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Nomaden des Kriegs

Von RAINER HERMANN, Reyhanli

25. Februar 2020 · Assads Truppen hinterlassen auf dem Vormarsch in Idlib verbrannte Ende. Die Menschen fliehen – bis es nicht weitergeht.

Vertriebene Syrer sitzen mit ihren geretteten Besitztümern ihrer Familie in einem neu errichteten Lager in der Nähe des Dorfes Atmeh in Idlib, Syrien. Foto: Getty

D ie Dramatik des Vernichtungskrieges in Idlib ist nirgendwo so sichtbar wie beim Blick auf das Flüchtlingslager Atmeh. Dicht gedrängt überziehen unmittelbar vor der Grenze zur Türkei weiße Zelte einen Hügel nach dem anderen, bis die weißen Punkte mit dem Horizont im Osten verschmelzen. Im Westen aber prallt das weltweit größte Flüchtlingslager auf den unüberwindlich scheinenden türkischen Grenzwall. Parallel zu ihm fahren auf der türkischen Seite Armeefahrzeuge eine ungeteerte Straße auf und ab, um diejenigen aufzufangen, die es über die Mauer geschafft haben.

Noch vor einem Jahrzehnt war Atmeh eine syrische Kleinstadt, unmittelbar an der Grenze zur Türkei gelegen. Ein agrarisch geprägtes Idyll unweit der Stätten, wohin sich im frühen Christentum mönchische Einsiedler zur Askese zurückgezogen hatten. Heute ist Atmeh für immer mehr Syrer der letzte Ort der Hoffnung, um der vorrückenden Armee von Machthaber Baschar al Assad zu entkommen. Gegründet worden war es im Oktober 2011 als Auffanglager für syrische Flüchtlinge. Nach türkischen Angaben hatten vor einem Jahr bereits 800.000 Menschen in Atmeh Zuflucht gefunden.

Heute lebt und überlebt in der Zeltstadt laut türkischen Schätzungen nahezu jeder zweite der fast vier Millionen Bewohner der Provinz Idlib, dank der Hilfe des türkischen Roten Halbmonds und internationaler Organisationen. Bald könnte der Ort der Hoffnung jedoch zum Vorhof der Hölle werden. Denn im Osten steht die syrische Armee, unterstützt durch russische Kampfflugzeuge und iranische Milizen, bereits zwanzig Kilometer vor Atmeh.

Die Grenzmauer zwischen der Türkei und Syrien ist vom Dorf Atmeh aus zu sehen, um das herum sich fast zwei Millionen vertriebene Syrer angesammelt haben. Foto: Getty

Auf ihrem Vormarsch hinterlassen die Truppen verbrannte Erde. Wer rechtzeitig fliehen konnte, tat dies. Immer mehr Menschen kampieren auf der Flucht unter freiem Himmel oder schließen sich einem der 300 organisierten oder wilden Lager an. Nähern sich die Artillerieeinschläge, ziehen sie alle paar Tage weiter nach Norden oder Westen, wie Nomaden des Kriegs. Bis sie in Atmeh ankommen. Nicht auszudenken, was geschähe, würde das Flüchtlingslager beschossen und bombardiert. Die Welt erlebt in Idlib bereits die größte humanitäre Katastrophe seit dem Beginn des Kriegs in Syrien vor neun Jahren. In Atmeh aber fürchten sie nun die Apokalypse.

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25.02.2020
Quelle: F.A.Z.

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