Cyberangriff auf Amerika

Flauschiges Unschuldslamm Russland?

EIN KOMMENTAR Von Reinhard Veser
19.12.2020
, 08:21
Der russische Präsident Wladimir Putin bei der jährlichen Pressekonferenz am Donnerstag nahe Moskau
Während Donald Trump zum Hackerangriff auf amerikanische Ministerien schweigt, findet Joe Biden angemessene Worte dazu. Vermutlich trauert Wladimir Putin dem scheidenden Präsident schon jetzt nach.

Fasst man in einem Satz zusammen, was Wladimir Putin in seiner Jahrespressekonferenz am Donnerstag zur internationalen Politik gesagt hat, dann sieht die Lage so aus: Russland ist ein knuddeliges Unschuldslämmchen, das der böse Westen nicht in Frieden leben lässt. In Wirklichkeit jedoch tritt Putins Regime so aggressiv auf, dass es nicht einmal die Rolle des Wolfs im Schafspelz glaubwürdig verkörpern kann.

Die Cyberattacken auf Ministerien und Behörden in den Vereinigten Staaten sind dafür das jüngste Beispiel. Und es bleibt abzuwarten, was die erst am Anfang stehenden Ermittlungen über das gesamte Ausmaß des Schadens zutage fördern: Es ist zu befürchten, dass dieser großangelegte Hack sich als folgenreicher und gefährlicher erweisen könnte als viele andere Destabilisierungsaktivitäten des Kremls in den vergangenen Jahren.

Eine interessante Frage – die angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Senat aber vermutlich nie beantwortet werden wird – ist zudem, inwiefern dieser Angriff durch das Chaos begünstigt worden ist, das Donald Trump in den Sicherheitsbehörden angerichtet hat. Putin wird dem Mann schon jetzt nachtrauern, der weder den Nervengiftanschlag auf Alexej Nawalnyj ernsthaft verurteilt hat noch sich jetzt zu einer Äußerung über den Cyberangriff aufraffen kann. Immerhin hat der künftige Präsident Joe Biden schon angemessen reagiert – auch wenn er derzeit nur Worte machen kann.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Veser, Reinhard
Reinhard Veser
Redakteur in der Politik.
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