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Start der UN-Klimakonferenz

Der mühsame Kampf gegen die Erderwärmung

Von Hans-Christian Rößler, Madrid
 - 09:13
Ein schmelzender Eisberg vor der Küste Neufundlands, Kanada.

António Guterres bemühte sich spürbar, Zuversicht zu verbreiten. Wenige Stunden bevor am Montag in Madrid die UN-Klimakonferenz COP25 beginnt, wählte der UN-Generalsekretär dramatische Worte. „Unser Krieg gegen die Natur muss aufhören. Und wir wissen, dass das möglich ist“, sagte Guterres in Madrid - und dämpfte seinen Optimismus sofort wieder: „Damit das klar ist. Bislang waren unsere Anstrengungen zur Erreichung dieser Ziele völlig unzureichend.“

So werden heute auf der Welt weiterhin 120 Prozent zu viele fossile Brennstoffe produziert, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad über dem vor­in­dus­tri­el­len Ni­veau zu begrenzen, wie es das Pariser Klimaabkommen vorsieht. Momentan ist eine Er­wär­mung um mehr als drei Grad bis zum Jahr 2100 wahr­schein­lich. Dabei sterben laut Guterres jedes Jahr schon sieben Millionen Menschen an der mit dem Klimawandel verbunden Luftverschmutzung. „Wir sind schon jetzt mit einer globalen Klimakrise konfrontiert“, sagt der UN-Generalsekretär.

„Zeit zum Handeln“ lautet das offizielle Motto der bis zum 13. Dezember dauernden Konferenz. Doch vor allem die großen Industrienationen sind dazu bis heute nicht bereit, das Nötige zu tun, um den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzen, bis 2050 Klimaneutralität erreichen und die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 45 Prozent senken.


Wer hilft dem Klima?

1) Kein Land erreicht „sehr gut“. Quellen: CCPI; EU- Kommission; Global Energy; Climate Change Performance / F.A.Z.-Grafik Brocker

    Deutschland sieht sich als Vorbild, was die Klima-Politik angeht. Doch andere Länder sind schon viel weiter.
    Von ANNA STEINER

    Vereinigte Staaten




    Die Vereinigten Staaten haben sich unter Donald Trump aus dem Pariser Klimaabkommen zurückgezogen. Der Präsident behauptet, einen menschengemachten Klimawandel gebe es nicht. Zuletzt nahm er den sogenannten „Clean Power Plan“ zurück, der unter seinem Vorgänger Barack Obama verabschiedet worden war. Das Gesetz sollte die Treibhausgas-Emissionen im Verkehrssektor und in der Öl- und Gasindustrie drastisch senken. Das Ziel: den menschengemachten Klimawandel zu bekämpfen, dessen Existenz Trump leugnet. An seine Stelle trat im Mai ein Gesetz, das eine weitaus geringere Emissionsreduktion vorsieht und darauf abzielt, ärmere Haushalte zu entlasten. Experten rechnen damit, dass die CO2- Emissionen in den Vereinigten Staaten bis 2030 stark steigen werden. Allerdings entwickeln sich die Preise bei den erneuerbaren Energien günstig: Innerhalb nur eines Jahres mussten acht Kohle-Unternehmen Insolvenz anmelden. Die Konkurrenz durch billiges Fracking-Erdgas, Wind und Solar ist zu groß. Und nach der Verfassung obliegt die Umsetzung der Klimapolitik nicht der obersten Staatsebene um Trump, Umwelt- und Klimaschutz wird vor allem in den einzelnen Bundesstaaten geleistet. Kalifornien etwa will ab 2045 nur noch Ökostrom produzieren. Auch auf Ebene der Städte gibt es einige ambitionierte Klimaschutz-Programme, die von Trumps Politik weitgehend unberührt bleiben.

    Marokko




    Marokko ist das einzige Land, dem es gelingen kann, das 1,5-Grad-Ziel vorzeitig zu erreichen. Die Regierung hat eine Energie-Strategie verabschiedet, die den Ausbau von erneuerbaren Energien bis 2030 auf 52 Prozent vorsieht. Möglich machen das riesige Solarparks. Um wirklich als Vorbild zu dienen, müsste Marokko allerdings auch aus der Kohle aussteigen. Ein Kohlekraftwerk befindet sich jedoch gerade noch in Bau, und der Anteil der Kohle im Energiemix soll bis 2030 sogar ausgebaut werden.

