<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
G-7-Vorbereitungen in Biarritz

Seealgen-Kosmetik für Macrons Gäste

Von Michaela Wiegel, Biarritz
Aktualisiert am 23.08.2019
 - 17:03
„Wenn man den Ozean hat, braucht man Paris nicht zu kopieren“: Die Strandpromenade von Biarritz wird während des G-7-Gipfels hermetisch abgeriegelt.zur Bildergalerie
Der G-7-Gipfel im französischen Biarritz steht im Zeichen des Klimaschutzes. Dabei sollen die Staats- und Regierungschefs auch persönlich Vorbild sein.

Als der Schriftsteller Victor Hugo 1843 Biarritz entdeckte, war er hingerissen. „Ich kann mir keinen charmanteren und herrlicheren Ort vorstellen“, schrieb er. Der Autor des „Glöckner von Notre-Dame“ äußerte zugleich die Sorge, dass das Fischerdorf an der Atlantikküste zu einem mondänen Seebad werden könne. „Wenn man den Ozean hat, braucht man Paris nicht zu kopieren“, warnte er.

Michel Veunac kann den Zeilen Hugos viel abgewinnen. Der 73 Jahre alte Bürgermeister von Biarritz versteht sich als Bewahrer des Ozeans und der Küstenlandschaft, „unseres einzigartigen Schatzes“, wie er sagt. Von den Staats- und Regierungschefs der sieben wichtigsten Industriestaaten (G7), die am Wochenende im Hôtel du Palais am Strand Quartier beziehen, erhofft er sich Interesse für den Umweltschutz. „Wenn es eine Botschaft gibt, die sie aus unserer Stadt am Meer mitnehmen sollten: Verschreibt euch dem Kampf gegen den Klimawandel und für die Bewahrung unserer Natur!“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z..

Im großen Rathaussaal, „alles Art déco“ wie er hervorhebt, wirkt er zunächst sorgenvoll. Ihm steht ein Bürgergespräch bevor, eines von Dutzenden, in denen er die Organisation des G-7-Gipfels erläutern soll. Viele der „Biarrots“, wie sich die Einwohner nennen, sind alles andere als begeistert von der Invasion der Sicherheitskräfte, diplomatischen Delegationen und Journalisten mitten in den Sommerferien. Die „Gelbwesten“-Bewegung hat den vornehmen Touristenort mit seinen gepflegten Villenanlagen nicht erfasst, es gab keine Proteste wie im nahe gelegenen Bayonne. Aber jetzt droht der Aufstand der Geschäftsleute. Restaurantbetreiber und Inhaber der Boutiquen fürchten Verluste ausgerechnet in der Hauptsaison, wenn das Prachtviertel der Stadt zwischen Hôtel du Palais und Casino wegen der hohen Staatsgäste abgeriegelt bleibt. Die berühmte Strandpromenade ist mehrere Tage für den Publikumsverkehr gesperrt. Einige können sich noch an den EU-Gipfel im Jahr 2000 erinnern, aber der fand Mitte Oktober statt, wenn ohnehin Besucherflaute herrscht.

Video starten

Stresstest für Urlaubsort
G-7-Treffen macht Biarritz zu schaffen

Alarmiert blicken viele Biarrots auch auf das Treiben der G-7-Gegner, das in sicherer Distanz zu ihrer Stadt stattfinden soll. Sie fürchten, dass es einigen Randalierern doch gelingen könnte, in die Wohngebiete vorzudringen. Veunac seufzt, denn er bekommt selbst zu spüren, dass er für die Verantwortlichen in Paris nur ein Nebendarsteller beim großen Gipfelspektakel ist. Immerhin hat ihm Innenminister Christophe Castaner am Dienstag persönlich die Sicherheitsvorkehrungen in Biarritz vorgestellt. 13.200 Polizisten und Gendarmen werden die Stadt bewachen, unterstützt von Hubschraubern und Drohnen. Vor der Küste kreuzt eine Fregatte. Dem Festungsgedanken kann der Stadtherr wenig abgewinnen, das spürt man bei aller Loyalität für Gastgeber Emmanuel Macron.

Seine Augen beginnen erst wieder freudig zu funkeln, als er auf seine eigenen politischen Anfänge als Umweltschützer zu sprechen kommt. 1989 engagierte er sich an der Seite des grünen Pioniers Brice Lalonde, „ein Freund“, und gründete mit ihm die Bewegung „Génération écologie“. „Das war lange bevor grüne Themen die Debatte beherrschten“, sagt er. Seit er 2014 die Geschicke der 25.000-Einwohner-Stadt übernahm, arbeitet er sich an einer grünen Agenda ab: Elektrobusse, verkehrsberuhigte Zonen, Wärmedämmung, Sitzbänke mit Solarzellen und Müllverringerung. Ganz wichtig sei ihm die Wasserqualität, wie er betont. Jeden Morgen in aller Frühe würden an den sechs Stränden der Stadt Wasserproben entnommen.

Doch im Kampf gegen Plastikmüll und verschmutzte Abwässer kann ein Bürgermeister allein nur wenig ausrichten, gesteht er ein. Beim G-7-Gipfel soll zumindest so wenig Müll wie möglich produziert werden, darauf hat er sich mit dem Elysée-Palast verständigt. Auch beim Transport der Besucher sollen die Ressourcen nicht verschwendet werden. Die Staats- und Regierungschefs werden zu Fuß unterwegs sein, schließlich liegen Hotel und Tagungsorte nur wenige Schritte voneinander entfernt.

