UN-Umweltministerkonferenz

Quecksilber soll verboten werden

Von Joachim Müller-Jung
19.02.2009
, 16:24
Quecksilber ächten: Roberto Dobles, Direktor des UN-Umweltprogramms, der kenianische Prädident Mwai Kibaki und  Exekutiv-Direktor Achim Steiner (v.l.) auf dem Weg ins Kongresszentrum in Nairobi
Die Umweltminister der Vereinten Nationen haben ein Verbot von Quecksilber beschlossen. Das bei Zimmertemperatur flüssige, leicht verdampfende Metall soll weltweit aus dem Handel verbannt werden. Wie dies bewerkstelligt werden soll, ist aber noch unklar.
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Nach jahrelangen Verhandlungen haben sich die Umweltminister der Vereinten Nationen in Nairobi auf ein Verbot von Quecksilber geeinigt. „Es wird einen echten Verhandlungsauftrag geben, um in zwei Jahren zu einem Ergebnis zu kommen, wie wir Quecksilber weltweit aus dem Verkehr ziehen“, kündigte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) an.

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„Alle sind sich einig darin, dass es eine rechtlich bindende Verordnung geben soll“, bestätigte am Donnerstag auch der Sprecher des UN-Umweltprogramms (Unep), Nick Nuttall. Jetzt werde eine Arbeitsgruppe damit beauftragt, den Beschluss bis zum nächsten Unep-Verwaltungsrat in Nairobi 2011 in eine Verordnung umzusetzen.

Natürlicher Bestandteil der Geo- und Biosphäre

Über die Details wurde am Donnerstag bereits diskutiert. Die umweltpolitischen Bemühungen, Quecksilber „aus dem Verkehr zu ziehen“, können sich indessen nur auf den Handel beziehen. Denn in der Umwelt ist das giftige Material - das einzige bei Raumtemperatur flüssige und leicht verdampfende Metall - in den unterschiedlichsten Formen seit jeher präsent: ob als Element in Gasen (aus Vulkanschloten etwa, aber auch aus Verbrennungsöfen) oder in verschiedenen Verbindungen wie dem organischen Methylquecksilber, das im Ozean oder am Meeresgrund durch mikrobiellen Umbau aus metallischem Quecksilber entsteht.

Tagung der Unep in Nairobi über Umweltfragen.
Tagung der Unep in Nairobi über Umweltfragen. Bild: REUTERS

So betrachtet ist Quecksilber also ein natürlicher Bestandteil der Geo- und Biosphäre. Biologisch ist das Metall weder abbaubar noch in nennenswerten Mengen verwertbar. Wegen seiner globalen Verbreitung jedoch ist es für langlebige Organismen wie dem Menschen nahezu unvermeidlich, Quecksilber - zumindest in kleinen Mengen - aufzunehmen und im Gewebe anzureichern.

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Quecksilber in Zahnfüllungen und Impfstoffen

Nun hat der Mensch zu dem natürlichen Anteil in der Luft, im Wasser und in der Nahrung in den zurückliegenden bald hundertfünfzig Jahren, seitdem Quecksilber industriell gewonnen wird oder als Nebenprodukt anfällt, zusätzliches Quecksilber in die Umwelt freigesetzt. Die Chloralkaliindustrie und Kohleverbrennung waren in dieser Hinsicht stets wichtige Quellen. Quecksilberdämpfe, die in der Luft nach Monaten zu ionisiertem Quecksilber umgewandelt und im Wasser schließlich zu Methyl- oder Ethylquecksilber umgewandelt werden, landen in dieser Form in Fischen und Schalentieren - und damit in der menschlichen Nahrungskette.

Die beiden anderen, medizinisch besonders intensiv untersuchten Einfallstore sind Quecksilberdämpfe aus Amalgam-Zahnfüllungen und seit fast achtzig Jahren schon aus Konservierungschemikalien in Impfstoffen. Letzteres war von Toxikologen und Ärzten in den vergangenen Jahren hart bekämpft worden, weil Föten und Kleinkinder in der Entwicklung als besonders gefährdet gelten. Zielorgan Nummer eins ist das Gehirn. In dem berühmten „Minamata-Fall“ vor fünfzig Jahren, als Kleinkinder mit dem Fisch große Mengen organischen Quecksilbers aufgenommen hatten, war es zu schweren Missbildungen gekommen.

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„Eines der tödlichsten Gifte, die es gibt“

Bei akuten Vergiftungen, etwa wenn nach dem Zerbrechen eines Fieberthermometers größere Dampfkonzentrationen eingeatmet werden, kommt es zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Zerstörung von Nervengewebe. Bei chronischer Vergiftung fühlen sich Finger und Zehen zusehends pelzig an, die Haut juckt, und die Sehkraft wird eingeschränkt. Inwieweit freilich die aus Amalgam freigesetzten oder die in Vakzinen verwendeten Konzentrationen ausreichen, Vergiftungen hervorzurufen, ist weiterhin äußerst umstritten.