    Deutschland




    Deutschland wäre gern ein Vorbild in Sachen Klimaschutz. Im internationalen Vergleich ist es aber nur Mittelmaß. Zu diesem Ergebnis kommt der Klimaschutz-Index der Organisation Germanwatch, der die Bundesrepublik auf Platz 27 von 60 untersuchten Ländern verortet. Immerhin: Gerade hat die Bundesregierung ein Klimaschutzpaket verabschiedet. In den nächsten drei Jahren soll es 54 Milliarden Euro kosten. Zum Vergleich: In den Jahren 2010 bis 2016 gab der deutsche Staat jährlich nur zwischen 8,5 und 10,8 Milliarden Euro aus. Bis 2050 will Deutschland weitgehend klimaneutral wirtschaften. Das Gesetzpaket sieht vor, die Mehrwertsteuer für Bahntickets von 19 auf 7 Prozent zu senken und damit das Auto im Verhältnis teurer zu machen. Die Abgabe auf Flugtickets soll steigen. Der Staat unterstützt außerdem denjenigen, der eine neue, umweltfreundlichere Heizung einbaut, sein Haus energetisch saniert oder sich ein Auto kauft, das weniger Kohlenstoffdioxid ausstößt. Außerdem sollen die Stromverbraucher über eine geringere EEG-Umlage entlastet werden. Der Kohleausstieg bis 2038 ist beschlossene Sache – heute allerdings gehört Deutschland noch zu den Ländern, die am stärksten auf die schmutzige Braunkohle setzen. Mit dem Klimaschutzpaket wurde auch eine CO2-Steuer beschlossen, die Einnahmen für den Klimafonds bringen soll. Aus diesem wiederum sollen die anderen Maßnahmen finanziert werden. „Wir haben allen Anlass zu handeln“, sagte Finanzminister Olaf Scholz bei der Verabschiedung des Gesetzes. Das stimmt wohl. Mit den bisherigen Maßnahmen wird Deutschland es nicht schaffen, die Pariser Klimaziele auch nur annähernd zu erreichen.

    Russland




    Russland, der viertgrößte Treibhaus-Emittent, steht beim Klimaschutz schlecht da. Immerhin: Das Land ist dem Klimaabkommen von Paris im September beigetreten und wird voraussichtlich auch seine Grenzwerte einhalten. Allerdings nur, weil diese so wenig ehrgeizig sind. So darf Russland bis 2030 noch mehr Treibhausgase ausstoßen als bislang. Die Regierung sieht sich auf diese Weise nicht gezwungen, eine klimafreundlichere Politik zu machen. Die Überprüfung einer solchen fiele ohnehin schwer, weil kaum Klimadaten erhoben werden. Präsident Wladimir Putin leugnet den Klimawandel nicht. Er hält aber an Kohle- und Atomenergie fest. Es wäre ja auch nicht „angenehm für die Menschen, auf einem Planeten zu leben mit einer Palisade aus Windrädern und mehreren Schichten Solarpaneelen auf dem Boden“, sagt er.

    Brasilien




    Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro gehört zu den Klimawandel-Leugnern. Unter seiner Ägide wurde das Budget für den Klimaschutz um 95 Prozent gekürzt. Der Amazonas-Regenwald wird für Acker- und Weideland fleißig brandgerodet, was die größte CO2-Senke der Welt zerstört. Ein Umweltministerium gibt es de facto nicht mehr. Durch die Nähe zum Äquator kann Brasilien allerdings schon heute einen großen Teil seiner Energie aus der Photovoltaik gewinnen. Der Strom kommt sogar zu 83 Prozent aus Wind und Solar. Allerdings befinden sich auch noch vier Kohlekraftwerke in Planung.

    Indien




    Indien baut erneuerbare Energien ehrgeizig aus. 2030 sollen Wind und Solar 40 Prozent des Energiemix ausmachen – und das, obwohl sich der Strombedarf bis dahin wohl verdreifachen wird. Wenn Indien vom Bau der geplanten Kohlekraftwerke absähe, könnte das Land sogar alle Bedingungen erfüllen, um seinen Teil zum 1,5-Grad-Ziel beizutragen. Die Regierung unter Narendra Modi will, dass bis 2020 Solarparks mit einer Leistung von insgesamt 100000 Megawatt installiert sind. Hauptgrund für den Ausbau ist, dass Solarstrom billiger ist als Kohlestrom.