Diplomaten und Journalisten können die ersten mit Wasserstoff angetriebenen Fahrräder ausprobieren. Die Bikes mit dem Namen „Alpha“ werden in Biarritz von der Firma Pragma Industries hergestellt und gelten als vielversprechende Alternative zu den batteriebetriebenen E-Bikes. Die Brennstoffzellentechnologie verspreche einen geringeren CO2-Fußabdruck und schnellere Ladevorgänge, erzählt Guillaume Le Berre, der Mobilitätsdirektor des Start-up-Unternehmens. Er ist auf einem der „Alpha“-Bikes zum Treffpunkt in der „Bar des Colonnes“ gekommen. An der antiken Säule des Teesalons nimmt sich das Wasserstoff-Rad besonders futuristisch aus.

Die Region stellt sich ins Schaufenster

Vom G-7-Gipfel erhofft sich Le Berre einen Vertrauensgewinn für die neue Technologie. 200 Alpha-Bikes stehen zur Verfügung, zwei Ladestationen haben rund um die Uhr geöffnet. Pragma zählt zu den weltweiten Vorreitern bei der Wasserstoff-Technologie. „Der Vorteil ist die größere Reichweite und die Möglichkeit, in wenigen Minuten den Tank zu füllen, statt mehrere Stunden an der Steckdose zu laden“, erläutert Le Berre. 150 Kilometer kann er mit seinem Rad zurücklegen, „ich benutze eigentlich kaum noch mein Auto“, sagt er. Die Stadtverwaltungen von St. Lo, Cherbourg und Chambéry haben schon Alpha-Räder zum Verleih bestellt. Das Rad eignet sich vor allem für Flottenbetreiber, da für mindestens 75.000 Euro immer noch eine Zapfsäule zum 7500 Euro teuren Fahrrad dazu gekauft werden muss. Le Berres Team arbeitet unter Hochdruck an einem Serienmodell, das weniger kostspielig sein soll. Die Städte müssten dann nur noch Ladestationen anbieten.

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren

Le Berre hofft, dass sich Macron selbst in Biarritz auf ein Alpha-Bike schwingt. Auch andere innovative Unternehmen aus dem Baskenland sollen beim G-7-Gipfel ihre Produkte vorstellen. Darauf hat Bürgermeister Veunac gedrungen, damit die Region zumindest etwas von dem Ereignis profitiert. Muriel Dubois zählt zu diesen Vorzeigeunternehmerinnen. Die sportliche Frau, eine passionierte Wellensurferin, hat mit ihrem Mann 2011 ein Kosmetikunternehmen gegründet, das sich auf die Weiterverwertung von Meeresalgen spezialisiert hat. „Alle unsere Produkte sind biologisch zertifiziert“, sagt Dubois. Ihr sei es wichtig gewesen, Sonnenschutzmittel und andere Cremes zu entwickeln, die das Meer nicht verschmutzten, sondern vom natürlichen Reichtum profitierten. Produktproben der „Laboratoires de Biarritz“ sollen auch die Staats- und Regierungschefs in ihren Hotelsuiten vorfinden.

Schon immer ein internationaler Schauplatz

Das Hôtel du Palais, das der Stadt Biarritz gehört, ist eigentlich wegen Modernisierungsarbeiten geschlossen, aber für die hohen Gäste eigens wieder geöffnet worden. Dem britischen Premierminister Boris Johnson dürfte in der Hotelhalle eine Erinnerungstafel auffallen. „In diesem Palast wurde am 7. April 1908 Henry Herbert Asquith von seiner Majestät Edward VII. zum Premierminister des britischen Empires ernannt“, steht darauf. Das Hôtel du Palais galt lange Jahre als Zweigstelle des Buckingham Palastes, dehnte Edward VII. seine Sommerurlaube an der Baskenküste doch gern auf mehrere Monate aus. So kam es auch, dass er zur Ernennung des neuen Premierministers nicht nach London zurückkehrte, sondern Asquith in Biarritz zum Regierungschef bestimmte.

Asquith trank einen Tee auf dem ältesten der sechs Golfplätze der Stadt und telegraphierte noch von dort seinem Freund Winston Churchill, um ihm das Handelsministerium vorzuschlagen. Dem Churchill-Biographen Johnson dürfte es gefallen, dass sich die Karriereanfänge seines Vorbilds bis an die baskische Küste zurückverfolgen lassen.

Aber auch die Amerikaner haben Biarritz geprägt und aus dem Seebad des europäischen Adels erst die Surfhochburg gemacht, die bis heute Wellenreiter aus der ganzen Welt anzieht. Bürgermeister Veunac spricht von „engen familiären Verbindungen Macrons zu Biarritz“. Brigitte Macrons Bruder hat eine Sommerresidenz vor Ort. Am kleinen Hafen im Restaurant „Chez Albert“ sprechen die Kellner stolz darüber, dass die Präsidentenfrau kürzlich zum Essen gekommen sei. Die Holzhäuschen, in denen die Walfänger einst ihr Material lagerten, sind längst zu besonders beliebten Urlauberwohnungen geworden.

Bürgermeister Veunac hofft auf einen G-7-Effekt nach Abschluss der Renovierungsarbeiten im Hôtel du Palais, das bislang auf der Stadtkasse lastet. 1854 hatte Napoleon III. den Palast für seine Ehefrau Eugénie bauen lassen und dabei die Flügel des Gebäudes so anlegen lassen, dass sie das E ihres Initials abbildeten. Doch 1881 musste der Kaiser die „Villa Eugénie“ verkaufen, sie wurde in ein Hotel umgewandelt. In den früheren Gemächern Napoleon III. dürfte sich Macron wohlfühlen: Immer häufiger wird er in seiner Heimat mit dem letzten Kaiser verglichen, der Frankreich modernisieren wollte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiegel, Michaela
Michaela Wiegel
Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.
Twitter
  Zur Startseite

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.