Überfälle in Darfur

Von Gewalt erschüttert

Von Thilo Thielke, Kapstadt
02.08.2020
, 18:00
Das Massengrab für sechzig Ermordete im Dorf Masteri in West-Darfur.
Die sudanesische Krisenregion Darfur kommt nicht zur Ruhe. Trotz Lockdown plündern Bewaffnete Dörfer und ermorden die Bewohner. Das weckt schlimme Erinnerungen.
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Das Gemetzel dauerte fast zwei Tage. Vor gut einer Woche fielen rund fünfhundert Bewaffnete über das Dorf Masteri im Westen Sudans her. Sie wüteten bis zum Abend des folgenden Tages, ermordeten mehr als sechzig Menschen und verletzten mindestens ebenso viele schwer. Sie zerstörten den Marktplatz und setzten Häuser in Brand. Dann zogen sie ab. Per Hubschrauber wurden einige der Überlebenden später ins Krankenhaus in der rund fünfzig Kilometer entfernten Provinzhauptstadt El Geneina geflogen.

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Vor dem Masalit-Sultan-Haus in Masteri demonstriert seither eine Gruppe von rund fünfhundert Menschen gegen die Gewalt. Die Demonstranten gehören zu mehr als 4200 Vertriebenen, die in dem Gebäude untergebracht sind. Der Bürgerkrieg hatte sie gezwungen, ihre Heimatdörfer im Westen von Sudan zu verlassen. Nun möchten sie zurück – doch es ist zu gefährlich. Ihre ermordeten Angehörigen wollen sie nicht bestatten, bevor ihnen Gouvernement und Regierung Schutz garantiert haben.

Lockdown gegen die Gewalt

Seit Wochen eskaliert in der Region Darfur die Gewalt. Das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten registrierte allein zwischen dem 19. und 26. Juli in der Nähe der Stadt El Geneina sieben Überfälle, bei denen „Dutzende von Menschen getötet oder verletzt, etliche Dörfer und Häuser niedergebrannt und eine unbestimmte Zahl von Menschen vertrieben wurden“. Am 20. Juli rief der Gouverneur der Provinz deswegen einen kompletten Lockdown aus. Den Menschen von Masteri hat er jedoch nicht geholfen.

Die Opfer der Greuel vom vergangenen Wochenende gehören zur Volksgruppe der Masalit, die ihre Heimat in der Provinz West-Darfur hat, einer von fünf Darfur-Provinzen. Es sind überwiegend sesshafte Bauern, die hier nahe der Grenze zum Tschad siedeln. Zwischen 1884 und 1911 hatten sie sogar ihren eigenen Staat: Dar Masalit genannt, das Haus der Masalit. Später wurde ihr Land dem Vielvölkerstaat Sudan einverleibt. Die arabischen Rindernomaden in der Gegend, mit denen es immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt, nennen sich Baggara. Viele ihrer Vorfahren lebten einst vom Sklavenhandel und züchteten Kamele. Noch immer zählen sich die Baggara zu jener Niltal-Elite, die im fernen Khartum regiert.

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Doch nicht nur in West-Darfur spitzt sich die Lage zu. In Nord-Darfur, der Heimat der Zahgawa, wurden Mitte Juli bei der Erstürmung eines Protestcamps in dem Ort Fata Borno mindestens zehn Menschen getötet. Seitdem herrscht in der gesamten Provinz der Notstand. Der Gouverneur wirft den Demonstranten vor, Vertreter der Regierung angegriffen zu haben, diese bezichtigen die Regierung der Unterstützung gewalttätiger Banden. Auch in Süd-Darfur wurden jüngst mindestens zwanzig Menschen getötet, als eine arabische Miliz auf Pferden und Kamelen das Dorf Aboudos überfiel. Nach Angaben des Bürgermeisters Ahmed Nimers hätten sich die Angreifer erst vor kurzem in der Gegend südlich von der Provinzhauptstadt Nyala niedergelassen. Durch die Gewalttaten versuchten sie nun, die dort lebende Bevölkerung zu vertreiben, um das Land selbst nutzen zu können.