    China




    China ist der größte Klimasünder der Welt. Für fast ein Drittel aller Treibhausgasemissionen ist die Volksrepublik verantwortlich. Sie hat sich dem Pariser Klimaabkommen verpflichtet und ist auf gutem Weg, die dort vereinbarten Meilensteine zu erreichen. Diese allerdings genügen nicht einmal für das 2-Grad-Ziel. Angesichts der aktuellen nationalen Klimapolitik und des nach wie vor starken Wirtschaftswachstums rechnen Experten damit, dass China bis 2030 immer mehr Treibhausgase ausstoßen wird. Die Regierung tut einiges, um diese Entwicklung zu begrenzen. So wird etwa die Produktion von Elektroautos stark subventioniert. Im vergangenen Jahr kauften chinesische Verbraucher 1,1 Millionen E-Autos – und damit mehr als der Rest der Welt zusammen. Auch bei der Gebäudesanierung vermeldet das Land Fortschritte. China ist außerdem der größte Produzent von Solartechnologie, allerdings auch der größte Kohleverbraucher: 126Kohlekraftwerke befinden sich im Bau, 76 sind in Planung.


Auch in Madrid werden dazu keine wegweisenden Entscheidungen erwartet. Es geht eher darum, die stockenden internationalen Bemühungen in Gang zu halten. Dafür werden die Delegationen erst einmal erledigen, was sie auf der letzten Klimakonferenz im polnischen Kattowitz nicht schafften. Sie müssen sich endlich auf die Leitlinien für die Umsetzung des Artikels 6 des Pariser Abkommens einigen. Der Artikel soll den weltweiten Handel von Emissionsrechten regeln.

Madrid sei weniger ein Gipfel- als ein Arbeitstreffen, sagte UN-Generalsekretär Guterres am Sonntag. Man komme vor allem zusammen, um zu verhandeln. 196 Länder werden in der spanischen Hauptstadt vertreten sein; mehr als 25.000 Teilnehmer haben sich angemeldet – aber vergleichsweise wenige internationale Spitzenpolitiker: Die Präsidenten der Vereinigten Staaten und Frankreichs bleiben ebenso zuhause wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Aus Deutschland wird erst während der zweiten Woche Umweltministerin Svenja Schulze dazukommen. Prominenteste Deutsche ist bei der Eröffnung am Montag die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die dort ihren ersten Auftritt vor einem großen UN-Forum hat.

Für die spanische Regierung ist die Konferenz wichtig, um wenigstens aller Welt zu zeigen, dass ihr der Klimaschutz am Herzen liegt. Erst im November hatte sie das UN-Treffen aus Santiago de Chile nach Madrid geholt. Chile musste wegen der andauernden Proteste absagen. Die sozialistische Minderheitsregierung in Madrid hat ehrgeizige Pläne beim Klimaschutz. Aber auch nach den zweiten Parlamentswahlen in diesem Jahr fehlt ihr die Regierungsmehrheit, um die Energiewende voranzutreiben.

Deshalb könnte in Madrid die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg bald einen großen Teil der Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Am Tag nach Konferenzbeginn hofft die Sechzehnjährige, mit ihrem Katamaran in Lissabon zu landen. Sie kommt per Segelschiff aus den Vereinigten Staaten - fliegen hält sie für zu klimaschädlich. Von Lissabon aus sind es dann noch gut 600 Kilometer nach Madrid.

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Per Klimawandel in die Katastrophe?

Das bedeutet eine neue Herausforderung, denn die Eisenbahnstrecke in die spanische Hauptstadt ist nicht komplett elektrifiziert. Spätestens bis zum Freitag hofft Greta Thunberg dennoch, am Konferenzort einzutreffen. Dann findet in Madrid auf dem Castellana-Boulevard die große „Fridays for Future“-Demonstration statt, die den Druck auf die Verhandlungsdelegationen im Messezentrum am Stadtrand erhöhen will.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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