Amerikas Abzug aus Afghanistan

Erschöpfte Kapitulation?

Von Frauke Steffens, New York
14.04.2021
, 07:27
Joe Biden will in Kürze den Abzug der Soldaten aus Afghanistan verkünden. Der Einsatz dort gilt als gescheitert, die Zukunft ohne amerikanische Truppen ist ungewiss.

Joe Biden war lange gegen den Verbleib der amerikanischen Truppen in Afghanistan – jetzt will er Fakten schaffen. Am 11. September, dem zwanzigsten Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center, soll der längste Krieg der Amerikaner enden. Bis dahin will Biden die Einheiten vom Hindukusch abgezogen haben.

Davor warnen ihn viele, auch die eigenen Berater im Pentagon. Zu groß sei die Gefahr neuer Terrorattacken auch auf heimischem Boden. Biden setzt sich über viele Verteidigungspolitiker in Washington hinweg – am Mittwoch will er das Vorhaben offiziell ankündigen. Amtsvorgänger Donald Trump hatte bereits eine Frist für den Abzug zum 1. Mai gesetzt, diese war aber verschoben worden. Die Taliban, mit denen Trump verhandelt hatte, hatten daraufhin wieder amerikanische Stützpunkte mit Raketen angegriffen. Der zwanzig Jahre währende Krieg kostete bislang fast 2400 amerikanische Soldatinnen und Soldaten das Leben – und die Regierung um die zwei Billionen Dollar.

Zermürbungskrieg mit den Taliban

Die erste Phase des Afghanistan-Einsatzes bis Frühjahr 2002 war personell begrenzt und führte durch gezielte Attacken zum Rückzug etlicher Taliban- und Al-Qaida-Führer. Doch in den folgenden Jahren wurde die Mission immer stärker erweitert, auch um humanitäre Ziele, und es begann der Zermürbungskrieg mit den Taliban. Alle amerikanischen Regierungen sahen es seither als notwendig an, im Land zu bleiben, um den Aufstieg terroristischer Gruppen wie dem „Islamischen Staat“ oder Al Qaida zu verhindern.

Auch die Biden-Regierung hat einen effektiven Kampf gegen den Terrorismus versprochen. Bislang ist Kritikern zufolge nicht klar, wie das mit dem Abzug zusammen gehen soll. Wahrscheinlich ist, dass die Taliban ihre Macht noch vergrößern werden. Beobachter gehen davon aus, dass die afghanische Armee in ihrer jetzigen Form zusammenbrechen und ein Machtvakuum hinterlassen könnte. Der andauernde Bürgerkrieg werde sich verschärfen, die einzelnen Warlords würden für eine Weile umso erbitterter gegeneinander kämpfen. Darunter würden in erster Linie Zivilisten leiden.

Wichtige Ressourcen wurden umgelenkt

Alle Fortschritte in Sachen Bürgerrechte, so klein sie insbesondere für Frauen auch sein mögen, sind in Gefahr, sobald die Taliban und andere radikale Gruppen ungehindert ihre Macht ausweiten können.

Etliche Demokraten unterstützen dennoch Bidens Vorhaben. Es sei Zeit für den Abzug – die diplomatische und humanitäre Hilfe für Afghanistan gehe schließlich weiter, sagte etwa Senator Tim Kaine aus Virginia. Viele Republikaner kritisierten den Präsidenten indessen. Senator James Inhofe aus Oklahoma etwa nannte die Entscheidung gefährlich und leichtsinnig. Carter Malkasian, langjähriger militärischer Berater der amerikanischen Regierung in Sachen Afghanistan, sieht wichtige Lektionen aus der afghanischen Erfahrung für die amerikanische Außenpolitik, sagte er der „Washington Post“: Der Aufbau von Institutionen, der Kampf gegen Korruption und letztlich die Veränderung von Gesellschaften brauche wesentlich mehr Zeit, als die Akteure in Afghanistan angenommen hätten. In künftigen Einsätzen seien solche Ziele mit kleineren Truppeneinheiten womöglich besser zu erreichen, sagte Malkasian.

Andere Fachleute widersprachen ihm in diesem letzten Punkt, so etwa der pensionierte Leutnant Colonel John Nagl, Autor der „Counterinsurgency Doctrine“ („Aufstandsbekämpfungs-Doktrin“) von 2006. Der Afghanistan-Krieg hätte gewonnen werden können, wenn nicht George W. Bush Ressourcen in den seiner Ansicht nach unnötigen Krieg im Irak umgelenkt hätte, sagte Nagl.

Ziel des Afghanistan-Einsatzes war aus amerikanischer Sicht in erster Linie die Verhinderung weiterer Terroranschläge auf heimischem Boden nach dem 11. September 2001 – da große Attacken in den Vereinigten Staaten ausblieben, sei die Mission nicht ganz gescheitert, argumentieren viele Fachleute in Washington. Im Pentagon habe sich die Aufmerksamkeit aber inzwischen mehr dem Machtkampf mit China und Russland zugewandt, berichteten Insider laut der „Washington Post“: Immer mehr Ranghohe Militärs und Verteidigungspolitiker ignorierten den Krieg und die Menschenrechtslage in Afghanistan. Gespräche mit den Taliban scheiterten zuletzt. So sehe der Rückzug auch weniger wie eine Lösung aus als wie eine erschöpfte Kapitulation vor dem Feind, kommentierte die Zeitung.

Quelle: FAZ.NET
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