Syrien-Konflikt

Palästinenser zwischen den Fronten

Von Hans-Christian Rößler, Ramallah
26.07.2012
, 17:18
Jarmuk am 21. Juli: Auch in dem Palästinenser-Lager wird gekämpft.
Die Palästinenser in Syrien sind längst Teil des Bürgerkriegs. Die Rebellen beschuldigen sie, Präsident Assad zu unterstützen. Sicherheitskräfte des Regimes werfen ihnen vor, zur Opposition zu halten.

Oft sind die Telefonleitungen ganz tot. Wenn Fijez Kilani doch nach Damaskus durchkommt, hallen Schüsse im Hintergrund. 19 Jahre lang lebte der Palästinenser in der syrischen Hauptstadt; seine Frau ist Syrerin. Doch Damaskus hat heute nur noch wenig mit der Stadt zu tun, die der Brigadegeneral der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO verließ, als er im Ruhestand nach Jordanien zog.

„Eines Nachts kamen Mitglieder der Freien Syrischen Armee und klopften an die Tür meines Schwagers. Sie schossen so lange auf ihn, bis er tot war. Zwei Tage später kamen sie wieder und kündigten an, auch seinen Bruder umzubringen. Zwei Tage danach töten sie ihn. Alles geschah in nur einer Woche“, berichtet der 62 Jahre alte Kilani während eines Besuchs in Ramallah. Die Mörder hätten geglaubt, seine Verwandten stünden auf der Seite des syrischen Präsidenten Baschar al Assad, sagt er. „Tagsüber kontrollieren die Sicherheitskräfte des Regimes die Stadt, nachts hat die Freie Syrische Armee in vielen Vierteln die Kontrolle übernommen.“

Fünf syrische Verwandte seiner Ehefrau sind schon zu ihm nach Jordanien geflohen. Für Palästinenser ist das nicht so einfach. Sie haben keinen syrischen Pass und brauchen eine Genehmigung des jordanischen Innenministeriums. Doch die Behörden in Amman erteilen sie nur zögerlich, obwohl sich die Lage der knapp 490.000 palästinensischen Flüchtlinge in Syrien immer weiter zuspitzt. Sie drohen zwischen die Fronten zu geraten: Die Rebellen beschuldigen die Palästinenser, Präsident Assad zu unterstützen; Sicherheitskräfte des Regimes halten ihnen vor, zur Opposition zu halten.

„Etwa 170 Palästinenser getötet“

In Syrien stehen viele Palästinenser immer noch unter dem Schock des jüngsten Massakers. Vor gut zwei Wochen wurden 15 Mitglieder der Palästinensischen Befreiungsarmee ermordet. Sie waren in der Nähe von Aleppo in einem Kleinbus unterwegs, als sie gestoppt wurden und ihnen Bewaffnete die Kehlen durchschnitten. Die Täter werden in den Reihen der Regierungsgegner vermutet. „Etwa 170 Palästinenser wurden seit dem Ausbruch des Konflikts getötet. Die meisten wurden von Scharfschützen erschossen, weil sie sich in umkämpften Gebieten aufhielten“, sagt Mohammed Stayeh. Er gehört dem Fatah-Zentralkomitee an und gilt als Vertrauter des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas. Andere palästinensische Organisationen sprechen dagegen schon von bis zu 300 Toten und mehreren tausend Festnahmen. Die Palästinenser seien Gäste in Syrien, mahnt Stayeh. Deshalb habe die PLO-Führung sie dazu aufgerufen, sich aus dem Konflikt herauszuhalten – ungeachtet ihrer persönlichen Meinung. Das werde jedoch immer schwieriger, da die palästinensischen Flüchtlinge in Syrien in ihren Lagern schon Einheimische aufgenommen hätten, die vor den Sicherheitskräften geflohen seien. Im Auftrag von Abbas bereitet Stayeh gerade einen ersten Hilfskonvoi nach Syrien vor. Vier Lastwagen mit Lebensmitteln sollen mit Hilfe der Vereinten Nationen in wenigen Tagen dorthin aufbrechen.

Die Vereinten Nationen schätzen die Situation offenbar ähnlich bedrohlich ein wie die PLO. In einem ungewöhnlich dramatischen Appell forderte das UN-Palästinenserhilfswerk (UNRWA) vor kurzem, es müsse mehr für den Schutz der Palästinenser in Syrien getan werden. Aus leidvoller Erfahrung wissen die Flüchtlinge, wie schnell sie zu Sündenböcken werden können. Als Palästinenserführer Jassir Arafat 1991 zu Saddam Hussein hielt, mussten Tausende die Golfstaaten verlassen. Auch 2003, nach der amerikanisch geführten Invasion im Irak, wurden die mehr als 30 000 Palästinenser als Freunde des vertriebenen irakischen Machthabers angefeindet und angriffen. Heute leben angeblich nur noch knapp 7000 Palästinenser im Irak; mehr als tausend mussten in Flüchtlingslagern in der jordanischen und syrischen Wüste ausharren, bis andere Länder sie aufnahmen.

