Ukraine-Krieg

USA testen Hyperschallwaffensystem

Von Lorenz Hemicker
05.04.2022
, 14:08
Träger für das Hyperschallsystem: Ein amerikanischer B-52-Bomber über Großbritannien
Die Erprobung wurde zunächst geheimgehalten, um weitere Spannungen mit Russland zu vermeiden. Handelt es sich um eine Antwort auf den russischen Überfall?
ANZEIGE

Die amerikanischen Streitkräfte haben Mitte März ein Hyperschallwaffensystem getestet. Wie der Nachrichtensender CNN am Dienstag unter Berufung auf einen namentlich nicht genannten Pentagon-Vertreter berichtete, sei der Test zunächst geheim gehalten worden. Begründet wurde die Verschwiegenheit damit, dass Washington zusätzliche Spannungen mit Russland rund um die Reise von US-Präsident Joe Biden nach Europa im Angesicht des Kriegs in der Ukraine habe vermeiden wollen.

Bei dem getesteten System, dem „Hypersonic Air-breathing Weapon Concept“ (HAWC), handelt es sich um ein Projekt für einen neuen Langstrecken-Luft-Boden-Lenkflugkörper, der von der Rüstungsforschungsbehörde des amerikanischen Verteidigungsministeriums und der US-Luftwaffe entwickelt wird. Laut Angaben des Pentagon-Vertreters wurde der Flugkörper von einem vor der Pazifikküste fliegenden amerikanischen Langstreckenbomber des Typs B-52 aus gestartet. Mit Hilfe seines Scramjet-Triebwerks habe der HAWC-Flugkörper anschließend auf mehr als die fünffache Schallgeschwindigkeit beschleunigt. Er sei in rund 20.000 Meter Flughöhe und 500 Kilometer weit geflogen. Es handele sich um den ersten erfolgreichen Test des HAWC in der Version des Rüstungsherstellers Lockheed Martin. Das Wettbewerberkonsortium von Raytheon und Northrop Grumman hatte bereits im September vergangenen Jahres einen eigenen HAWC-Flugkörper erfolgreich getestet.

ANZEIGE

Der genaue Zeitpunkt des jüngsten Tests wurde zunächst nicht genannt. Allerdings soll er laut CNN „Tage“ nach der ersten russischen Meldung über den Einsatz einer eigenen Luft-Boden-Hyperschallwaffe des Typs „Kinschal“ („Dolch“) in der Ukraine stattgefunden haben. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte die „Kinschal“ als eine von mehreren „Superwaffen“ erstmals im März 2018 vorgestellt. Damals sagte er, die Entwicklungen würden sein Land „unverwundbar“ machen gegen westliche Abwehrsysteme. Der Einsatz in der Ukraine dokumentiert allerdings, dass Putin sie auch offensiv einsetzt.

Operativ unbedeutend, aber ein strategisches Risiko

Die operative Bedeutung von Hyperschallwaffen im Ukrainekrieg wurde von US-Verteidigungsminister Lloyd Austin zwar zuletzt als gering eingeschätzt. Mit ihnen hatten die Russen zuletzt vor allem Infrastruktur angegriffen. Sie gelten auch in NATO-Kreisen eher als ein Zeichen der Entschlossenheit an den Westen wie an die eigenen Truppen denn als Mittel, um eine militärische Wende herbeizuführen.

ANZEIGE

Dessen ungeachtet gelten Hyperschallwaffen zugleich als ein strategisches Risiko. Aufgrund ihrer Geschwindigkeit und Wendigkeit können sie von Raketenabwehrsysteme kaum bekämpft werden. In Fachkreisen wird vermutet, dass die Abwehrsysteme Probleme haben, weil die Hyperschallwaffen rasch zwischen den unterschiedlichen Höhenbereichen fliegen, für die sie eigentlich ausgelegt sind. Zudem verkürzt sich bei Systemen, die nuklear bewaffnet werden können, die Entscheidungszeit im Falle eines Angriffs erheblich. Das Risiko eines ungewollten atomaren Schlagabtauschs wächst dadurch.

Gegenwärtig arbeiten eine ganze Reihe von Staaten daran, eigene Hyperschallwaffensysteme zu entwickeln, allen voran die Vereinigten Staaten und China. Die NATO listet ferner in einem Papier von 2020 auch Forschungen in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Australien und Indien auf. Teils geht es dabei auch um die Abwehr von Hyperschallwaffen.

ANZEIGE

Bis die amerikanischen Streitkräfte über ein auf HAWC basierendes Hyperschallwaffensystem verfügen können, werden nach Auffassung des deutschen Raketenwissenschaftlers Markus Schiller noch Jahre vergehen. Gegenwärtig würden die Konzepte überprüft. „Man schaut jetzt erstmal, ob die Systeme funktionieren“, sagt Schiller. Danach werde entschieden, wie viel Geld die Anbieter bekommen, um die Systeme in Waffennähe weiterzuentwickeln. Wenn alles glatt laufe, könnten die ersten Hyperschallwaffen 2026 in die Truppe kommen. „Dann wären sie schnell“, sagt Schiller mit Blick auf die amerikanischen Entwickler.

Die langen Planungsphasen dokumentierten indes auch, dass die Tests in keinem Zusammenhang mit dem russischen Überfall auf die Ukraine stünden. Die Starts müssten über Jahre geplant werden, im Endeffekt „wie bei einen Weltraumraketenstart von Cape Canaveral“. Mit der akuten politischen Lage hätten sie nichts zu tun.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hemicker, Lorenz
Lorenz Hemicker
Redakteur in der Politik
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Sprachkurs
Lernen Sie Englisch
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Automarkt
Pannenhilfe und Schutz seit 1899
Gasvergleich
Gas vergleichen und sparen
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Compliance Management
ANZEIGE