Bundesregierung zu Interview

„Das ist eine Schande für die belarussische Führung“

04.06.2021
, 13:46
Roman Protassewitsch am Donnerstag im Staatsfernsehen
Das belarussische Staatsfernsehen strahlt ein Interview mit dem inhaftierten Journalisten Roman Protassewitsch aus. Seine Familie ist überzeugt, dass es unter Zwang entstanden sein muss. Die Bundesregierung verurteilt es scharf.
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In Belarus hat das Staatsfernsehen ein langes Interview mit dem inhaftierten Regierungskritiker Roman Protassewitsch gezeigt. In dem am Donnerstagabend ausgestrahlten Gespräch mit dem Sender ONT sagt der 26 Jahre alte Journalist, er habe Proteste gegen den belarussischen Machthaber Alexandr Lukaschenko organisiert. Zugleich sagte er, dass er Lukaschenko bewundere.

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Die Bundesregierung verurteilte das Interview mit Protassewitsch am Freitag scharf. Das Gespräch sei „wohl unter falschen Vorwänden zustande gekommen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin. „Das ist eine Schande für den Sender, der es ausstrahlt, und für die belarussische Führung, die nochmal ihre ganze Demokratieverachtung, und eigentlich muss man auch sagen, Menschenverachtung zeigt.“

Offensichtlich habe das Regime Protassewitsch zuvor „soweit psychisch und möglicherweise auch physisch bearbeitet, dass er dieses vollkommen unwürdige und unglaubwürdige Geständnis-Interview gibt“, sagte Seibert.

Protassewitschs in Polen lebende Mutter Natalia Protassewitsch bezeichnete das Interview als Ergebnis von Folter im Gefängnis. „Ich kann mir nicht einmal vorstellen, welchen Foltermethoden – sowohl psychischen als auch physischen – mein Sohn momentan ausgesetzt ist“, sagte die 46-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. „Eine größere Qual kann man als Mutter vermutlich nicht erleiden.“

„Sie haben ihn gebrochen“

Der Vater des Journalisten sagte der Nachrichtenagentur AFP, es schmerze ihn, das Interview zu sehen: „Ich kenne meinen Sohn sehr gut und glaube, dass er solche Dinge niemals sagen würde. Sie haben ihn gebrochen und ihn gezwungen, das zu sagen, was nötig war.“

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Kenneth Roth, der Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, sagte: „Es ist schrecklich, an die Brutalität zu denken, mit der belarussische Sicherheitskräfte Roman Protassewitsch gezwungen haben, dieses Video zu machen. Es sollte Beweismittel in einer Anklage wegen Folter und Misshandlung unter Präsident Lukaschenko sein.“

Mit teils zitternder Stimme hatte Protassewitsch in dem anderthalbstündigen Gespräch auch Anschuldigungen gegen andere belarussische Oppositionelle erhoben. Protassewitschs Eltern hatten schon vor dem Interview die Vermutung geäußert, ihr Sohn sei im Gefängnis misshandelt und zu Aussagen gezwungen worden. Lukaschenko hatte vor knapp zwei Wochen ein Passagierflugzeug in Minsk zur Landung gezwungen und Protassewitsch sowie dessen Freundin verhaften lassen. Der Vorfall hat den Konflikt zwischen Belarus und dem Westen verschärft. Die EU und die Vereinigten Staaten verhängten neue Sanktionen gegen das Land.

Quelle: dpa/niz./Reuters
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