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FAZ plus ArtikelTurkmenistan leugnet Pandemie

Zahl der Infizierten: Natürlich null

Von Friedrich Schmidt
Aktualisiert am 07.04.2020
 - 19:19
Der Schein zählt: 2011 ließ Gurbanguly Berdymuchammedow die „Turkmenische Glückswoche“ ausrichten.
Laut dem turkmenischen Alleinherrscher gibt es im Land keinen einzigen Erkrankten. Das Wort „Coronavirus“ ist tabu. Kein Wunder: Hinter den Kulissen sieht es düster aus.

Für den Weltgesundheitstag am Dienstag war im zentralasiatischen Turkmenistan ein Freudenfest des Sports geplant, mit dem Massenfahrradfahren Tausender Turkmenen als Höhepunkt. Im internationalen Vergleich mag das angesichts der Gefahren durch das neuartige Coronavirus unangebracht wirken. Aber im Reich des Alleinherrschers Gurbanguly Berdymuchammedow, der seinen gut 5,8 Millionen Untertanen unter anderem als Musiker, Sportler, Pferde- und Pflanzenfachmann voranschreitet, soll Misere keine Heimstätte haben. Nachbarländer wie Kasachstan, Usbekistan und Afghanistan haben mittlerweile Dutzende Corona-Fälle gemeldet, Iran im Südwesten gar Zehntausende Infektionen und einige tausend Tote.

Turkmenistan hat dagegen bisher als eines von wenigen Ländern der Welt noch keinen einzigen Fall gemeldet; Medienberichte über mindestens zwei Infizierte in der Hauptstadt Aschgabat Anfang März haben die Behörden zurückgewiesen. Wer von der Pandemie spricht, dem droht Arrest. Das Leugnen hat Tradition; Turkmenistan behauptet beispielsweise auch, niemand im Land sei mit dem HI-Virus infiziert.

Aschgabat ist ganz in Weiß gehalten, selbst Autos müssen diese Farbe haben: Nichts soll die scheinbare Makellosigkeit im Umfeld des früheren Zahnarztes trüben. Der turkmenische Dienst von Radio Free Europe/Radio Liberty berichtete aus Aschgabat, Leute, die über die Pandemie öffentlich sprächen oder Gesichtsmasken trügen, würden von Agenten in Zivil abgeführt; es drohten Bußgelder und Arreststrafen von zehn Tagen.

Es gibt aber Vorsichtsmaßnahmen. Die Grenzen Turkmenistans sind geschlossen, internationale Flüge gibt es nicht mehr,mancherorts wird desinfiziert.Schulkinder hatten gerade eine Woche länger Ferien. Am Montag ging der Unterrichtsbetrieb aber wieder los und Eltern sind jetzt gehalten, für den Erwerb von Steppenraute zu spenden. Mit dem Verbrennen dieses Gewächses werden öffentliche Orte ausgeräuchert, denn im März hat Berdymuchammedow der Steppenraute antivirale Wirkung zugeschrieben. Auf den dazu verbreiteten Bildern sah man den Herrscher in einem modifizierten Mercedes-Benz-Geländewagen auf gigantischen Rädern durch die Steppe rasen.

Mit Heilpflanzen gegen das Virus

Steppenraute kommt auch in Berdymuchammedows Heilpflanzen Turkmenistans“ vor, einem von Dutzenden Herrscherwerken, die Pflichtstoff für Schüler wie Minister im Land sind. Im Staatsfernsehen wird auf dieser Grundlage ein gesunder Lebenswandel gepredigt, um „saisonalen,akuten Atemwegserkrankungen“ vorzubeugen.Zudem halten Behörden dazu an, Nasen regelmäßig mit Oxolinsalbe einzuschmieren. Aber das Wort „Coronavirus“ ist Tabu.

Eine Informationsbroschüre, die noch im Februar über die Gefahren durch das Virus und Hygiene- und Distanzregeln aufklärte, wurde zurückgezogen. Berdymuchammedow lasse Medien und Behörden das Wort Coronavirus so wenig wie möglich nutzen, berichtete die Organisation Reporter Ohne Grenzen, in deren Pressefreiheits-Rangliste Turkmenistan hinter Nordkorea auf dem letzten Platz von 180 Ländern liegt.

Nachdem viel über diese Kritik berichtet worden war, hielt Berdymuchammedow jetzt eine Sitzung mit seinen Ministern ab,in der es um die Verringerung der negativen Auswirkungen der Pandemie auf Turkmenistan ging. Versprochen wurden wirtschaftliche Unterstützungsmaßnahmen.Doch auch hier sind Zweifel angebracht,denn der Einbruch bei den Rohstoffpreisen hat das auf den Export von Öl und Gas angewiesene Land am Kaspischen Meer in eine schwierige Lage gebracht. Seit Anfang dieses Monats sind Barabhebungen in ausländischen Währungen untersagt.

Unhygienische Quarantäne

Hinter den Kulissen sieht es düster aus. Aschgabat ist seit zweieinhalb Wochen ohne Erklärung abgeriegelt, der Verkehr zwischen den Landesteilen eingeschränkt. Lebensmittelpreise sind stark gestiegen, es soll Versorgungsengpässe geben. Laut Medienberichten dürften Leute mit Symptomen wie Fieber nicht an Bord von Zügen oder Bussen. Wem dort oder an einem Straßenkontrollpunkt erhöhte Temperatur gemessen wird, der wird in ein Krankenhaus gebracht. Angeblich werden Krankenhäuser auf die Behandlung von Covid-19-Kranken vorbereitet.

Es gibt auch Quarantänezonen für Verdachtsfälle und Rückkehrer aus dem Ausland. Wer dank Schmiergeld aus der Zwangsunterbringung dort flieht, soll ein hohes Bußgeld zahlen und bis zu ein Jahr in Haft. Dabei erscheint Flucht verständlich,wie ein vor kurzem veröffentlichtes Video verdeutlicht, das in der Quarantänezone der Stadt Türkmenabat im Osten des Landes aufgezeichnet worden sein soll: Dutzende Insassen sind in Doppelstockbetten in Zelten auf engstem Raum untergebracht. Dazu sagte eine (aus Sicherheitsgründen verfremdete) Stimme, einige seien symptomfrei, andere hätten Fieber.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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