Trick gegen weltweiten Mangel

Mehr Impfungen je Fläschchen

Von Joachim Müller-Jung
06.07.2021
, 18:40
Corona-Impfung in einer Hausarztpraxis in Frankfurt.
Fachleute der WHO raten bei den Corona-Impfungen zu einem Strategiewechsel. Studien zeigen, dass die Wirkung der Corona-Impfung kaum abnimmt, wenn deutlich weniger Impfstoff je Dosis gespritzt wird.

Um die Impffortschritte weltweit zu beschleunigen und die Risiken für die Entstehung neuer, gefährlicher Varianten einzudämmen, haben Impfexperten unter anderem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen neuen Vorschlag gemacht. Die verabreichten Impfstoffmengen sollen demnach auf ein Drittel bis ein Viertel des Ausgangswerts verringert und damit die Zahl verfügbarer Impfdosen vervielfacht werden. In der Fachzeitschrift Nature Medicine plädieren die Infektiologen aus Hongkong und Chicago dafür, früheren Beispielen zu folgen und so die Knappheit an Impfstoffen, die derzeit zu einer schnellen Ausbreitung der Delta-Varianten führt, schnell zu beheben.

Knapp 900 Millionen Menschen weltweit sind inzwischen vollständig geimpft, doch weniger als ein Prozent des Impfstoffs ging bisher an die Entwicklungsländer. Die Impffortschritte verlaufen aber nicht nur geographisch ungleich, sie kommen insgesamt auch zu langsam voran. Beispielgebend sollte nach Ansicht der Wissenschaftler das Notimpfprogramm gegen Gelbfieber vor sechs Jahren in Angola und Kongo sein.

Damals wurde die Menge des Wirkstoffs in der einzelnen Impfdosis zunächst auf ein Fünftel verringert. Mit diesen fraktionierten Impfdosen wurden Millionen Menschen in den beiden Ländern sowie zwei Jahre später auch in Brasilien gegen das Gelbfiebervirus erfolgreich geschützt. Fraktionierungen wurden von der WHO zudem bereits für inaktivierte Polio-Impfstoffe und Meningokokken-Impfstoff empfohlen.

Was die Covid-19-Impfstoffe angeht, haben Studien während der Entwicklung der Impfstoffe gezeigt, dass auch geringere als die in der Zulassung angegebenen Wirkstoffmengen für einen effektiven Schutz ausreichen, so die WHO. Die Impfstoffe würden nur wenig an Wirksamkeit einbüßen. Die für die Zulassung ermittelte Dosis sei zwar in kontrollierten Studien ermittelt worden, allerdings nur unter dem Aspekt einer maximalen Wirksamkeit bei noch tolerablen Nebenwirkungen.

Gefragt worden sei damals nicht, bei welcher Wirksamkeit möglichst viele Menschenleben gerettet werden könnten. Unterstützt werden die Forderungen von einer noch nicht begutachteten Studie aus Kalifornien. Die Gruppe um die bekannten Immunologen Shane Crotty und Daniela Weiskopf vom La Jolla Institute for Immunology haben die Immunantwort bei einer auf ein Viertel reduzierten mRNA-Menge des Moderna-Impfstoffs über ein halbes Jahr ermittelt. Die Wirksamkeit sank demnach nur minimal.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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