Rebellen einigen sich mit Regime auf Evakuierung aus Aleppo
In Ost-Aleppo haben sich Rebellen nach eigenen Angaben mit dem syrischen Regime auf einen Abzug aus der umkämpften syrischen Großstadt geeinigt. Zivilisten und einige Kämpfer dürften die Rebellengebiete verlassen, sagte ein Sprecher einer Rebellengruppe der dpa. Es gebe eine Einigung „für die Evakuierung von Zivilisten und Kämpfern aus den belagerten Vierteln von Ost-Aleppo“, sagte Jasser al-Jussef von der Rebellengruppe Nurredin al-Sinki der Nachrichtenagentur AFP. Unterdessen haben Frankreich und Großbritannien eine sofortige Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates zur Lage in Aleppo beantragt. In Aleppo ereigne sich „vor unseren Augen die schlimmste humanitäre Katastrophe des 21. Jahrhunderts“, sagte der französische Botschafter bei den Vereinten Nationen, François Delattre, am Dienstag in New York.
„Wir müssen alles tun, um das Blutvergießen zu beenden, um die Menschen sicher aus der Stadt zu bringen und den Bedürftigen zu helfen“, fügte Delattre hinzu. Die Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad stehen kurz vor der Rückeroberung des Ostteils von Aleppo, der jahrelang von Rebellen kontrolliert wurde. In den Trümmern der umkämpften Viertel harren noch zehntausende Zivilisten aus.
Nach Angaben der Vereinten Nationen haben syrische Regierungstruppen und ihre Verbündeten in den vergangenen Tagen mindestens 82 Zivilisten im Ostteil Aleppos getötet. Darunter seien elf Frauen und 13 Kinder aus vier verschiedenen Bezirken des bisher von Rebellen gehaltenen Teils der Stadt, sagte der Sprecher des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Rupert Colville, am Dienstag in Genf.
Das UN-Büro könne sich auf glaubwürdige Informationen berufen, die meisten Opfer seien „wahrscheinlich in den vergangenen 48 Stunden“ getötet worden.
Die syrische Armee des Machthabers Baschar al-Assad und ihre Verbündeten haben Aleppo angeblich wieder vollständig unter ihre Kontrolle gebracht. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Militärvertreter. Eine Bestätigung für die Meldung gab es zunächst nicht. Die Rebellen, die sich während ihres Verteidigungskampfes in die Stadt zurückgezogen hatten, haben sich demnach am Montag auf das Westufer des Aleppo-Flusses zurückgezogen.
Malteser: Völlige Missachtung von Menschenrechten
Die Rückeroberung durch Assads Regierungstruppen verläuft nach Angaben von Helfern unter völliger Missachtung von Menschenrechten und internationalem Völkerrecht. „Die Lage ist höchst bedrohlich und das Leid der Menschen unvorstellbar“, sagte der stellvertretende Leiter von Malteser International, Sid Peruvemba, am Dienstag in Köln. „Unsere Sorge gilt den Zivilisten in den vormals von der Opposition kontrollierten Gebieten, denen möglicherweise lebensrettende Hilfe vorenthalten wird. Hinzu kommen Berichte über willkürliche Festnahmen, massenweise Internierung oder spurloses Verschwinden von Männern.“
Wie Einwohner in den sozialen Netzwerken melden, herrschen Chaos und große Unsicherheit in der Stadt. Die siebenjährige Bana Alabed, die zusammen mit ihrer Mutter auf Twitter aktiv ist, verbreitete am Dienstagmorgen die Nachricht: „Das ist mein letzter Moment, in dem ich lebe oder sterbe. Bana.“
Die Mitarbeiter in den von den Maltesern unterstützten medizinischen Einrichtungen in Ost-Aleppo - ein Kinderkrankenhaus und eine Blutbank - mussten unterdessen die Arbeit einstellen. Ärzte und Pflegepersonal seien im letzten verbliebenen Oppositionsgebiet eingeschlossen, hieß es.
Der vollständige Fall der Stadt in Regierungshände wäre die schwerste Niederlage für die Rebellen in dem seit 2011 währenden Konflikt in Syrien. In West-Aleppo waren einem AFP-Reporter zufolge am Montagabend Freudenschüsse zu hören. Das staatliche syrische Fernsehen zeigte feiernde Menschen, die Bilder von Staatschef Baschar al-Assad und syrische Flaggen hochhielten.
Die syrische Armee wurde bei ihrer Eroberung Aleppos seit längerem durch russische Luftangriffe unterstützt. Die Mitte November gestartete Offensive auf die Rebellenviertel im Osten der Stadt gehe „in die Endphase“, hatte ein syrischer Armee-Vertreter am Montag gesagt. „Der Kampf um Aleppo hat sein Ende erreicht“, berichtete auch der Direktor der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman. Er sprach von einem „vollständigen Zusammenbruch“ bei den Rebellen.
Binnen 24 Stunden sind laut Beobachtungsstelle mehr als 10.000 Zivilisten aus den seit 2012 von den Rebellen gehaltenen Vierteln in Ost-Aleppo geflüchtet. Angesichts von Berichten über Gräueltaten gegen zahlreiche Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, zeigte sich UN-Generalsekretär Ban Ki-moon alarmiert. Zwar könnten die Vereinten Nationen die Berichte über solche Gräueltaten nicht unabhängig überprüfen, doch habe der UN-Generalsekretär den Konfliktparteien seine „ernste Sorge„ übermittelt, sagte ein UN-Sprecher am Montag in New York. Vor allem die syrische Armee mit ihren Verbündeten Russland und Iran müssten Zivilisten schützen.
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz warnte am Dienstag in Genf, Tausende Zivilisten seien den Kämpfen zwischen Assad-Truppen und Rebellen schutzlos ausgeliefert. „Sie können nirgendwo hin fliehen“, hieß es in einer Erklärung.
Mutmaßlicher Giftgas-Angriff nahe Palmyra
In dem von der Extremistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) kontrollierten Gebiet nahe der syrischen Stadt Palmyra hat es nach Informationen von Kriegsbeobachtern am Montag vermutlich einen Giftgas-Angriff gegeben. In dem Gebiet habe es auch heftigen Beschuss aus der Luft gegeben, erklärte die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Insgesamt seien dort mindestens 53 Menschen getötet worden, darunter 28 Kinder. Unter Berufung auf Informanten vor Ort erklärte die Beobachtungsstelle, es habe Fälle von Erstickung gegeben. Mehrere Leichen hätten keine Anzeichen äußerer Verletzungen. Sie äußerte sich nicht dazu, wer für den Angriff verantwortlich ist.
Die Nachrichtenagentur Amak, die mit dem IS verbunden ist, erklärte im Internet, es habe einen russischen Angriff mit Sarin-Gas gegeben. 20 Menschen seien dabei getötet worden. Rund 200 Personen hätten Atemprobleme bekommen. Sowohl Russland als auch die syrische Armee hatten wiederholt den Einsatz von Chemiewaffen bestritten. Die Vereinten Nationen (UN) hatten Syrien den Einsatz von Sarin in einigen von Rebellen kontrollierten Vororten der Hauptstadt Damaskus 2013 vorgeworfen. Die Regierung beschuldigte dagegen die Rebellen. In diesem Jahr stellte eine UN-Kommission fest, dass sowohl die syrische Armee als auch der IS Chemiewaffen eingesetzt hätten. Die syrische Regierung bestritt dies.