Höhe ihrer Macht waren Staatschefs wie Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien, Néstor und Cristina Fernandez de Kirchner in Argentinien, José Mujica in Uruguay, Evo Morales in Bolivien, Rafael Correa in Ecuador und Hugo Chávez in Venezuela als Potentaten und Wohltäter ihrer Nationen unangefochten. Die Zeiten wiederkehrender Putsche, rascher Regierungswechsel, kurzen Zyklen von Boom und Krise schienen vorüber. Südamerika stand im globalen Vergleich gut da. Die Zukunft leuchtete.

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Heute aber sieht es fast überall düster aus. Der Preisverfall bei Erdöl, Erzen und Agrarprodukten stürzte die Volkswirtschaften fast aller Länder Lateinamerikas in die Krise. Wo sich linke Regierungen behaupten konnten, ist ihre Machtbasis radikal geschrumpft, und wo rechte Regierungen an die Macht kamen, sehen sie ihren Rückhalt bei den Wählern schon wieder dahinschmelzen, weil die Überwindung der Rezession Zeit braucht.

Am schlimmsten ist die Lage in Venezuela. Eine katastrophale Wirtschafts- und Versorgungskrise hat das einst reichste Land Lateinamerikas mit den weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven fest im Griff. Die Inflationsrate ist dreistellig, sie könnte dieses Jahr 1000 Prozent erreichen. Bis zu 1000 Milliarden Dollar hatte der Öl-Boom dem sozialistischen Regime unter Revolutionsführer Hugo Chávez und dessen Nachfolger Nicolás Maduro in die Kassen gespült. Die positiven Auswirkungen des Geldsegens bei der Armutsbekämpfung sind verpufft. Nach drei Jahren Krise, ausgelöst durch den Verfall des Ölpreises und verschärft durch Inkompetenz des Regimes, leben heute 82 Prozent der Haushalte in Armut. Als Chávez 1999 an die Macht kam, waren es 48 Prozent. Präsident Maduro, mit dessen Amtsführung laut Umfragen nur noch 18 Prozent der Venezolaner zufrieden sind, kann sein korruptes Regime nur mit diktatorischen Mitteln und brutaler Unterdrückung der Opposition halten.

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Hat der linke Populismus Südamerikas ausgesorgt?

Auch in Bolivien und Ecuador haben die linken Langzeit-Präsidenten Evo Morales und Rafael Correa viel Rückhalt verloren. Gründe sind die schwache Wirtschaftsentwicklung und der wachsende Überdruss am aggressiven und selbstherrlichen Machtgebaren der linken Caudillos. Zu deren Hinterlassenschaften gehören eine extreme politische Polarisierung der Gesellschaft und die Verunglimpfung des politischen Gegners, die Schwächung der als Machtinstrumente missbrauchten demokratischen Institutionen und die Kujonierung kritischer Medien. Dies untergräbt die innere Stabilität und das Vertrauen der Bevölkerung in die Institutionen – wie sich zuletzt bei den von Betrugsvorwürfen überschatteten Präsidentschaftswahlen in Ecuador gezeigt hat.

Bei einem Machtwechsel zu den Konservativen kehrt aber nicht gleich Stabilität ein. In Brasilien gibt es Zeichen für eine wirtschaftliche Erholung, doch Präsident Michel Temer hat so schlechte Zustimmungsquoten wie Maduro in Venezuela. Der Widerstand von vielen Seiten verwässert seine Reformen, etwa des staatlichen Rentensystems. Der Korruptionskrake um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras und den Baugiganten Odebrecht hat mit seinen Tentakeln die gesamte brasilianische Politik erfasst – und auch zahlreiche Länder Lateinamerikas.

Das bekommt etwa Perus konservativer Präsident Pedro Pablo Kuczynski zu spüren. Der beteuert zwar – anders als seine Amtsvorgänger Ollanta Humala, Alejandro Toledo und Alan García –, kein Geld von Odebrecht genommen zu haben. Dennoch haben der Odebrecht-Skandal und die Überschwemmungen die Zustimmungswerte zu Kuczynskis Amtsführung innerhalb eines halben Jahres auf jetzt unter 30 Prozent mehr als halbiert.

Caracas
Proteste gegen venezolanischen Präsidenten dauern an
© EPA, reuters

In Argentinien sah sich Präsident Mauricio Macri am 6. April mit einem eintägigen Generalstreik konfrontiert. Die schon für 2016 versprochene Überwindung der Rezession lässt auf sich warten, die Geldentwertung liegt bei fast 40 Prozent. In Chile und in Uruguay hat der „Fluch der zweiten Amtszeit“ die linken Staatschefs Michelle Bachelet und Tabaré Vázquez getroffen: Beide kommen in aktuellen Umfragen auf weniger als 30 Prozent Zustimmung, während sie ihre ersten Amtsperioden jeweils mit hohen Beliebtheitswerten abgeschlossen hatten.

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In Paraguay will der konservative Staatschef Horacio Cartes dennoch die Verfassung ändern, um sich abermals um das Präsidentenamt bewerben zu können. Prompt kam es in Asunción zu gewaltsamen Protesten, Demonstranten legten Feuer im Gebäude der Nationalversammlung. In der Region von Feuerland bis zur Karibik ist der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos ein weiterer schwacher politischer Führer inmitten hartnäckiger Wirtschaftskrisen. Nicht einmal die Verleihung des Friedensnobelpreises für 2016 für den historischen Friedensvertrag mit der linken Farc-Guerilla konnte Santos aus dem Umfragetief von unter 30 Prozent Zustimmung heben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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