Die offiziellen Richtwerte jedenfalls wurden wegen der zunehmenden Verbreitung in den vergangenen Jahren immer wieder heruntergesetzt. In zahlreichen Ländern bemüht man sich, Quecksilber ganz aus Handel und Industrie zu bannen. Die schwedische Regierung hat erst vor wenigen Wochen ein solches absolutes Verbot beschlossen. Die Europäische Union hat vor zwei Jahren ein Exportverbot und schärfere Lagerbestimmungen festgelegt, die 2011 in Kraft treten. Gleiches gilt für die Vereinigten Staaten von 2013 an.

Auch Energiesparlampen setzen Quecksilber frei

Unep-Sprecher Nuttall unterstrich die Bedeutung des Quecksilber-Verbots: „Quecksilber ist eines der tödlichsten Gifte, die es gibt.“ Die Verbreitung von Quecksilber steige derzeit, vor allem durch die steigende Zahl von Kohlekraftwerken in Asien. Einige hundert Tonnen industriellen Quecksilbers fallen derzeit jährlich in der EU an, der größte Teil bei der Umstellung der Chloralkaliindustrie auf quecksilberfreie Verfahren, als Nebenprodukt bei der Förderung von Nichtmetallen und der Reinigung von Erdgas, bei der Verhüttung von Zink und schließlich beim Recycling etwa von Leuchtstoffröhren und - ja auch - von kompakten Energiesparlampen.

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Die ein bis acht Milligramm an Quecksilberdämpfen je Lampe, die zum effizienten Leuchten der „klimafreundlichen“ Birnen physikalisch unumgänglich sind, werden beim Zerstören des Glases oder bei der Verbrennung freigesetzt. Tatsächlich enden die meisten entsorgten Lampen heute auf die Deponie oder im Ofen. Vor zwei Wochen hat eine von der „Zero mercury Campaign“ - einem Projekt des Europäischen Umweltbüros EEB in Brüssel - veröffentlichte Studie behauptet, dass durch „offene“ Verbrennung und in vielerorts mangelhaft gefilterten Müllöfen jährlich rund 200 Tonnen Quecksilber in die Luft gelangen - schätzungsweise ein Zehntel aller Emissionen. Die Energiesparlampen im Müll fanden in dem Zusammenhang besondere Erwähnung.

Lob für amerikanische Delegation

In Nairobi lobte Gabriel nun den Auftritt der amerikanischen Delegation, die bislang jeden Fortschritt in dieser Frage verhindert hatte. „Man merkt, wie schnell die Atmosphäre sich verändert hat.“ So hätten die Vereinigten Staaten versichert, im Dezember einem internationalen Klimaschutzabkommen beizutreten. „Das gilt auch dann, wenn sie bis dahin ihre nationalen Gesetzgebungen noch nicht voll in Kraft haben.“ Die Amerikaner bestünden aber darauf, dass auch aufstrebende Schwellenländer wie China am Klimaschutz beteiligt würden. „Das deckt sich mit der Position der EU.“

Gabriel kündigte die Gründung eines „Zentrums für Finanzinvestitionen in eine moderne Energiepolitik“ in Frankfurt am Main an. „Es geht darum, Geld zu mobilisieren für Investitionen in erneuerbare Energien und in Energieeffizienz, die dann gerade in Entwicklungsländern stattfinden sollen, die nicht zu den großen Märkten gehören wie China oder Indien.“ Außer dem UN-Umweltprogramm und der Bundesregierung sollen sich nach Gabriels Vorstellungen auch deutsche Banken an dem Zentrum beteiligen.

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UN-Umweltprogramm wird aufgewertet

Die mehr als 1000 Delegierten aus 140 Ländern, unter ihnen gut 100 Minister, die seit Montag in Nairobi versammelt sind, verständigten sich zudem darauf, die seit Jahren geführte Diskussion über eine Aufwertung des UN-Umweltprogramms zu einer Umweltorganisation auf Ministerebene fortzusetzen. „Wir haben es geschafft, dass es nicht wieder eine Vertagung gibt in irgendwelche Expertengruppen“, sagte Gabriel. „Die Minister selber werden sich mit dem Thema befassen, weil es endlich politisch entschieden werden muss.“

Die Vereinigten Staaten wollten sich in dieser Ministergruppe ranghoch engagieren, hieß es aus Delegationskreisen. Eine Stellvertreterin von Außenministerin Hillary Clinton werde an den Sitzungen teilnehmen, um vor allem Entwicklungsländern ihre Angst vor einer stärkeren Umweltorganisation zu nehmen.

Kontrovers wurde am Donnerstag über eine Resolution diskutiert, die eine Evaluation der Umweltschäden im Gaza-Streifen nach der jüngsten Invasion Israels vorsieht. Ein Vertreter der palästinensischen Autonomiebehörde hatte bereits zu Beginn des Treffens am Montag Israel für massive Naturzerstörungen verantwortlich gemacht, die die Lebensgrundlage der Bevölkerung gefährdeten. Der Gipfel endet am Freitag.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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