Umstrittene Studie

Wann trat das Coronavirus in Italien auf?

Von Matthias Rüb, Rom
16.11.2020
, 16:49
Wissenschaftler aus Mailand und Siena wollen nachgewiesen haben, dass Sars-CoV-2 schon im September 2019 in Italien kursiert habe. Dafür gebe es „keinerlei Beweise“, kontert eine Forscherin aus Padua.

Eine am Sonntag bekanntgewordene Studie des Nationalen Instituts für Tumorerkrankungen in Mailand und der Universität Siena, wonach das Sars-CoV-2-Virus schon im September 2019 in Italien kursiert haben soll, hat unter italienischen Immunologen eine heftige Debatte ausgelöst. Die Studie liefere „keinerlei Beweise, dass das Coronavirus schon im September 2019 in Italien präsent war“, schrieb Antonella Viola, Immunologin an der Universität Padua, auf ihrer Facebook-Seite.

Zunächst müssten die von den Wissenschaftlern aus Mailand und Siena vorgenommenen Tests von anderen Labors überprüft werden. Zudem könne von der Präsenz von Antikörpern gegen Coronaviren nicht umstandslos darauf geschlossen werden, dass diese als Reaktion auf das spezifische Sars-CoV-2 gebildet worden seien. In der wissenschaftlichen Literatur sei ausführlich die Präsenz von Antikörpern beschrieben worden, die nach Kontakt mit anderen Coronaviren als dem Sars-CoV-2 gebildet worden seien. Zudem müssten weit mehr Proben als die in der Studie herangezogenen Blutproben von 959 Personen untersucht werden, vor allem als Kontrolltest vergleichbare Proben aus den Jahren 2017/18.

Institutsleiter verteidigt seine Studie

Auch der Virologe Massimo Galli vom Mailänder Institut für Tumorerkrankungen äußerte sich skeptisch. „Wenn das Virus tatsächlich schon so lange in Italien präsent gewesen sein sollte, dann muss man sich fragen, warum es nicht schon früher zur Ausbildung von Brutstätten gekommen ist“, äußerte Galli in der Tageszeitung „La Repubblica“ vom Montag.

Die Forscher aus Mailand und Siena hatten nachträglich Blutproben von 959 Personen untersucht, die zwischen September 2019 und März 2020 an freiwilligen Screenings für eine mögliche Tumorerkrankung der Lungen teilgenommen hatten. In insgesamt gut elf Prozent der seinerzeit entnommenen Proben hatten sie Antikörper gegen das Coronavirus festgestellt. 14 Prozent der nachträglich positiv auf das Coronavirus getesteten Proben waren im September 2019 entnommen worden, 30 Prozent der positiven Tests stammten aus dem Februar 2020. Mehr als die Hälfte aller positiven Proben (53,2 Prozent) stammten aus der norditalienischen Region Lombardei. Die Lombardei war während der ersten Welle der Sars-CoV-2-Infektionen im Frühjahr besonders schwer betroffen und verzeichnet auch in der gegenwärtigen zweiten Welle die höchsten Infektions- und Erkrankungszahlen.

Giovanni Apolone, Leiter des Mailänder Instituts, verteidigte die Ergebnisse der Untersuchung gegen Kritik. Die Gegenwart des Sars-CoV-2-Virus in Italien schon im September 2019 habe durch die Studie „jenseits allen berechtigten Zweifels bewiesen“ werden können, sagte Apolone dem „Corriere della Sera“ vom Montag. Die in der Untersuchung der Blutproben festgestellten Antikörper seien nicht gegen bekannte Coronaviren gebildet worden, sondern eindeutig gegen Sars-CoV-2-Viren. Dies hätten Probeuntersuchungen der Staatlichen Universitäten Mailand und Siena ergeben, sagte Apolone.

Die Ergebnisse der Studie verteidigte auch Maria Abbracchio, Professorin für Pharmakologie an der Universität Mailand. „Die wissenschaftlichen Daten sind sehr klar: Die angewandte Vorgehensweise zur Erkennung der Antikörper ist hochgradig spezifisch auf Sars-CoV-2 ausgerichtet“, sagte Abbracchio der Tageszeitung „La Repubblica“. Außerdem gebe es in Europa sowie in China zahlreiche weitere Studien, die auf eine deutlich frühere Präsenz dieses spezifischen Coronavirus als bisher angenommen hindeuteten. Zur Klärung seien weitere Studien notwendig, sagte Abbracchio.

In einem nächsten Schritt wollen die Forscher, nach Rücksprache mit dem Ethik-Beirat des Instituts, mit jenen Personen in Kontakt treten, von denen die Blutproben seinerzeit entnommen worden waren. Dabei soll erfragt werden, ob die Betreffenden zu jener Zeit Symptome entwickelt haben, die sich auf eine Covid-19-Erkrankung zurückführen ließen. Der erste positive Test auf eine Covid-19-Erkrankung war erst am 21. Februar 2020 bei einem Kranken mit atypischer beidseitiger Lungenentzündung in Codogno in der Lombardei festgestellt worden.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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