Im Büro von Ihsan Salem im ersten Stock des „Mekka-Center“ in Ramallah hängt die syrische Fahne. „So viele Rechte wie in Syrien haben die palästinensischen Flüchtlinge sonst nirgendwo in der arabischen Welt; nicht einmal im autonomen Westjordanland. Ein Sturz Assads würde ihre Lage nur verschlechtern“, sagt der Vertreter der syrischen Baath-Partei. Er kann nicht verstehen, weshalb Palästinenser ein Interesse am Sturz des syrischen Regimes haben könnten, das so viel für sie tue, wie kein anderer arabischer Staat. Aber Salem muss schon seit Monaten hart kämpfen, um Palästinenser von seinen Argumenten zu überzeugen. Im Februar versuchte er, mit Unterstützern im Zentrum von Ramallah eine Solidaritätsdemonstration für Assad zu organisieren. Sie endete in einer Schlägerei mit Gegnern der syrischen Führung. Auch Salem leugnet nicht, dass sich Palästinenser in Syrien mittlerweile der Opposition angeschlossen haben: „Im Flüchtlingslager von Daraa demonstrierten einige“, sagte er. Al Qaida habe in den Lagern 50 Palästinenser für Terroraktionen in Syrien rekrutiert.

Flüchtlingslager wie normales Stadtviertel

Es ist schwer abzuschätzen, wen die Palästinenser in Syrien wirklich unterstützen. Angeblich sympathisieren vor allem viele jüngere Palästinenser mit der Opposition. Bisher gaben in den neun offiziellen und drei inoffiziellen Flüchtlingslagern die regimetreuen Organisationen den Ton an. Nach Angaben des UN-Hilfswerks UNRWA leben 486.000 Palästinenser in Syrien, das sind knapp zwei Prozent der syrischen Gesamtbevölkerung von 23 Millionen.

Sie hatten lange Zeit wenig Grund zu klagen. Im Vergleich zu anderen arabischen Staaten ging es ihnen relativ gut: Sie wurden zwar nicht zum großen Teil eingebürgert wie in Jordanien. Aber sie haben viel mehr Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten als zum Beispiel im Libanon. So gleicht das mit etwa 140.000 Einwohnern größte „inoffizielle“ Lager Jarmuk, das acht Kilometer südlich von Damaskus liegt, eher einem normalen Stadtviertel. Am Donnerstag wurden von dort Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Regimegegnern gemeldet.

Der Beginn des Bürgerkriegs ließ auch unter den Palästinensern neue Fronten aufbrechen. Im Mai 2011 war in Jarmuk während einer Trauerfeier zu einem bis dahin nie erlebten Ausbruch der Gewalt gekommen. Empörte Angehörige stürmten das Hauptquartier der Volksfront für die Befreiung Palästinas-Generalkommando (PFLP-GC). Bewaffnete PFLP-Kämpfer eröffneten das Feuer, 14 Menschen wurden nach arabischen Presseberichten getötet. Die Verwandten warfen PFLP-Führer Ahmed Dschibril vor, ihre Söhne in den Tod geschickt zu haben. Er hatte nach ihrer Überzeugung junge Männer aus Jarmuk auf Wunsch der syrischen Machthaber aufgefordert, auf dem Golan zu demonstrieren. Die Demonstranten versuchten daraufhin, am 15. Mai 2011 den Grenzzaun nach Israel zu überwinden. Dabei gab es nach syrischen Angaben mehr als 20 Tote; acht von ihnen stammten aus Jarmuk.

Dutzende Familien in den Gazastreifen zurückgekehrt

Dschibrils PFLP hält bis heute zu Assad. Auch auf die Unterstützung durch „Saiqa“, den palästinensischen Ableger der Baath-Patei, und durch die Gruppe „Fatah al Intifada“, die sich einst von der Fatah-Organisation abspaltete, kann sich das Regime weiter verlassen. Schon Baschar al Assads Vater Hafiz verstand Syrien als die Speerspitze im Kampf gegen Israel. Den palästinensischen Gegnern eines Friedensabkommens boten er und sein Sohn großzügig Gastfreundschaft an.

Als der bedrängte Präsident im Gegenzug ihre Solidarität forderte, machten sich einige schnell davon. So hat die Hamas-Organisation Damaskus schon kurz nach dem Jahreswechsel weitgehend verlassen. Die den Muslimbrüder nahestehenden palästinensischen Islamisten wollten bei einem Sturz des Assad-Regimes nicht auf der falschen Seite stehen. Auch der Islamische Dschihad soll sich aus Syrien zurückgezogen haben. Der Anführer der Gruppe, Ziad al Nakhala, zog angeblich schon vor einigen Wochen nach Iran, lässt diese Meldungen jedoch noch dementieren.

In den vergangenen Tagen kehrten wieder Dutzende Familien aus Syrien in den Gazastreifen zurück. „Die Palästinenser sind unfreiwillig längst Teil des Konflikts geworden. Das größte Lager in Jarmuk hat lange versucht, neutral zu bleiben. Das haben die Regimegegner ausgenutzt. Sie sind mittlerweile auch in Jarmuk aktiv“, sagt ein nach Gaza zurückgekehrtes Hamas-Mitglied, das sich in Damaskus nicht mehr sicher fühlte. Er fürchtet, dass sich Mitglieder des Assad-Regimes an den Palästinensern rächen könnten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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