Rolle bei Flugzeugentführung

Ist Putin ein Mitwisser und Mitmischer?

Von Friedrich Schmidt, Moskau
28.05.2021
, 20:05
Belege für eine Rolle von Russlands Präsident Wladimir Putin bei der Entführung des Ryanair-Flugzeugs mit dem belarussischen Journalisten Roman Protassewitsch an Bord gibt es bisher nicht.
Steht hinter der erzwungenen Landung von Flug FR4978 in Minsk auch ein Plan des russischen Präsidenten Wladimir Putin? Bislang spricht vieles dagegen.
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Der belarussische Diktator Alexandr Lukaschenko ist regelmäßig zu Gast in Sotschi bei Präsident Wladimir Putin. Dort war er im vergangenen September, als die Protestwelle gegen ihn auf einem Höhepunkt war, und wieder im Februar, als es seinem Repressionsapparat schon gelungen war, die Welle zu brechen. Die jüngste Reise nach Sotschi, die Lukaschenko am Freitag unternahm, stand im Zeichen der Zwangsumleitung von Flug FR4978. Auch wenn Putin hervorhob, dass der Besuch schon vor „der neuerlichen Windung“, oder wie Lukaschenko sogleich sekundierte, „dem Ausbruch der Emotion“, vereinbart worden sei.

Gemeinhin erscheint Lukaschenko bei den Besuchen bei Putin als Bittsteller und Juniorpartner; seit einiger Zeit wird spekuliert, ob und wie Putin Russland bald das kleine Nachbarland einverleibe. Die Flugzeugumleitung veranlasste indes den Moskauer Soziologen Grigorij Judin zu der Beobachtung, Lukaschenko, der sich ständig radikalisiere, nehme Putin als Geisel und übernehme die Initiative: „Bisher annektiert Belarus schrittweise Russland.“

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Protassewitsch versteckte sich nicht

Im Westen ist die Ansicht verbreitet, Putin mische überall mit, sei jederzeit auf dem Laufenden, habe stets einen (sinistren) Plan. Mindestens im Fall FR4978 spricht allerdings mehr dafür, dass dem nicht so ist. Gerüchte, drei nach dem Zwangsstopp nicht aus Minsk nach Vilnius weitergeflogene Passagiere seien Russen mit Geheimdienstverbindung gewesen, bestätigten sich nicht.

Nach litauischen Angaben blieben fünf Passagiere in Minsk: der festgenommene Journalist Roman Protassewitsch, der Belarusse, dem die Aktion offenkundig galt; seine ebenfalls festgenommene russische Freundin Sofija Sapega; zwei weitere Belarussen und ein Grieche. Letztere hatten laut einem Bericht des belarussischen Staatsfernsehens ohnehin aus Vilnius nach Minsk weiterfliegen wollen, das ging damals noch.

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Sollten Putins Agenten Lukaschenkos Geheimdienst im Vorfeld geholfen haben? Um herauszufinden, dass Protassewitsch in Athen war, brauchte der KGB keine Hilfe, das konnte er sozialen Netzen entnehmen. Protassewitsch versteckte sich nicht, niemand rechnete damit, dass Lukaschenkos Regime eine Bombendrohung fingieren und einen Abfangjäger aufsteigen lassen würde.

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Für etliche Aspekte des Vorgangs lieferte Minsk wechselnde, klägliche Erklärungen. „Aus der Schweiz“ sei die Falschinformation über die Bombe an Bord gekommen, behauptete Lukaschenko am Mittwoch. Wohl weil der E-Mail-Dienst, der laut Lukaschenkos Verkehrsministerium für eine angebliche Bombendrohung der palästinensischen Hamas benutzt wurde, in der Schweiz sitzt.

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Medien haben eine Kopie der Mail erhalten und festgestellt, dass sie verschickt wurde, knapp eine halbe Stunde nachdem die Flugleitung die Piloten über ein Sicherheitsrisiko an Bord (des)informiert und zum Anflug auf Minsk aufgefordert hatte. Der Schweizer Mail-Anbieter Proton bestätigte, dass die Mail später verschickt worden sei: Man habe keine Beweise für die belarussischen Behauptungen gefunden.

Reflexhafte Gegnerschaft zum Westen

Unbestreitbar ist nur, dass sich Moskau seit dem Vorfall schützend vor den Verbündeten stellt. Es gibt unkreative Vorwürfe, der Westen messe mit zweierlei Maß, wenn er Belarus Vorwürfe wegen der Flugumleitung mache. Aufgeführte Beispiele boten weder eine gefälschte Bombendrohung noch den Einsatz von Abfangjägern. Zudem behaupten russische Medien wie RT, ebenso wie belarussische Medien und der KGB, Protassewitsch habe für das Neonazi-Bataillon Asow in der Ostukraine gekämpft. Der Journalist selbst hat berichtet, als solcher an der Front gewesen zu sein. Mehr als Ablenkung hat man nicht zu bieten.

Reflexhaft stellt sich Moskau vor Minsk, man teilt die Gegnerschaft zum Westen. „Wenn es wirklich stimmt, dass Putin jedes wesentliche Ereignis nur im Thema ‚Der Westen gegen mich‘ verbucht, hat Lukaschenko völlige Carte blanche für jeden Exzess, der sich im Rahmen von ‚Der Westen will mich stürzen, und ich schütze Smolensk‘ hält“, schrieb Judin.

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Auch Moskaus Umgang mit den europäischen Maßnahmen zur Umgehung des belarussischen Luftraums zeugt nicht von einem Plan. Nachdem Air France und Austrian Airlines nun Flüge von Paris und Wien nach Moskau streichen mussten, weil die russische Flugaufsicht die neuen Routen unter Vermeidung von Belarus nicht genehmigte, wurde spekuliert, Moskau wolle westliche Fluglinien so bestrafen und dem Regime des Verbündeten den Rücken stärken.

Doch andere Fluglinien, die jetzt ebenfalls Belarus umgehen, landeten ohne Probleme in Moskau, so die deutsche Lufthansa. In Russland wurde hervorgehoben, dass mit Frankreich und mit Österreich, anders etwa als seit Kurzem wieder mit Deutschland, pandemiebedingt noch kein regulärer Flugverkehr bestehe. Daher müssten die Flüge einzeln mit der russischen Flugaufsicht abgestimmt werden.

Eine Regel war aber nicht zu erkennen: Auch die polnische LOT und die niederländische KLM umflogen Belarus und landeten in Moskau, obwohl sie mit Russland keinen regulären Flugverkehr betreiben. Austrian Airlines erhielt die Erlaubnis der neuen Route am Freitag, und das russische Newsportal RBK berichtete, die Flugaufsicht werde es europäischen Fluglinien bald erlauben, nach Russland zu fliegen und Belarus zu umgehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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