Zweieinhalb Millionen Vertriebene

Die Überfälle der vergangenen Woche erinnern an Greueltaten der Vergangenheit. Im Jahr 2003 hatten sich in Darfur Rebellen der „Sudan Liberation Army“ und des „Justice and Equality Movement“ gegen das Regime des vor etwas mehr als einem Jahr entmachteten Islamisten Omar al Baschir erhoben. Baschir bewaffnete zur Niederschlagung des Aufstands jene Araber, die ihm schon im Kampf gegen südsudanesische Sezessionisten zu Diensten gewesen waren und deren Milizen Djandjawid genannt wurden: apokalyptische Reiter, die in der Folge Dorf um Dorf verwüsteten und die Bevölkerung ermordeten.

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Rund zweieinhalb Millionen Menschen wurden damals vertrieben. Viele von ihnen gehören nun zu denjenigen, die sich noch immer nicht trauen, in ihre Heimat zurückzukehren. Schätzungen, die auf Befragungen von Überlebenden basieren, gehen von mindestens 300.000 Toten im damaligen Konflikt aus. Der amerikanische Sudan-Forscher Eric Reeves glaubt, es könnten bis heute doppelt so viele Menschen gestorben sein. Wegen Kriegsverbrechen erließ der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag bereits 2009 einen Haftbefehl gegen Omar al Baschir, 2010 wurde er um den Vorwurf des Völkermords ergänzt.

Der mittlerweile 76 Jahre alte Baschir wurde im vergangenen April entmachtet und steht derzeit in der sudanesischen Hauptstadt Khartum vor Gericht. Nachdem er bereits wegen Korruption, Devisenbesitzes und Geldwäsche zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, geht es diesmal um den Militärputsch, der ihn 1989 an die Macht brachte. Erst vor wenigen Tagen wurde ein Massengrab aus jener Zeit mit den Überresten von vermutlich 28 Offizieren gefunden. In diesem Verfahren droht Baschir die Todesstrafe. Eine Abschiebung an das Internationale Gericht in den Niederlanden lehnt die neue Regierung derzeit noch ab.

Anwohner versammeln sich Ende Juli nach einem Angriff auf das Dorf Masteri zu einer Massenbeerdigung.
Anwohner versammeln sich Ende Juli nach einem Angriff auf das Dorf Masteri zu einer Massenbeerdigung. Bild: dpa

Ausgerechnet jene Djandjawid-Milizen, die von Baschir einst bewaffnet wurden und lange Zeit gegen Aufrührer an der Peripherie eingesetzt waren, hatten schließlich dem Diktator die Gefolgschaft verweigert. Nachdem überwiegend junge Leute monatelang gegen das Regime demonstriert hatten, war der Djandjawid-Führer Mohammed Hamdan Daglo, besser bekannt unter dem Spitznamen Hemeti, mit seinen mittlerweile in „Rapid Support Forces“ umbenannten Truppen in Khartum eingerückt und hatte die Kontrollen über die Hauptstadt übernommen. Militär und Milizen verhafteten Baschir.

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Nach einigen Wochen, in denen es auch zu Gewalt gegen die Demonstranten kam, einigten sich die Parteien auf eine gemeinsame Übergangsregierung unter der Führung des Wirtschaftswissenschaftlers Abdalla Hamdok. Ihm wurden drei Jahre und drei Monate Zeit gegeben, das Land auf freie Wahlen vorzubereiten. Und die neue Regierung macht Fortschritte: Baschirs Nationale Kongresspartei wurde aufgelöst, Gesetze, die „unmoralisches Verhalten“ unter Strafe stellen, wurden abgeschafft und Genitalverstümmelungen verboten. Nichtmuslime dürfen im Land sogar wieder Alkohol konsumieren. Doch vielen Baschir-Gegnern geht es nicht schnell genug. Wieder demonstrierten in Khartum jüngst Zehntausende mit dem Schlachtruf „Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit“ für mehr Einfluss der Zivilisten im Kabinett.

Nach dem Rücktritt einiger Minister Mitte Juli macht die Annäherung zwischen Regierung und Darfur-Rebellen, die sich mittlerweile zur „Sudan Revolutionary Front“ vereinigt haben, langsame Fortschritte. Zwar herrscht Waffenstillstand, über ein Friedensabkommen hingegen wird immer noch verhandelt. Das Misstrauen ist nach wie vor groß. Für die Regierung führt ausgerechnet Hemeti die Gespräche: der Mann, den viele für einen Völkermörder halten.

Quelle: F.A.Z.
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